Sie sind hier:

Erinnerung an Krawalle von Lichtenhagen - "Dann haben wir alle nur noch geheult"

Datum:

Wolfgang Richter, 1992 Ausländerbeauftragter der Stadt Rostock, erlebte die Krawall-Nächte von Lichtenhagen auf der Seite der Angegriffenen. Im heute.de-Interview spricht er über Behördenversagen, Todesangst in einem brennenden Haus und die Folgen des Pogroms.

Das "Sonnenblumenhaus" in Rostock-Lichtenhagen wurde 1992 weltweit zum Symbol für Rassismus und Fremdenhass. 25 Jahre später erinnern zahlreiche Gedenkveranstaltungen an die schwersten ausländerfeindlichen Ausschreitungen nach der Wende.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

heute.de: Rostock erinnert mit einer Gedenkwoche an die rassistischen Krawalle in Lichtenhagen vor 25 Jahren. Mit welchen Gefühlen denken Sie zurück?

Wolfgang Richter: Die Bilder aus jenen Tagen werden mich wohl mein ganzes Leben nicht mehr loslassen. Das waren sehr schmerzhafte, einschneidende Erfahrungen.

heute.de: Sie waren damals Ausländerbeauftrager der Stadt Rostock. Was hat die schweren ausländerfeindlichen Angriffe ausgelöst?

Richter: Auslöser der Unruhen waren die Zustände in der überfüllten Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein wochenlanger Streit der Behörden um Zuständigkeiten. Man hat die Flüchtlinge sich selbst überlassen, bevor sie ihren Asylantrag stellen konnten. Zum Teil campierten auf einer Wiese mehr als 100 Menschen ohne Toiletten und Verpflegung. Mitten in einem großen Wohngebiet. Auf Beschwerden der Anwohner haben die Behörden nicht reagiert. Dann gab es in zwei Lokalzeitungen einen anonymen Aufruf, dass dort auf der Wiese "aufgeräumt" werde.

heute.de: Als die Gewalt eskalierte, Steine und Brandsätze in ein angrenzendes, von Vietnamesen bewohntes Haus flogen, waren Sie bei den bedrohten Menschen. Was haben Sie in dieser Nacht erlebt?

Richter: Wir waren zwei Stunden ohne jeglichen Polizeischutz. Unten drangen die Gewalttäter ins Haus ein und setzten es in Brand. Der Rauch wurde immer dichter und beißender und zog das Treppenhaus hoch. Uns war dann klar, dass wir uns selber helfen mussten.

heute.de: Mitschnitte eines ZDF-Fernsehteams dokumentieren, wie Sie verzweifelt – und vergeblich – bei der Polizei um Hilfe gerufen haben ...

Richter: Wir hörten währenddessen, wie die Gewalttäter unten Glas und Mobiliar zerschlugen und immer höher kamen. Wir haben dann gesagt: Nach unten müssen wir uns verteidigen und wir müssen zusehen, wie wir rauskommen aufs Dach. Wir haben dann den Aufzug stillgelegt und den Treppenaufgang verbarrikadiert. Das Problem war, dass oben zwei Stahltüren den Ausweg gut gesichert haben. Die Vietnamesen haben dann versucht, diese Türen aufzubrechen. Nach anderthalb Stunden konnten wir dann zum Glück raus aufs Dach.

heute.de: Was ist dann geschehen?

Richter: Wir sind über das Dach zu einem Teil des langgestreckten Wohnblocks, wo deutsche Familien wohnten, und haben uns dort relativ leicht Zugang zum Treppenhaus verschafft. Dann kamen auch Polizei und Feuerwehr. Später, als wir in Bussen saßen, in Sicherheit, da fiel die ganze Anspannung von uns ab, Wut, Zorn, Angst, und dann haben wir alle nur noch geheult.

heute.de: Welche Konsequenzen haben die Verantwortlichen des Behördenversagens gezogen?

Richter: Der Innenminister des Landes ist im Februar 1993 zurückgetreten, um Schaden von seiner Partei abzuwenden. Der Polizeidirektor ist aber erstmal nicht zurückgetreten, sondern einige Tage nach Lichtenhagen sogar Chef des Landeskriminalamtes geworden, was schon länger so geplant war. Als LKA-Chef ist er aber dann in eine Rotlicht-Geschichte hineingeschlittert – und darüber gestürzt. Heute gibt es zum Glück eine ganz andere Polizeiführung.

heute.de: Sie waren bis Dezember 2009 im Amt. Wie haben die Ereignisse vom August 1992 Ihre Arbeit verändert?

Richter: Ich hatte danach eine Stimme und bin ernstgenommen worden. Gemeinsam mit meiner Schweriner Kollegin, einer sehr engagierten Partnerin in dieser Arbeit, habe ich dann auch Termine mit einem Landesminister bekommen. Wir haben dann mit dem nachfolgenden Innenminister Rudi Geil zum Beispiel die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen verhandelt.

heute.de: Wie sind Ihnen die Rostocker nach Lichtenhagen begegnet?

Richter: In der Anfangszeit sind viele in mein Büro gekommen, mit Blumen, und ich habe viel Zuspruch erfahren. Dazu einen großen Stapel mit schönen Briefen – und nur einen kleinen Stapel mit Beschimpfungen oder auch Morddrohungen. So nach dem Motto: "Wir wissen, wo du Schwein wohnst und wenn du nach Hause kommst, werden wir dich erschlagen." Das war heftig, kam aber immer anonym, und war nach einem halben Jahr wieder vorbei. Anfeindungen oder Angriffe auf der Straße habe ich nie erlebt.

heute.de: Wie nehmen Sie die Atmosphäre in Rostock heute wahr?

Richter: In manchen Köpfen steckt noch immer Fremdenfeindlichkeit; die könnte sich wieder entladen. Andererseits gibt es in der Stadt inzwischen eine sehr starke Zivilgesellschaft. Das hat sich auch 2015 gezeigt, als viele Geflüchtete hierherkamen. Mehrere Tausend Ehrenamtliche haben den Leuten damals geholfen. Ein anderes Beispiel: "Mvgida"-Demos sind immer wieder aus Mangel an Interesse abgesagt worden – aber die Gegendemos haben immer stattgefunden. Ich bin mir auch sicher: Wenn heute nochmal so ein Aufruf in einer Zeitung stünde wie damals, dann würden mehrere Tausend Menschen zu diesem Haus kommen, um die Menschen darin zu verteidigen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.