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Wahlen in der Türkei - Erdogans Macht in Gefahr

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Die Türkei wählt: Die Opposition ist im Aufwind, der Spitzenkandidat Muharrem Ince ist zum ernsthaften Gegenspieler Erdogans geworden. Es könnte zu einer Stichwahl kommen.

Wahlzettel Türkei Präsidentschaftswahl 2018
Quelle: reuters

Eigentlich wollte sich Recep Tayyip Erdogan mehr Macht sichern, als er die Wahlen um eineinhalb Jahre vorziehen lies. Doch nie war seine Macht so gefährdet. In nur zwei Monaten Wahlkampf ist es dem Oppositionspolitiker Muharrem Ince gelungen, zu einem ernsthaften Gegenspieler des Präsidenten zu werden. Millionen Menschen jubeln dem 54-jährigen Physiklehrer auf seinen Wahlkampfveranstaltungen zu, wortgewandt attackiert der Kandidat der sozialdemokratischen CHP Erdogan und seine Politik. Erdogan sei müde, arrogant und könne nicht mehr begeistern.

Agil rennt Ince in Istanbul über die Bühne, was er seinen Anhängern entgegen schreit, wird von einem Gebärden Dolmetscher übersetzt, eine ungewöhnliche Geste in diesem Wahlkampf und doch charakteristisch für die Kampagne Inces. Vereinen, statt spalten, das ist sein Programm. Und tatsächlich finden sich unter den Menschen, die gekommen sind, um ihn zu sehen, Türken aus allen Gesellschaftsschichten: Konservative Frauen mit Kopftuch, Studenten, junge Familien. Zum ersten Mal ist die Opposition, die aus vielen verschiedenen Parteien besteht, geeint. Selbst die pro-kurdische HDP unterstützt Ince.

Opposition kritisiert unfaire Wahlen

Zwei Millionen Menschen sollen selbst nach Angaben regierungsnaher Medien in Izmir gekommen sein, um Ince zuzujubeln. Es sind Bilder, die sich in sozialen Medien wie ein Lauffeuer verbreiten. Dass nur Erdogans Wahlveranstaltungen live im Fernsehen übertragen werden, kritisiert die Opposition. Viele fürchten, dass die Ergebnisse gefälscht werden könnten. Und doch, es ist eine Atmosphäre der Hoffnung, die wir am letzten Tag vor der Wahl in Maltepe am Ufer des Marmara Meers erlebt haben.

"Wir werden in jedem Wahllokal unsere Leute aufstellen, wir werden auf unsere Wahlurnen aufpassen. Diesmal kontrollieren wir alles, diesmal werden wir es schaffen", erzählt Melis Aikara, eine 28-jährige junge Türkin, die in Berlin studiert hat und seit einem Jahr zurück in ihrem Heimatland ist. Dass die Wahlen im Ausnahmezustand stattfinden, dass Wahlurnen nach Entscheidung der Regierung verlegt wurden, dass der Kandidat der pro-kurdischen HDP, Selahattim Demirtas im Gefängnis sitzt, dass die Regierung die Medien weitgehend kontrolliert - all das sind Fakten, die nicht für faire Wahlen sprechen. Kritisiert werden diese Umstände auch von Wahlbeobachtern des Europarates.

Erdogan: Die Türkei braucht einen starken Präsidenten

"Wir leben in einem Rechtsstaat, nicht in einer Bananenrepublik", setzt Erdogan der Kritik entgegen. Sein wichtigstes Argument: "Wir brauchen einen starken Staat, ein starkes Parlament und einen mächtigen Staatspräsidenten. Ein großer Staat braucht nämlich einen mächtigen Führer." Seine Anhänger setzen darauf, doch das Vertrauen ist brüchig geworden, seitdem die türkische Wirtschaft einbricht. Der dramatische Kursverlust der Lira trifft weite Teile der Bevölkerung und könnte zum ernsthaften Problem für das Ansehen der regierenden AK Partei werden.

Jugend fürchtet um Zukunftsperspektiven

Vor allem die Jugend fürchtet mehr denn je um ihre Zukunftsperspektive. Fast die Hälfe der Wahlberechtigten sind unter 30 Jahre alt. Bildungspolitik, Jugendarbeitslosigkeit von 19 Prozent - das sind die Themen, die jungen Türken unter den Nägeln brennen. Vertrauen sie noch auf Erdogan?

Die Prognosen der Wahlforscher unterscheiden sich, die einen sehen einen Sieg des Präsidenten im ersten Wahlgang, die anderen sagen ein knappes Abschneiden voraus. Möglich scheint, dass Erdogan seine Mehrheit verfehlt und sich am 8. Juli einer Stichwahl mit dem zweitstärksten Kandidaten stellen muss. Am Ende des Wahltages könnte ein überraschendes Ergebnis stehen.

Die Kandidaten

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