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Erfindermesse in Nürnberg - "Müssen uns selbst neu erfinden"

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Jahr für Jahr melden Unternehmen mehr Neuentwicklungen beim Patentamt an. Aber wo sind die freien Erfinder geblieben? "Wir müssen uns selbst neu erfinden", sagt Hans-Georg Torkel.

Erfindermesse IENA (Archivbild vom 27.10.2015)
Fernsteuerbarer Staubsauger auf Erfindermesse IENA (Archivbild vom 27.10.2015) Quelle: dpa

heute.de: Telefon, Glühbirne, Gummireifen oder auch das Smartphone - ist ja alles schon erfunden. Ist die große Zeit der Erfindungen eigentlich vorbei?

Hans-Georg Torkel: Ich glaube nicht, aber es kommt natürlich darauf an, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Erfindungen werden heute hauptsächlich in Unternehmen oder an Universitäten gemacht. Wenn wir aber auf die Einzelerfinder schauen, die früher einmal Revolutionäres erfunden haben, dann sehen wir da in Deutschland in den letzten 20 Jahren nicht ein einziges Highlight. Und dass das so ist, dürfte auch an den gegenwärtigen Rahmenbedingungen liegen.

heute.de: Was macht es dem Einzelnen so schwer?

Torkel: Das Patentrecht ist in Deutschland ziemlich umfangreich und kompliziert. Da werden neue Patente eher verhindert als gefördert. Aber davon ganz abgesehen kenne ich auch reichlich Erfinder, die ihre Ideen erst gar nicht zum Patent anmelden, weil sie genau wissen: Sobald das Patent da ist, ist die Erfindung auch für alle sichtbar. Und dann geht es los, dann entwickeln Unternehmen drumherum, wandeln ab und klauen schließlich die Idee. Da hat man als kleiner Erfinder doch kaum eine Chance.

heute.de: Wirklich so extrem?

Torkel: Bei wirtschaftlich erfolgversprechenden Erfindungen auf jeden Fall. Prominentes Beispiel ist der Chip auf der EC-Karte. Der eigentliche Erfinder ist nach 20 Jahren mit Prozessen gegen die Großen, die seine Erfindung kopiert haben, schließlich leer ausgegangen. Warum also sollte man sich das antun?

heute.de: Mal abgesehen von solchen Hindernissen, spielt die Musik bei Erfindungen nicht ohnehin längst im Softwarebereich und bei industriellen Anwendungen?

Torkel: Das ist sicherlich so. Aus diesem Grund hat der Erfinderverband 90 Jahre nach seiner Gründung jetzt auch die Digitalisierungserfinder dazu genommen. Da hätte man eher drauf kommen können, aber letztendlich stehen doch ganz andere große Aufgaben vor uns.

heute.de: Um Erfindungen wieder attraktiv zu machen?

Torkel: Genau! Was fällt den meisten Leuten, übrigens gerne auch Journalisten, als erster Kommentar ein, wenn es um Erfinder geht?

So erfinderisch war Deutschland 2016

heute.de: Daniel Düsentrieb?

Torkel: Exakt. Als Erfinder findet man das nicht unbedingt komisch, immer nur mit einer skurrilen Comicfigur verglichen zu werden. Aber dieses Beispiel zeigt das ganze Dilemma: Man wird eher belächelt als ernst genommen. Und deshalb müssen wir Erfinder uns auch irgendwie neu erfinden, um die Gesellschaft für das Thema wieder zu begeistern.

heute.de: Wie soll das funktionieren?

Torkel: Über eine neue Wertschätzung für freie Erfinder. Wir wollen erreichen, dass Erfinder wieder als Kulturschaffende und Problemlöser wahrgenommen werden. Erfinden ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die es verdient hat, aus der Gesellschaft heraus gefördert zu werden.

heute.de: Und wen sprechen Sie gezielt an?

Torkel: Niemand ist so offen für neue Ideen wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Hier möchte ich unter anderem für den Erfinderverband zukünftig ansetzen: in Kindergärten, Schulen und Jugendeinrichtungen - aber auch mit Studenten. Abseits der Lehrpläne Freude am Tüfteln entwickeln, kreatives Denken fördern und Neugier auf das Unbekannte wecken. Lebensbegleitendes, entdeckendes Lernen muss möglich sein. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass Kreative, Philosophen und Wertespezialisten mit an den Erfindertisch sollten. Wir müssen uns über Generationen und über Begabungen hin vernetzen. Wenn wir das hinbekommen, wird es in Zukunft auch wieder mehr freie Erfindungen geben.

heute.de: Ist das die Botschaft, die Sie mit zur Erfindermesse nach Nürnberg nehmen?

Torkel: Auf jeden Fall. Es nützt ja nichts, nur verschämt zur Seite zu schauen, weil aus Fernost wieder ganze Mannschaften aus Erfindern, Schulklassen und Fernsehteams anreisen und uns damit zeigen, wie Erfinderkultur am anderen Ende der Welt gelebt wird. Wir müssen es selbst anpacken und von der deutschen Gesellschaft unterstützt werden. Warum gründen wir nicht einfach neben den Sportvereinen und Musikschulen erste technische Vereine, in denen Kinder das Tüfteln und Erfinden lernen und so zur Erfindung und zur Unternehmensgründung kommen? Ich bin davon überzeugt, dass das möglich ist.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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