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Militäroffensive gegen Kurden - Erdogans Offensive mischt die Karten in Syrien neu

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Erdogans Einmarsch in die Kurdengebiete in Syrien bringt blutige Bewegung in den Konflikt. Die Kurden können dabei nur verlieren, kommentiert ZDF-Korrespondent Luc Walpot.

Kommentar: Luc Walpot zum Militäreinsatz der Türkei in Syrien
Kommentar: Luc Walpot zum Militäreinsatz der Türkei in Syrien
Quelle: ZDF/ap

Nicht einmal eine Woche hat Präsident Erdogan gebraucht, um die Karten in dem seit acht Jahren andauernden Bürgerkrieg in Syrien neu zu mischen. Bemerkenswert ist dabei nicht so sehr seine skrupellose Vorgehensweise. Wer die innenpolitische Entwicklung in der Türkei in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß mit welcher Schlagkraft Erdogan Ziele verfolgt, wenn er seine Macht bedroht sieht.

Und das ist einer der vielen Auslöser dieser blutigen Wende im Syrienkrieg. Erdogans Macht bröckelt. Die Wirtschaft schwächelt, die Partei begehrt auf, die Kommunalwahl ging an die Opposition verloren. Vor allem, dass der republikanische Kandidat der CHP in Istanbul mit Unterstützung der kurdischen Stimmen gewählt wurde, ließ bei Erdogan Alarmglocken schrillen. Sein Erfolgsrezept, wie in der Vergangenheit schon mehrfach erfolgreich erprobt: Krise, Chaos, militärische Auseinandersetzungen suchen. Und diesmal eröffnete sich mit der Offensive gegen die Kurden in Syrien die verlockende Aussicht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die linken, der PKK nahestehenden Kurden aus seiner Nachbarschaft zu vertreiben, und zuhause ein mögliches Oppositionsbündnis von CHP und Kurden für absehbare Zeit unmöglich zu machen.

Der türkische Nationalismus als Erdogans Rettung

Erdogan kann dabei auf den reflexartig einsetzenden, strammen Nationalismus großer Bevölkerungsteile setzen. Wenn ein Krieg ausbricht, selbst wenn man ihn selbst angezettelt hat, dann steht der Bürger, die rote Fahne mit dem Halbmond schwenkend, fest zu Vaterland und Armee. Alles andere wird sofort als Dolchstoß gegen die eigenen Soldaten und Verrat ausgelegt. Entsprechend applaudierte die CHP zum Einmarsch in Syrien. Und die kurdische HDP-Partei steht fein isoliert wieder da, wo Erdogan sie gerne hätte. Unter Terror-Generalverdacht.

Wenn trotzdem noch kritische Stimmen nach dem Sinn oder Unsinn dieses Kriegsabenteuers fragen, werden sie von Erdogans Justiz unter Verdacht der Terrorunterstützung verfolgt.

Dass Krieg nicht ohne Blutvergießen zu haben ist, mussten die Bürger in den türkischen Grenzorten zu Syrien schmerzhaft erfahren, als sie Tote und Verletzte bei Granateinschlägen von der anderen Seite zu beklagen hatten. Ansonsten hat Erdogan aber bislang Erfolg mit seiner aggressiven Politik. Er zeigt den Europäern, wie wenig Gewicht ihre Stimme noch in der Welt hat. Syrische Flüchtlinge als Drohmittel inklusive. Wirklich treffen würde ihn vielleicht ein Wirtschaftsboykott. Aber er weiß, dass Europas Industrie, die die Türkei als Werkbank nutzt, dabei mehr zu verlieren hat als er. Volkswagens Pläne für ein neues Werk bei Izmir signalisieren Zuversicht.

Die USA überlassen Russland das Feld in Syrien

Wirklich freuen kann sich der Mann im Palast in Ankara aber über den unerwarteten Totalausfall der westlichen Führungsmacht USA. Jahrelang hatte Erdogan Washington bedrängt, ihm in Nordsyrien freie Hand zu lassen. Zweimal gab es grünes Licht, seither kontrolliert Erdogans Armee bereits die ehemals von Kurden bewohnte Stadt Afrin und einen Abschnitt im Westen der gemeinsamen Grenze. Dass US-Präsident Trump jetzt auch die Verbündeten der Amerikaner, die kurdischen Milizen der Freien Demokratischen Kräfte, im Nordosten fallen ließ, dürfte selbst Erdogan überrascht haben. Aber er griff sofort zu. Zumal Russlands Präsident Putin - seit dem Verkauf der russischen S-400 Raketen an Ankara ein großer Freund Erdogans - ihm erlaubt hatte, Nordsyrien mit Bomben zu pflastern. Mit der internationalen Kritik an seinem Einmarsch kann er gut leben. Das stärkt zuhause die Legende von der türkischen Opferrolle.

Das Chaos, das jetzt in Nordsyrien entstanden ist, fasst der ehemalige US-Sonderbeauftrage für Syrien, Mc Gurk, der aus Protest gegen Trumps Politik zur Jahreswende aufgab, so zusammen:

130.000 Menschen auf der Flucht; IS-Terroristen brechen aus den Gefängnissen aus; mit der Türkei verbündete, islamische Milizen exekutierten Zivilisten auf offener Straße; keinerlei Unterstützung für unsere Verbündeten. Ein völliges Desaster!

Genozid oder Ausverkauf an Assad

Und erneut Krieg, Bomben und Tod in einer Region, die als einzige bislang einigermaßen sicher für syrische Bewohner war. In Moskau und Damaskus lehnen sich die Autokraten genüsslich zurück. Putin kontrolliert das Geschehen, Amerika ist raus aus Syrien. Diktator Assad lässt sich als Retter des Nordens feiern. Und die Kurden? Wir hatten die Wahl, sagte der Chef der kurdischen SDF-Kräfte, zwischen dem Genozid durch Erdogan oder schmerzhaften Kompromissen mit Assad.

Ein kurdisches Sprichwort sagt, du hast nur einen Freund: die Berge.

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