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Energie-Expertin Kemfert - "Das fossile Imperium kämpft ums Überleben"

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Industrien, die auf fossile Energien setzen, gewinnen an Macht - der Elan bei der Energiewende schwindet, beklagt Umwelt-Ökonomin Claudia Kemfert im ZDF-Interview.

Abgase des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde in Brandenburg (Archiv)
Abgase des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde in Brandenburg (Archiv)
Quelle: dpa

heute.de: Was muss aus Ihrer Sicht in der Weltpolitik passieren, damit die Klimaschutzziele erreicht werden?

Claudia Kemfert: Mit dem Pariser Abkommen hat sich die Welt vor drei Jahren als Staatengemeinschaft verpflichtet bis zur Jahrhundertmitte die Emissionen um 80 bis 95 Prozent zu senken. Das Fenster des Handelns schließt sich rasch und damit die Möglichkeit, dieses Ziel überhaupt noch zu erreichen. Uns läuft die Zeit davon. Wir brauchen dringend möglichst viele Staaten, die schnell handeln - sozusagen eine "Allianz der Willigen". Deutschland gehört ganz sicher dazu, aber auch Länder wie Kanada, die international für Klimaschutz werben.

heute.de: Was sind Ihre zentralen Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre?

Kemfert: Unsere Forschung zeigt klare Ergebnisse. Erstens: Klimaschutz und die Energiewende lohnen sich wirtschaftlich. Zweitens: Wir werden die Klimaschutz- und Energiewende-Ziele nur erreichen, wenn wir in der Umsetzung deutlich ambitionierter werden und endlich konsequent handeln.

Das heißt, erneuerbare Energien müssen deutlich stärker ausgebaut werden. Der Kohleausstieg muss heute eingeleitet und in spätestens 15 Jahren abgeschlossen sein. Eine nachhaltige Verkehrswende muss auf den Weg gebracht werden, die auf Verkehrsmeidung und -optimierung, auf Schienenverkehr und Elektromobilität sowie auf klimaschonende Antriebe setzt. Nicht zu vergessen: Wir müssen mehr tun, um Energie einzusparen.

heute.de: Welche Energieträger sind aus Ihrer Sicht schon heute verzichtbar?

Kemfert: Die Klimaziele von Paris erfordern, dass wir die Emissionen deutlich senken. Das bedeutet das Ende für nahezu alle fossilen Energieträger. Verzichtbar sind heute schon die schmutzigsten und emissionsintensivsten, nämlich die Braunkohle, die in Deutschland unnötigerweise noch immer stark genutzt wird sowie die Steinkohle, aber letztlich auch Öl und Gas - wenngleich Gas weniger emissionsintensiv ist. Es wird eine vollständige Dekarbonisierung des Wirtschaftssystems vonnöten sein, ein vollständiger Umstieg auf erneuerbare Energien.

Claudia Kemfert
Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). 2016 wurde die Umweltökonomin in den Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung berufen. Sie ist zudem Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome.
Quelle: Oliver Betke

heute.de: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang Ihre Rolle als Energieökonomin?

Kemfert: Wissenschaft liefert Erkenntnisse. Als Energieprofessorin und als Regierungsberaterin im Rahmen des Sachverständigenrates für Umweltfragen erstelle ich gemeinsam mit meinem Team eine breite Palette an wissenschaftlichen Studien zum Thema Energiewende und Klimaschutz. Die Ergebnisse stellen wir nicht nur in Fachgremien vor, sondern erläutern sie auch der breiten Öffentlichkeit. So schaffen wir Transparenz, über welche Fragen Politik und Zivilgesellschaft derzeit diskutieren und vor allem wie sie diese Transformation aktiv umsetzen können.

heute.de: Spüren Sie da eine Offenheit bei den Entscheidungsträgern? Können Sie mit Ihren Erkenntnissen überzeugen?

Kemfert: Durchaus, sonst gäbe es weder Klimaschutz-Pläne, noch die Förderung von erneuerbaren Energien oder die Energiewende. Der anfängliche Elan ist allerdings erlahmt; die fossilen Industrien setzen sich immer mehr durch, wie man aktuell am verschleppten Kohleausstieg oder dem Dieselskandal beobachten kann. Die Energiewende ist erfolgreich, erneuerbare Energien werden immer preiswerter. Das fossile Imperium kämpft ums Überleben und will die Vergangenheit möglichst lange konservieren. Die Wissenschaft ist gefragt, und muss immer wieder Fakten liefern, um Mythen zu widerlegen und sowohl Politiker als auch die Zivilgesellschaft zu informieren.

heute.de: Es gibt die Befürchtung, dass Klimaschutzmaßnahmen auf Kosten von Arbeitsplätzen gehen und die Industrie negativ beeinflussen. Was ist da dran?

Kemfert: Klimaschutz schafft Arbeitsplätze und bietet enorme wirtschaftliche Chancen. Indem wir in zukünftige Technologien und Innovationen investieren, stärken wir die Wettbewerbsfähigkeit sowohl der Wirtschaft als auch der gesamten Volkswirtschaft. Dadurch entstehen neue Arbeitsplätze, was heute bereits im Bereich der erneuerbaren Energien zu beobachten ist. Gleiches gilt etwa für die Bereiche Digitalisierung und Elektromobilität.

Wir befinden uns mitten in einem Strukturwandel, den man klug begleiten muss. Am Ende wird es mehr Gewinner, dauerhaft nachhaltige und zukunftsweisende Arbeitsplätze und eine wettbewerbsfähige und zukunftsfähige Wirtschaft geben. Und: Indem wir Umwelt- und Klimaschäden vermeiden, stärken wir die Volkswirtschaft zusätzlich.

heute.de: Sie waren jüngst in Kanada unterwegs, einer großen Industrienation, die trotzdem ein grünes Image hat. Ist dieses Bild gerechtfertigt?

Kemfert: Kanada macht in der Tat sehr viel für den Klimaschutz. Das Land setzt auf erneuerbare Energien und nachhaltige Mobilität. Viele Bürger engagieren sich aktiv für die Energiewende. Kanada produziert seinen Strom mittels Wasserkraft schon fast vollständig nachhaltig. Deutschland mit seinem Festhalten am Kohlestrom sieht dagegen schlecht aus. Allerdings fördert Kanada auch sehr emissionsintensive und klimaschädliche Energieträger wie Ölsande.
Der Abbau ist umweltschädlich, die Landschaft wird zerstört und es muss unverhältnismäßig viel Wasser eingesetzt werden. Außerdem werden Pipelines in Naturschutzgebieten gebaut, was zumindest fragwürdig ist. Dies widerspricht den eigentlich ambitionierten Klima- und Umweltzielen Kanadas.

Ölsand-Mine in Kanada
Eine Ölsand-Mine bei Alberta in Kanada (Archiv): "Der Abbau ist umweltschädlich, die Landschaft wird zerstört und es muss unverhältnismäßig viel Wasser eingesetzt werden", sagt Claudia Kemfert.
Quelle: Reuters

heute.de: Ist das vergleichbar mit Deutschland? Hohe Ziele, aber schwierig in der Umsetzung?

Kemfert: Ja, die Diskussion ist ähnlich wie in Deutschland: Einerseits gibt es viele Initiativen für aktiven Klima- und Umweltschutz, etwa in Vancouver, einer tollen Stadt in einer herrlichen Landschaft mit sehr viel Radverkehr und breiter Unterstützung für die Energiewende.
Anderserseits führen Ölpipelines direkt durch die wunderbaren Naturgebiete. Wie in Deutschland gibt es auch in Kanada eine dominante fossile Industrie, die gegen alle gesellschaftlich gewünschten Klimaschutzambitionen immer noch ihre eigenen ökonomischen Interessen durchsetzt.

Das Interview führte Markus Wolsiffer. Das Gespräch fand vor Veröffentlichung des Sonderberichts des Weltkrimarates statt.

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