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Türkischer Besuch in Athen - Der unheimliche Nachbar

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Mit dem griechischen Regierungschef Tsipras hat Erdogan eine Menge zu besprechen. Gemeinsamkeiten gibt es kaum zwischen den ungleichen NATO-Partnern an der Südostflanke Europas.

Der türkische Präsident Erdogan ist heute und morgen zum Staatsbesuch in Griechenland. Das Treffen gilt als historisch, die Länder sind seit Jahrzehnten verfeindet. Themen sollen unter anderem der Grenzverlauf zwischen beiden Ländern und die …

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Wenn man das Verhältnis zwischen Athen und Ankara als belastet bezeichnet, ist das wahrscheinlich eine Riesenuntertreibung. Spinnefeind trifft es wohl eher. Mancher Streit wird seit Jahrzehnten gepflegt, wie die Teilung Zyperns oder Ärger um den Dodekanes. Das ist eine Inselgruppe in der südöstlichen Ägäis, die seit 1948 zu Griechenland gehört, aber noch immer von der Türkei beansprucht wird. Regelmäßig liefern sich Militärjets beider Länder gefährliche Scheinkämpfe am Himmel über den Urlaubsinseln. Andere Animositäten reichen noch länger zurück, wie die Feindseligkeiten wegen der sogenannten Katastrophe von Izmir im Jahr 1921, als die Griechen aus Kleinasien vertrieben wurden.

Keine Annährung bei Streitfragen - seit Jahren

Seitdem sind viele neue Konfliktfelder dazugekommen: der Anspruch beider Seiten auf die reichen Gas- und Ölvorkommen, die unter der Ägäis vermutet werden, der Vorwurf des türkischen Präsidenten Recip Tayyip Erdogan, Griechenland würde türkischen Oppositionellen Schutz bieten und mit ihnen gemeinsame Sache machen, und nicht zuletzt die unterschiedlichen Auffassungen über den Umgang mit den Flüchtlingen, die noch immer, wenn auch in viel geringeren Zahlen, über die Türkei nach Griechenland kommen.

Man muss schon weit zurückgehen, bis in den Mai 2010, um den letzten Eintrag von Erdogan in einem Athener Gästebuch zu finden. Damals war er noch Premierminister und sein griechischer Gastgeber hieß Giorgos Papandreou. Diplomaten und Journalisten schwärmten von einem "historischen Besuch", sprachen von einem Durchbruch, gar vom Ende der Eiszeit zwischen Ankara und Athen. 21 Abkommen über bilaterale Zusammenarbeit wurden damals unterzeichnet. Nur bei den großen Streitfragen gab es keinerlei Annäherung - bis heute.

USA stehen nicht mehr als Vermittler zur Verfügung

Man begnügte sich mit einem Burgfrieden, für den nicht zuletzt die USA sorgten und immer wieder mäßigend auf die beiden Streithähne einwirkten. Der stärkste NATO-Partner wollte Ruhe an der sensiblen Südostflanke des Bündnisses. Nur die Administration von US-Präsident Donald Trump heute hat andere Sorgen auf der Welt und entsprechend wenig Interesse, sich um griechische oder türkische Befindlichkeiten zu kümmern. Schon deshalb bleibt Recep Tayyip Erdogan und Alexis Tsipras gar nichts anderes übrig, als vor der eigenen Haustür zu kehren.

Viel wird dabei nicht rumkommen. Aber es wäre bereits ein Erfolg, wenn man eine Lösung für die Menschen finden könnte, die seit bald zwei Jahren in den sogenannten "Hotspots", den Flüchtlingslagern auf fünf griechischen Inseln, festsitzen. Tsipras weiß, dass er dieses Problem nicht ohne Ankara lösen kann, und Erdogan sucht händeringend nach Verbündeten in Europa. Denn dort gibt es keine Fürsprecher mehr für türkische Anliegen, seit der Präsident seinen repressiven Kurs gegen Oppositionelle, Journalisten und Kritiker fährt. Der Preis, den die türkische Bevölkerung dafür zahlt, ist eine zunehmende Isolierung, der Niedergang des Tourismus und der Wirtschaft.

Ein Konfliktfeld übersehen

Nur bei der Einladung zum ersten Besuch eines türkischen Staatsoberhauptes seit 65 Jahren haben die griechischen Gastgeber offenbar ein weiteres Konfliktfeld übersehen: die muslimische Minderheit in Westthrakien. Türkischstämmige stellen den größten Anteil dieser Bevölkerungsgruppe, zu der auch die Pomaken, Muslime bulgarischer Herkunft, und Roma gehören. Diesen türkischen Landsleuten will Erdogan auch einen Besuch abstatten, um dort für seine Politik zu werben. Das passt Alexis Tsipras und seiner Regierung gar nicht in den Kram, weil damit der nächste Ärger zwischen Athen und Ankara programmiert ist.

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