Sie sind hier:

Deutsch-türkische Beziehungen - Erdogans Rhetorik der Feindseligkeiten

Datum:

Erdogan will einen Neustart der deutsch-türkischen Beziehungen. Das wird nicht einfach - zumal der türkische Präsident bis vor kurzem ganz anders redete. Ein Rückblick.

Recep Tayyip Erdogan ist zu einem Staatsbesuch in Deutschland.
Recep Tayyip Erdogan ist zu einem Staatsbesuch in Deutschland.
Quelle: Michael Kappeler/dpa

Am liebsten würde der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Verhältnis zu Deutschland zur Tagesordnung übergehen. "Wichtigstes Ziel meines Deutschland-Besuchs ist es, die Phase der letzten Jahre in unserem Verhältnis komplett hinter uns zu lassen", lässt er die Öffentlichkeit wissen, bevor er am vergangenen Sonntag zur UN-Versammlung nach New York fliegt. "Wir sind verpflichtet, unsere Beziehungen auf Basis beiderseitiger Interessen und fern von irrationalen Befürchtungen vernunftorientiert fortzuführen", schreibt er später in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Man müsse zum Dialog zurückkehren.

Ganz so schnell dürften sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht normalisieren lassen. Seit langem schon sind sie angespannt, vor allem wegen Erdogans Vorgehen gegen Kritiker aus dem In- und Ausland nach dem Putschversuch vor zwei Jahren. Und seit Jahren macht der türkische Präsident mit Vorwürfen, Verbalattacken und Beleidigungen massiv Stimmung gegen Deutschland - in der Türkei und bei den Menschen mit türkischen Wurzeln, die hierzulande leben:

"Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Am 10. Februar 2008 ruft Erdogan in der Köln-Arena den etwa 16.000 versammelten Landsleuten zu: "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich verstehe sehr gut, dass ihr gegen die Assimilierung seid. Man kann von euch nicht erwarten, euch zu assimilieren." Die Menschen jubeln. Es sei zwar wichtig, Deutsch zu lernen. Die türkische Sprache dürfe aber nicht vernachlässigt werden, fügt er hinzu.

Recep Tayyip Erdogan - Zitate

Quelle: ap

Am 1. November 2011 - Erdogan ist anlässlich des 50. Jahrestags des Gastarbeitervertrags in Berlin - kritisiert er die Bestimmung, dass Türken vor einem Zuzug nach Deutschland die deutsche Sprache erlernen müssen. "Wer Deutschkenntnisse zur wichtigsten Voraussetzung erklärt, verletzt die Menschenrechte", wettert er. Zudem wirft er Deutschland Fehler bei der Integration von Zuwanderern aus der Türkei vor. Beim Bemühen um einen EU-Beitritt fühle sich die Türkei "im Stich gelassen".

Recep Tayyip Erdogan - Zitate

Quelle: ZDF/DPA

"Nazi-Methoden"

Spätestens seit dem Putschversuch in der Türkei im Juli 2016, in dessen Folge Erdogan den innenpolischen Kurs gegen Kritiker verschärft, verschlechtert sich das Verhältnis der beiden Nato-Partner deutlich.

Zu besonders drastischen Worten greift Erdogan im Streit um Wahlkampfauftritte seiner Minister in Deutschland - verschiedene Städte hatten solche Veranstaltungen abgesagt. Mit provokanten Nazi-Vergleichen heizt der türkische Präsident den Konflikt an. In einer Rede vor Tausenden Anhängern in Istanbul am 5. März 2017 wirft er Deutschland "Nazi-Methoden" vor. Er habe gedacht, diese Zeit sei in Deutschland längst vorbei - "Wir haben uns geirrt." Auf der Veranstaltung wirbt er für ein "Ja" beim Verfassungsreferendum im April, mit dem er sich weitreichende Machtbefugnisse sichern will.

Recep Tayyip Erdogan - Zitate

Quelle: dpa

Deutsche Politiker sind außer sich angesichts des Nazi-Vergleichs. "Das ist infam, abtrus, inakzeptabel und aufs Schärfste zurückzuweisen", erklärt Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Andere Politiker sprechen von "unverschämten" und "geschichtsvergessenen" Entgleisungen und forderten eine Entschuldigung Erdogans.

Unerwartet scharf geht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Antrittsrede am 22. März 2017 den türkischen Präsidenten an: "Beenden Sie die unsäglichen Nazi-Vergleiche!" ruft er an die Adresse Erdogans. "Respektieren Sie den Rechtsstaat und die Freiheit von Medien und Journalisten! Und geben Sie Deniz Yücel frei!" Im Streit um die Inhaftierung des "Welt"-Korrespondenten Yücel hatte Erdogan den deutschen Behörden vorgeworfen, den "Terrorismus" in der Türkei zu unterstützen, da sie Vertretern der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) öffentliche Auftritte erlaubten.

"Enkel der Nazis"

Knapp zwei Wochen vor dem Referendum über die Einführung des Präsidialsystems ruft Erdogan am 3. April 2017 in einer Wahlkampfrede die türkischen Wähler in Europa auf, "den Enkeln der Nazis" eine Antwort zu geben. Auch im Ausland lebende wahlberechtigte Türken dürfen abstimmen, darunter etwa 1,41 Millionen in Deutschland.

Recep Tayyip Erdogan - Zitate

Quelle: DPA

Agenten "zerteilen mein Land"

Am 25. Juli 2017 wirft Erdogan der Bundesregierung Spionage vor. Nach der Inhaftierung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner sagt der türkische Staatspräsident im Parlament in Ankara an die Bundesregierung gerichtet: "Du erlaubst dem Präsidenten und den Ministern der Türkei nicht, in deinem Land zu sprechen." Erdogan weiter: "Aber deine Agenten kommen und tummeln sich hier in Hotels und zerteilen mein Land."

Steudtner, sein schwedischer Kollege Ali Gharavi und acht türkische Menschenrechtler waren Anfang Juli von der Polizei bei einem Seminar in einem Hotel in Istanbul festgenommen worden. Die Regierung in Ankara wirft ihnen Unterstützung einer Terrororganisation vor.

Recep Tayyip Erdogan - Zitate
Recep Tayyip Erdogan - Zitate
Quelle: ap

"Feinde der Türkei"

Vor der Bundestagswahl im September 2017 ruft Erdogan "alle meine Bürger in Deutschland" auf, bei der Wahl SPD, CDU und Grüne zu boykottieren, da sie "Feinde der Türkei" seien. Stattdessen sollten sie einer Partei ihre Stimme geben, "die der Türkei nicht feindlich gesinnt" sei, fordert der türkische Präsident am 18. August 2017 vor Journalisten.

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) rügt den Boykottaufruf als "einmaligen Eingriff in die Souveränität". Daraufhin greift Erdogan ihn persönlich an. "Wer sind Sie, dass Sie mit dem Präsidenten der Türkei reden? Beachten Sie Ihre Grenzen!", sagt Erdogan am 19. August 2017. "Wie lange sind Sie eigentlich in der Politik? Wie alt sind Sie?"

Ende vergangenen Jahres klingt Erdogan versöhnlicher. "Natürlich hoffen wir, gute Beziehungen zur EU und den EU-Staaten zu haben", sagte er am 28. Dezember 2017 auf einem Flug von Tschad nach Tunesien. "Ich sage immer, wir müssen die Zahl unserer Feinde verringern und die Zahl unserer Freunde erhöhen." Und fügt hinzu: "Wir haben keine Probleme mit Deutschland, den Niederlanden oder Belgien. Im Gegenteil sind die Regierenden in diesen Ländern meine alten Freunde." Er habe "immer gute Kontakte" mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gehabt, versichert Erdogan.

Recep Tayyip Erdogan Zitate 07

Quelle: ap

Ob der derzeitig freundlichere Ton des türkischen Präsidenten langfristig zu einer Entspannung der Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland beitragen kann, hänge wesentlich davon ab, ob "auch Taten folgen". Das macht der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, im ZDF deutlich: "Wir werden das nicht vergessen, was passiert ist."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.