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Jesiden im Nordirak - Auferstehen aus Ruinen

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In der vom Krieg hart getroffenen Sindschar-Region im Nordirak kämpfen die Einwohner um ihre Existenz. Vor Ort sind auch deutsche Helfer. Ein Erfahrungsbericht.

Sindschar-Stadt
Zerstörte Häuser in Sindschar-Stadt im Nordirak Quelle: Michael Wilk

Nach achtstündiger Fahrt von Bagdad über zum Teil zerstörte Straßen mit unzähligen Kontrollpunkten erreichen wir Khanasur im Nordirak. Früher lebten hier 45.000 Menschen – bis zum 3. August 2014, als der "Islamische Staat" (IS) über die Jesiden in der Region Sindschar herfiel. Die Peschmerga, für die Verteidigung zuständig, flohen und überließen die Menschen dem IS, der mordete, vergewaltigte und versklavte. Heute leben in der Stadt nur noch 3.000 Menschen.

Der Genozid an den Jesiden forderte abertausende Opfer. Viele Menschen überlebten nur, weil sie sich mit wenig mehr als ihrer Kleidung in die nahen Berge retteten. Wir stoßen auf Menschen, deren Berichte verdeutlichen, dass die erlittenen Ängste und Qualen nicht mit dem Sieg syrischer YPG- und türkischer PKK-Einheiten über den IS im Mai 2017 endeten. Die Terroristen sind vertrieben, aber seelische Wunden blieben ebenso wie die grauenhafte Ungewissheit über den Verbleib tausender Frauen und Kinder.

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Beim Besuch der einzigen kleinen Klinik in Khanasur, betrieben von der regionalen Selbstverwaltung der jesidischen Kurden, sprechen wir mit dem anwesenden Gynäkologen und der Allgemeinärztin. Täglich suchen mehr als 60 Kranke nach Hilfe. Die Klinik ist schlecht ausgestattet – es gibt weder einen Operationssaal noch ein Röntgengerät. Alle schwerer Erkrankten müssen in ein anderthalb Stunden entferntes Krankenhaus transportiert werden.

"Manche sind innerlich immer auf der Flucht"

"Für die vielen traumatisierten Menschen gibt es hier keinerlei psychologische Hilfe", sagt die Ärztin Leyla. "Die Menschen leiden an Ängsten und viele können Erlebtes nicht vergessen – manche sind innerlich immer auf der Flucht." Sie und ihre Helfer fühlen sich vom irakischen Staat vergessen und im Stich gelassen. Bagdad ist weit entfernt und toleriert allenfalls die Selbstverwaltungsstrukturen der Jesiden im Nordirak, die sich an das Gesellschaftsmodell Rojavas in Nordsyrien anlehnen. 

Das wiederum erklärt die Angst vieler unserer Gesprächspartner vor einer türkischen Militärintervention auch in ihrem Gebiet. Die türkischen Attacken auf Afrin in Syrien werden genau verfolgt, zumal dort eine beträchtliche Anzahl von Jesiden lebt. Um die Ausdehnung der jesidisch-kurdischen Autonomie zu begrenzen, verlegte die irakische Regierung nach dem Abzug der Peschmerga schiitische Milizsoldaten in das Sindschar-Gebiet. Von staatlicher Aufbauhilfe gibt es jedoch keine Spur. Sindschar-Stadt, die ehemals größte Ansiedlung der Region, liegt zu großen Teilen in Trümmern.

Unterricht in kaputten Schulen

Gemeinsam mit Jochen Reidegeld, dem stellvertretenden Generalvikar des Bistums Münster, besuche ich eine Schule in Sindschar. Durch zerbrochene Fenster weht kalter Wind herein, während sich frisch ausgebildete Lehrer darum bemühen, Unterricht zu geben. Die Schüler haben alles andere als ideale Lernbedingungen – aber immerhin gibt es überhaupt Schulen. Reidegeld sagt treffend, dass die Bewältigung der Vergangenheit eine Aufgabe für mehrere Generationen ist, die ohne Schulbildung von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Schule in Khanasur
Schule in Khanasur im Nordirak Quelle: Michael Wilk

Die anschließende Fahrt hinauf ins 1.550 Meter hohe Gebirge führt uns vorbei an Gräbern von YPG- und PKK-Angehörigen, die im Kampf gegen den IS ums Leben kamen. In den hochgelegenen Tälern stehen hunderte Zelte, in denen, unter extremen Witterungsbedingungen leidend, Flüchtlinge auf eine ungewisse Zukunft blicken. Die einzige Ärztin der Region, Nesrin, arbeitet unentgeltlich in der kleinen, aus Containern bestehenden Station.

Medizinische Helfer müssen improvisieren

Sie und ihre Helferinnen versuchen, den Widrigkeiten mit Enthusiasmus und Durchhaltevermögen zu trotzen. Sie ist bescheiden und sagt, sie würden schon klar kommen, aber es ist ihr anzusehen, dass sie hier Meisterinnen der Improvisation sein müssen. Das alte Ultraschallgerät und das marginale Labor sprechen Bände.

Die Menschen, vor allem Frauen mit kleinen Kindern, stehen geduldig Schlange, bis sie behandelt werden. Nach den Attacken des IS haben circa 330.000 Jesiden in Flüchtlingslagern der Region Hilfe gesucht, weitere 200.000 sind ins Ausland geflohen, nur 120.000 leben noch in ihrem ursprünglichen Zuhause. Unterwegs sehen wir Container, die von der "Aktion Hoffnungsschimmer" bezahlt und hierher transportiert worden sind. Sie spenden ein wenig Schutz vor der Natur in dieser unwirtlichen Gegend, in der es jetzt empfindlich kalt ist.

Die Jesiden

Immer wieder fahren wir an Dörfern vorbei, in denen niemand mehr lebt. Bis zu 14.000 Menschen fielen geschätzt dem Morden des IS zum Opfer, berichtet unser Begleiter Hassan. Viele Orte können immer noch nicht betreten werden – hinterlassene Sprengstofffallen des IS verhindern dies.

Nachhaltige Hilfe für Sindschar-Region geplant

Wir diskutieren lange darüber, wie das Prinzip der Nachhaltigkeit unter den hiesigen Umständen umsetzbar wäre. Unterstützung von Ausbildung und Gesundheitshilfe sind der entscheidende Ansatz. Die Finanzierung eines weiteren Arztes für einen längeren Zeitraum wäre sinnvoll, flankiert von einer besseren Ausstattung der Klinik. Ebenso wäre eine Verbesserung der Schulausstattung hilfreich, auch mit zeitgemäßen Materialien. Beides nicht als Einmalhilfe, sondern im begleitenden Austausch von Informationen über Fort- oder auch Rückschritte im Entwicklungsprozess.

Erfolgreich Hilfe in dieses Gebiet zu bringen, ist unabdingbar an gute stabile Kontakte zu den Strukturen vor Ort geknüpft, soll sie nicht wie Wasser im Sand versickern. Hier sehen wir jedoch einen Ansatz. Das Bemühen der Menschen um Wiederaufbau und ihr Durchhaltewillen lassen auf eine bessere Zukunft in der Sindschar-Region hoffen.

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