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Projekt "ZDF in ..." Mannheim - Erdogan spaltet auch Mannheimer Türken

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Jeder zwölfte Mannheimer hat türkische Wurzeln: Welche Hoffnungen verbinden sie mit Erdogans Staatsbesuch in Deutschland? Ein ZDF-Team ist der Frage nachgegangen.

Deutsch-Türken vor Erdogans Staatsbesuch in Deutschland
Deutsch-Türken vor Erdogans Staatsbesuch in Deutschland
Quelle: ZDF

Ein türkisches Restaurant am Mannheimer Marktplatz. Wir sprechen den Inhaber an, fragen, ob wir mit seinen Gästen im Restaurant Interviews führen dürfen, zum Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Erdogan in Deutschland in politisch angespannten Zeiten. Wir dürfen gerne, sagt er.

Aber er selbst wolle vor der Kamera nichts dazu sagen. Und er ist bei weitem nicht der einzige hier. Wohl auch, weil die Person Erdogan und seine Politik die türkische Community in Deutschland spaltet, zu Spannungen führt.

Fast zwei Drittel der Wahlberechtigten hier haben Erdogan gewählt

Vor dem Restaurant treffen wir eine Frau mittleren Alters. Seit 44 Jahren lebt sie in Deutschland. Sie will mit uns reden, erzählt, dass sie eine Unterstützerin von Erdogan sei. "Er hat so vieles modernisiert", sagt sie über den türkischen Präsidenten: "Er hat die Straßen modernisiert, Flughäfen gebaut, die Schulen hat er modernisiert. Die Türkei ist jetzt ein ganz anderes Land als vor 20 Jahren, ist jetzt viel moderner."

Sie hofft darauf, dass durch den Staatsbesuch das Verhältnis zwischen Angela Merkel und "unserem Präsidenten", wie sie zu Erdogan sagt, verbessert. "Ich hoffe, dass sie sich einigen, zusammenarbeiten. Deutschland ist nichts ohne die Türkei und die Türkei ist nichts ohne Deutschland. Wenn man in Europa ist, muss man sich auch gegenseitig unterstützen."

63,2 Prozent der Wahlberechtigten in der Region haben bei der letzten Präsidentenwahl für Recep Tayyip Erdogan gestimmt. Erol Uysal gehört nicht dazu. Wir treffen ihn in einem Industriegebiet etwas außerhalb des Zentrums. Er lebt seit 1971 in Deutschland, hat hier eine Kaffeerösterei aufgemacht. Welche Hoffnungen er mit dem Staatsbesuch Erdogans in Deutschland verbinde, wollen wir von ihm wissen.

"Ich selbst habe überhaupt keine Hoffnung mehr", antwortet er. "Was soll die deutsche Politik machen? Erdogan redet heute so, morgen so. In der Türkei gibt es überhaupt keine Demokratie mehr. Das ist gefährlich." Erol Uysal erzählt, dass die politische Situation in der Türkei auch für Spannungen unter Deutschtürken sorgt: "Die sind total zerrissen. Schlägereien oder so etwas gibt es zwar nicht, aber Konflikte: Ja, klar."

Kamran: "Wir könnten von der deutschen Streitkultur lernen"

Auch Talat Kamran berichtet von Spannungen innerhalb der türkischen Community - wegen Erdogan. Er leitet seit einigen Jahren das Mannheimer Institut für Integration. Ein Verein, der die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen in der Stadt zusammenbringen will. "Wir haben es geschafft und schaffen es immer noch, ein friedliches Miteinander in der türkischen Community zu schaffen. Aber da gibt es Missverständnisse. Auch innerhalb der Türken, und da brauchen wir mehr Begegnungen. Wir haben leider keine richtige Diskussionskultur innerhalb der türkischen Gesellschaft. Wir könnten da auch von der deutschen Gesellschaft lernen. Also diese Streitkultur sollten wir lernen, die fehlt uns."

Zurück am Marktplatz. Direkt nebenan ist ein Straßenzug, den sie hier Klein-Istanbul nennen. Jeder zwölfte Mannheimer hat türkische Wurzeln, hier sieht man das besonders deutlich. Viele Mannheimer erzählen uns, dass das Zusammenleben von Türkischstämmigen und Deutschen hier seit Jahrzehnten gut funktioniert. Manche sagen, das sei auch jetzt noch uneingeschränkt so.

Doch andere sehen durch die politischen Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei auch manche Spannung im Zusammenleben - hier wie in anderen Städten. In manchen Fällen spüre man das schon, sagt zum Beispiel Huriye Tezen: "Wenn manche Leute ihre Meinung äußern wollen, werden sie irgendwie radikal. Egal, ob es Türken sind oder Deutsche."

Wirtschaftskrise in der Türkei macht sich bemerkbar

Auch Kadir Kilic spürt solche Spannungen, macht sich aber auch noch wegen eines anderen Themas Sorgen: Er ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands türkischer Unternehmen Rhein-Neckar. Kilic vertreibt außerdem mit seinem eigenen Unternehmen chemische Produkte, zum Beispiel für Krankenhäuser und Labore, exportiert auch in die Türkei. "

Durch die Währungskrise sind die Preise dort enorm gestiegen, sodass die Leute dort sich die Preise, die wir gerne hätten, teilweise nicht mehr leisten können. Das schadet uns, aber auch den deutschen Unternehmen, die in der Türkei aktiv sind. Wir hoffen natürlich, dass es besser wird. Durch Währungskrise und Spannung zwischen Deutschland und der Türkei sieht man, dass die Umsätze stark zurückgehen." Und so hofft nicht nur er, sondern auch viele andere Menschen mit türkischen Wurzeln in Mannheim, auf eine politische Entspannung zwischen Deutschland und der Türkei.

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