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Energiewende - Ein Land wird umgekrempelt

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Kaum ein anderes Projekt hat wie die Energiewende das Potential, ein Land völlig umzukrempeln. Die Energieversorgungsstrukturen, die uns mit dem Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg Wohlstand gebracht haben, plötzlich geraten sie ins Wanken.

Wie in der Eifel erneuerbare Energien und intelligente Netze zum Einsatz kommen.

Beitragslänge:
2 min
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50 Jahre lang war alles klar: Großkraftwerke, egal ob nuklear befeuert oder mit Kohle, bildeten die zentralen Säulen der elektrischen Energieversorgung. Große Überlandleitungen transportierten den Strom dahin, wo er gebraucht wurde. Kaum jemand zog etwas anderes in Erwägung, weil es keine wirklichen alternativen Techniken gab. Das änderte sich im Laufe der 90 Jahre.

Archiv: Volker Angres am 01.01.2012
Volker Angres, ZDF-Umweltexperte Quelle: ZDF

"Die Sonne schickt keine Rechnung", war das Lieblingsargument von Hermann Scheer, Mitbegründer von EUROSOLAR und Verfechter erneuerbarer Energien. Strom aus dem Licht der Sonne und der Kraft des Windes zu gewinnen: Eine Energieversorgung ohne klimaschädliche Auswirkungen und zudem noch ohne Brennstoffkosten – was für eine Vision! Gleichzeitig stieg durch die UN-Klimakonferenzen der internationale Druck, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Auch das beflügelte die politische Idee des konsequenten Umstiegs auf erneuerbare Energie. Die Energiewende war geboren und erblicke das Sonnenlicht der Welt im Jahr 2000 in Form eines Gesetzes: Dem Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien, kurz EEG.

Energiewende ist dezentral

Seitdem wird über das Vorankommen der Energiewende politisch debattiert. Ausbaugrenzen, Vergütungshöhen und die Standortproblematik für Windkraftanlagen sind die wichtigsten Streitpunkte. Hinter den Kulissen aber ging und geht es noch um etwas anderes.

Den großen Energieversorgern wurde plötzlich klar, dass ihre Quasi-Monopole wohl nicht mehr lange überleben würden. Denn die Energiewende tickt anders: Statt einiger Großkraftwerke nun sehr viele, übers Land verteilte, kleine und mittelgroße Stromerzeugungsanlagen, von vielen Privatpersonen oder kleinen Gesellschaften betrieben.

Neu: Förderungen nur per Ausschreibung

Das EEG mit seinen Fördermöglichkeiten war höchst erfolgreich. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien kam anfänglich schnell voran. Für einige zu schnell, die Förderkosten treiben in die Höhe, Windräder "verspargelten" die Landschaft, die alte Stromnetzarchitektur kam an den Rand der Regelbarkeit, Proteste wurden immer lauter. Also wurde die Energiewende ausgebremst, das EEG novelliert.

Derzeit gilt ein Ausbaukorridor für Photovoltaik von 2,5 Gigawatt pro Jahr, für Windkraft an Land 2,8 Gigawatt. Für größere Anlagen gibt es keine Förderung pro Kilowattstunde erzeugten Stroms mehr. Anlagenbetreiber müssen sich stattdessen per Ausschreibungen um Förderung bewerben. Der, der mit den wenigsten Zuschüssen auskommt, ist im Geschäft.

Bürgergesellschaften benachteiligt

Für Ursula Sladeck, die zu den Ökostrompionieren im Land gehört, ein klarer Rückschritt:
"All das, was wir heute haben, an Energiewende, an Ökostrom, das meiste ist ja von den Bürgern geschaffen worden. Und jetzt gibt es ein Rollback, ein politisches, dass wieder die Großen unterstützt werden und das sieht man jetzt, in der Art und Weise, wie das EEG umgeändert wird, dass zum Beispiel Bürgergesellschaften massiv benachteiligt werden, es ihnen fast unmöglich gemacht wird, weiterhin diese Rolle zu spielen."

Ursula Sladek befürchtet einen durch die Ausschreibungen begründeten bürokratischen Preiskampf, dem kleine Stromerzeuger nicht standhalten können. In der Tat lässt sich derzeit beobachten, dass die genannten Ziele in den Ausbaukorridoren nicht erreicht werden, die Energiewende stockt – mit erheblichen Folgen für Deutschlands Klimaschutzziele: "Die CO-2-Emissionen gehen so langsam zurück, dass wir für die Energiewende noch weit über hundert Jahre brauchen. Deswegen ist das, was Deutschland macht, momentan, viel, viel zu wenig für den Klimaschutz", meint Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

Nur Bündnis 90/Die Grünen sind voll auf Energiewendekurs

Nur Bündnis 90/Die Grünen stehen ohne Wenn und Aber zur Energiewende. In ihrem Wahlprogramm setzen sie auf 100 Prozent Ökostrom bis 2030, wollen den Kohleausstieg einleiten und die Ausbaubremse für Erneuerbare abschaffen. Damit beschreibt die Umwelt-Partei das ehrgeizigste Ziel. Alle anderen Parteien sehen zwar auch die Notwendigkeit der Energiewende, formulieren aber Ziele zaghafter: Bis 2050 soll die Energieversorgung weitgehend treibhausgasneutral sein, sagt die SPD.

Die CDU stellt im gemeinsamen Wahlprogramm mit der CSU fest, dass die Energiewende doch gut vorangekommen sei. Die FDP fordert einen Neustart in Sachen in Energiewende und ist offen für einen Energiemix. Die Linke möchte 100 Prozent Ökostrom bis 2040, aber nur, wenn es dabei sozial gerecht zugeht, da man den Kräften der Marktwirtschaft offenbar misstraut.

Wichtig: Wärme- und Verkehrssektor einbinden

Doch Strom allein macht noch keine Energiewende. Wesentlich für das Erreichen der deutschen Klimaziele ist die Umstellung des Wärme- und Verkehrssektors auf erneuerbare Energien. Diese Sektoren benötigen momentan zwei Drittel des gesamten Energiebedarfs.
"Im Bereich der Elektromobilität, was ja eine Chance wäre, geht es ja extrem langsam voran und im Verkehrsbereich sind sogar im letzten Jahr die Kohlendioxid-Emissionen angestiegen, statt zu fallen", stellt Volker Quaschning fest.

Ein ähnlich düsteres Szenario zeichnet er auch für die ebenfalls notwendige Wärmewende: "Wir heizen hier in Deutschland im Wesentlichen mit Öl und Gas, was wir dann auch noch importieren. Und wenn wir die Energiewende ernst nehmen, müssen wir auch in diesen Bereichen in den nächsten 20 Jahren ausschließlich erneuerbare Energien einsetzen. Bei dem heutigen Tempo ist das schwer vorstellbar, dass das mit der jetzigen Politik gelingen kann."

Vielversprechende Ansätze gibt es schon

Doch es gibt zukunftsträchtige Ansätze. Power-to-gas ist einer davon. Mit Hilfe von Windstrom wird das Gas Wasserstoff erzeugt, dass dann nahezu universell eingesetzt und auch gut gespeichert werden kann. Im Stromsektor zeigen die schlauen Netze, die smart grids, was in ihnen steckt. Gesteuert durch einen zentralen Rechner kann ein ganzes Dorf mit dem per Photovoltaik selbsterzeugten Strom, gepuffert über Batterien, sicher versorgt werden.

Schon heute ist Strom aus erneuerbaren Quellen kostengünstiger als Strom aus Kohle- Gas- und Kernkraftwerken. Was fehlt, sind politische Rahmenbedingungen, die so ausgerichtet sind, dass auch die Verbraucherinnen und Verbraucher davon profitieren können.

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