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Eröffnung des Fontane-Jahres - Kein Fall für die Mottenkiste

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Theodor Fontane hätte in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag gefeiert. In Neuruppin startet heute das Fontane-Jahr ihm zu Ehren. Fünf Glückwünsche an einen besonderen Jubilar.

Statue von Theodor Fontane in Neuruppin
Heute erinnert eine Statue von Theodor Fontane in Neuruppin an den berühmten Sohn der Stadt.
Quelle: dpa

Das Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag startet - und bringt den Dichter und Schriftsteller Theodor Fontane wieder in den Fokus. Experten und Fans seiner Werke sind sich einig, dass sie auch heute noch sehr aktuell sind. Aber nicht jeder kennt sie mehr - ist Fontane out? Fünf Fontane-Kenner sprechen darüber, was sie mit dem Autor verbinden.

"Literatur, die die Zeit überdauert"

Lena Falkenhagen
Romanautorin Lena Falkenhagen
Quelle: Antje S.

"Theodor Fontane lehrt uns, dass ein Engagement für die bedeutsamen Themen der Zeit notwendig ist, in der man als Schriftsteller lebt", sagt die Romanautorin Lena Falkenhagen. Sie ist Bundesvorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

"Er zeigt uns, dass dabei auch, und gerade wenn man gegen die herrschenden (Vor-)Urteile seiner Mitmenschen schreibt, Literatur entstehen kann, die die Zeit überdauert. Man kann von ihm auch lernen, dass selbst ein denkender, hochgebildeter Mensch sich bisweilen in seinen Urteilen verirren kann."

"Theodor Fontane beobachtet und beschreibt mit einem liebevoll-distanzierten Blick", so Falkenhagen. "Er kritisiert subtil und immanent die Zustände seiner Zeit, wie etwa die gesellschaftliche Stellung der bürgerlichen Frau im Kaiserreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er schafft mit 'Effi Briest' die Tradition des Gesellschaftsromans, auf die folgende Größen wie Thomas Mann aufbauten. Ich wünsche Fontane zu seinem Jubiläum, dass ihm viele Schriftsteller auf seinem Weg folgen, die Zustände ihrer Zeit - auch unterhaltsam - anzumahnen, ohne dabei ihre literarischen Wurzeln zu vergessen."

"Fontane ist out"

Rainald Grebe
Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe
Quelle: Gesa Simons

Anlässlich des Fontane-Jahres widmet der Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe dem Schriftsteller Fontane Lesungen und kabarettistische Theaterstücke. "Fontanes 'Effi Briest' ist in weiten Teilen Mitteleuropas nicht mehr aktuell", glaubt Grebe. "Eine junge Frau, die sterben muss, weil sie eine Affäre hatte, ist von gestern. Ob man das lesen muss im Deutschunterricht? Das fragt sich."

"Allerdings frage ich mich, was da boomt, wenn die Generation 60 plus Busreisen nach Potsdam und Neuruppin chartert. Ich denke, der Boom wird sich in Grenzen halten, weil Fontane out ist. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren."

"Nach einem vergleichbaren Schriftsteller muss man suchen"

"An ihm lässt sich erfahren, wie Politik, Kultur und Literatur miteinander in ein Spannungsverhältnis gerieten und entspannte Zeiten erlebten. Darin ist er nicht austauschbar. Nach einem vergleichbaren Schriftsteller von Rang jener Jahrzehnte innerhalb Preußens und Deutschland muss man suchen", sagt der Vorsitzende der Theodor Fontane Gesellschaft, Roland Berbig.

Roland Berbig
Roland Berbig, Vorsitzender der Theodor Fontane Gesellschaft

Für ihn hat Fontanes Erzählwerk auch an dessen 200. Geburtstag nichts an Aktualität eingebüßt: "Ihm ist es tatsächlich gelungen, diesen ganzen merkwürdigen kulturpolitischen Betrieb so in Bewegung zu setzen, dass plötzlich 'alle Welt' von Fontane spricht. Das ist großartig, und es ist absolut verrückt. Auch wenn es nur ein Jahr währt und vielleicht schon jetzt die ersten zusammenzucken, wenn sein Name schon wieder fällt."

Über Fontanes letzten Roman sagt Berbig: "Heute gehe ich nie ohne den 'Stechlin' auf längere Reisen - in der Hoffnung, seinen Erzählklang auch dann noch im Ohr zu behalten, wenn Vergessen beginnt, mir mein Gedächtnis zu nehmen."

"Herausragender Schriftsteller und Chronist"

"Theodor Fontane ist für das 19. Jahrhundert, was Goethe für das 18. und Thomas Mann für das 20. Jahrhundert sind - ein ganz herausragender Schriftsteller und zugleich auch Chronist seiner Zeit", sagt Karin Haiber. Sie unterrichtet Deutsch und Geschichte am Geschwister-Scholl-Gymnasium im mittelfränkischen Röthenbach an der Pegnitz.

Karin Haiber
Lehrerin Karin Haiber
Quelle: M. Kniess

"Er ist auch heute noch aktuell, weil seine Themen noch aktuell sind. Zum Beispiel der Versuch des Menschen, mit Hilfe von Technik die Naturgewalten zu bezwingen in der Ballade 'Die Brück' am Tay'. Oder die, leider gescheiterte, Selbstfindung der Effi Briest, die an der Kluft zwischen gesellschaftlichem Druck, Rollenerwartungen und eigenen Ansprüchen, Wünschen und Träumen zerbricht."

"Fontane ist für mich ein Meister der Zwischentöne und subtilen Andeutungen", sagt die Deutschlehrerin. "Diese zu entschlüsseln, macht für mich den Reiz der Romane aus. Mit den Balladen würde ich mich vermutlich außerhalb des Berufs eher weniger beschäftigen. Ich wünsche dem alten Herrn, dass er auch in den nächsten 200 Jahren fleißig gelesen wird, dass immer noch Schüler seine Werke zu schätzen wissen, weil Deutschlehrer sie dafür begeistern können, und dass er nicht irgendwann in der Mottenkiste verschwindet."

"Wunderbare Reiseführer durch die Heimat"

Claudia Senghaas
Claudia Senghaas, Programmleiterin beim Gmeiner-Verlag in Meßkirch
Quelle: Gmeiner Verlag

"Theodor Fontane ist aus verlegerischer Sicht interessant, weil er ein regionaler Autor im wahrsten Sinne des Wortes ist", sagt Claudia Senghaas. Sie ist Programmleiterin beim Gmeiner-Verlag in Meßkirch, bei dem erst kürzlich der Kriminalroman "Der Fall Fontane" erschienen ist. "Die 'Wanderungen durch die Mark Brandenburg' sind beispielsweise immer noch wunderbare Reiseführer durch die Heimat. Seine Landschaftsbeschreibungen sind für mich bis heute unübertroffen."

"Mit Theodor Fontane kann man außerdem auch heute noch sehr gut sehen, in welchen (vermeintlichen) Zwängen Menschen leben und lebten und was diese mit ihnen machen", findet Senghaas. "Für mich ist Fontane auch deshalb zu seinem 200. Geburtstag noch aktuell, weil er seine Träume lebte und Mut hatte. Fontane hat seinen Beruf als Apotheker aufgegeben, um zu schreiben, weil er es tun wollte. Das nötigt heute noch Respekt ab. Er lebte den Moment und das ist bemerkens- und nachahmenswert. Danke, lieber Theodor Fontane für deine Beharrlichkeit, Begegnungen und Gedanken einzufangen und ihnen eine literarische Gestalt zu geben, um auf diese Weise neue Bilder zu schaffen. Wir freuen uns heute noch darüber und profitieren davon."

Zu seinem 200. Geburtstag erinnert Brandenburg mit Lesungen, Ausstellungen und Konzerten an den Schriftsteller Theodor Fontane, der in Neuruppin geboren wurde. Offizieller Festakt ist am 30. März.

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