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Entfremdete Medienelite - "Soziale Herkunft prägt Berichterstattung"

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Die Chefs der großen Medienunternehmen sind vor allem Männer aus gutem Hause, sagt Elitenforscher Michael Hartmann. Er sieht Handlungsbedarf bei der Ausbildung junger Journalisten.

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3 min
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heute.de: Herr Hartmann, Sie sprechen von einer "Entfremdung" der Medien – wo lässt sich die beobachten?

Michael Hartmann: Diese Entfremdung zeigt sich zum Beispiel, wenn in den Medien steht: Uns ging's noch nie so gut wie heute. Manch einer denkt da: Bei mir stimmt das aber nicht. Wenn das regelmäßig immer wieder auftaucht, dann sagt man irgendwann: Die lügen. Was nicht stimmt - aber viele Leute im unteren Drittel der Einkommensschichten interessiert nicht der Durchschnittswert. Die interessiert ihre Wirklichkeit.

Und da hat es in den letzten beiden Jahrzehnten ein klares Minus beim Realeinkommen gegeben, beim unteren Zehntel um gut 14 Prozent. Die festangestellten Redakteure bei den großen Medien dagegen zählen meistens zu den oberen zehn Prozent, bei denen es im gleichen Zeitraum einen 22-prozentigen Zuwachs gegeben hat. Das verzerrt den Blick.

heute.de: Wo sehen Sie die Gründe für diese Entfremdung?

Hartmann: Das hängt zu einem großen Teil mit der Rekrutierung und der Lebenssituation der Medienelite und der Journalisten in den großen Medien zusammen. Wenn man den Begriff sehr eng hält, gehören zur Elite die Herausgeber und die Chefredakteure der großen Printmedien. Und die Intendanten, Chefredakteure und Programmdirektoren von Rundfunk und Fernsehen. Selbst wenn man noch andere hohe Führungskräfte hinzunimmt, ist das ein sehr überschaubarer Kreis von 150 bis 200 Personen.

Es sind im Wesentlichen Männer, die zu zwei Dritteln aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung kommen. Die Medienelite ist zusammen mit der Justizelite die zweitexklusivste nach der Wirtschaftselite. Es gibt allerdings einen großen Unterschied zwischen öffentlich-rechtlich und privat: Im privaten Bereich stammen knapp vier von fünf Personen aus den oberen vier Prozent, im öffentlich-rechtlichen ist es nur gut die Hälfte.

heute.de: Und wie die Medienelite tickt, bestimmt die Berichterstattung?

Hartmann: Es hat einen wesentlichen Einfluss darauf, weil die Elite die Grundausrichtung bestimmt. Auch der Frauenanteil ist im privaten Bereich sehr überschaubar. Obwohl es jetzt bei Spiegel, Stern, Süddeutscher Zeitung und Bild ein paar Neubesetzungen mit Frauen gegeben hat, liegt der vielleicht bei 15 Prozent. Im öffentlich-rechtlichen Bereich liegt der Frauenanteil bei gut einem Viertel. Auch dieser Teil der Bevölkerung ist immer noch unterrepräsentiert, aber nicht mehr so schwach vertreten wie früher.

Menschen mit Migrationshintergrund gibt es in der Elite praktisch überhaupt keine, weder im privaten noch im öffentlich-rechtlichen Bereich. Und es gibt noch eine Minderheit: Das sind Personen mit DDR-Biografie. Die gibt es auch nur bei den beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten im Osten.

heute.de: Wie beeinflusst diese soziale Prägung den Blick auf die Welt?

Hartmann: Die Sichtweise auf die Gesellschaft ist geprägt durch unsere Herkunft. Wir haben 2012 eine große Studie gemacht und die Inhaber der 1.000 wichtigsten Machtpositionen in Deutschland untersucht. Auch aus der Medienelite waren knapp 50 dabei. Und für mich war interessant: Gesellschaftliche Ungleichheiten werden komplett anders bewertet, je nachdem, aus welchem Milieu man selbst stammt. Der Blick auf eine Gesellschaft und das, was man richtig und falsch findet, wird geprägt durch die eigene Herkunft.

heute.de: Wie schlägt sich das in der Berichterstattung nieder?

Hartmann: Das zeigt sich bei der Themenauswahl und auch bei der Frage, wie Themen behandelt werden. Soziale Herkunft prägt die Berichterstattung - es ist kein böser Wille. Es ist selten Absicht. Das passiert in der Regel unbewusst, man merkt nicht, wo der blinde Fleck im eigenen Auge ist.

heute.de: Chefredakteure und Programmdirektoren bestimmen in der Regel eher die groben Linien. Zeigt sich die ungleiche Verteilung auch bei Redakteuren?

Hartmann: Leider gibt es kaum Informationen über die soziale Herkunft. Die genaueste Studie ist 20 Jahre alt. Damals kam fast ein Drittel der Journalisten aus der höchsten von vier Herkunftsgruppen und nur knapp jeder achte aus der niedrigsten, der unteren Bevölkerungshälfte. Das dürfte sich nach meinen Beobachtungen noch verschärft haben.

Und meine Erfahrung ist: Der Zugang bei den größeren Medien wird immer schwieriger. Man braucht Praktika, am besten bei angesehenen Medieninstitutionen. Die früher noch üblichen Wege über Volontariate bei irgendwelchen Lokalzeitungen gibt es immer seltener. Die Volontariate bei den größeren Medien sind schwieriger zu kriegen und dann muss man Vorleistungen bringen. Nicht nur Praktika, sondern auch Vorarbeiten, die man mit der Bewerbung abliefern muss. Und das erfordert Zeit. Jemand, der arbeiten muss, um sich über Wasser zu halten, der hat die Zeit einfach nicht.

Oder es gibt bestimmte Anforderungen, die bildungsbürgerlich sind. Also wenn man sich die Journalistenschulen anguckt, die Auswahlgespräche und ähnliches: Da bist du, wenn du nicht aus dem bildungsbürgerlichen Umfeld stammst, bei einem Teil der Fragen aufgeschmissen. Eine Doktorandin von mir hat Anfang des Jahrzehnts im Rahmen ihrer Doktorarbeit eine Befragung bei den drei führenden Journalistenschulen gemacht. 68 Prozent der Befragten stammten aus der obersten Herkunftsgruppe - Akademiker in leitenden Positionen. Aus der unteren Hälfte der Bevölkerung kamen überhaupt keine Journalistenschüler.

heute.de: Was müsste sich hier aus Ihrer Sicht ändern?

Hartmann: Man könnte zum Beispiel über die Bezahlung von Praktika nachdenken. Und wir können die Anforderungen für angehende Journalisten so ausrichten, dass Bewerber ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund eine größere Chance haben. Das effektivste Mittel wäre sicherlich eine Quote für Arbeiterkinder, analog zu der für Frauen.

Das Interview führte Lucas Eiler. Dem Autor auf Twitter folgen: @luc_ei

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