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Erste Debatte im Bundestag - Trisomie-Tests: Kleines Ja mit großem Aber

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Soll der Trisomie-Test Kassenleistung werden? Ist das eine soziale Frage, eine ethische oder beides? Der Bundestag ringt um Antworten. Tendenz: Finanzierung ja, aber mit Beratung.

Im Bundestag wurde heute kontrovers über vorgeburtliche Bluttests für Schwangere debattiert. Befürworter betonen die geringen Risiken, Kritiker warnen vor einer Art Auslese.

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Einfache Antworten gibt es nicht. Die Abgeordneten im Bundestag machen es sich an diesem Donnerstag auch nicht leicht, als sie zwei Stunden lang den Parlamentsbetrieb für ein hochbrisantes Thema reservieren. Fast 40 Redner wollen dazu etwas sagen. Sollen Bluttests an Embryonen auf Trisomie, die ab der neunten Schwangerschaftswoche seit 2012 legal auf dem Markt sind, künftig für Frauen mit Risikoschwangerschaft von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden? Das müssen zwar im Moment nicht die Abgeordneten entscheiden, sondern die Frage liegt bis Herbst auf dem Tisch von Ärzte-, Klinik- und Kassenvertretern, dem Gemeinsamen Bundesausschuss. Die Bluttests berühren aber ganz viel.

Zum Beispiel, wie eine Gesellschaft mit Gentests, mit Behinderten, mit der Entscheidung der Eltern selbst umgeht. Zwei Tendenzen im Bundestag gibt es. Und bei allem klingt an: Die ärztliche und soziale Beratung werdender Eltern ist zu schlecht. Diese Gesellschaft wäre gern inklusiv, die Menschen mit Beeinträchtigungen selbstverständlich aufnimmt. Sie ist es aber nicht.

"Geld darf nicht entscheidend sein"

Geht es um die reine Kassenleistungsfrage, dann tendiert eine Mehrheit der Abgeordneten, die in dieser Debatte gesprochen haben, zu einer Zulassung. Für sie ist der Bluttest an Embryonen eine soziale Frage. Denn ihn gibt es bereits auf dem Markt, er ist legal, er ist ab der neunten Woche leicht zu bekommen. Er ist für diejenigen, die die 200 bis 300 Euro übrig haben, durchaus eine Möglichkeit, sich zu vergewissern, ob ihr Kind mit Trisomie geboren werden wird. Es sei ethisch nicht vertretbar, sagt Karl Lauterbach (SPD), Eltern mit geringerem Einkommen diesen Test vorzuenthalten. "Das Geld darf nicht entscheidend sein", sagt Christine Aschenberg-Dugnus (FDP).

Zum sozialen kommt ein medizinischer Grund: Der Bluttest ist risikoärmer als die Fruchtwasseruntersuchung, die von Kassen bezahlt werden, aber Fehlgeburten auslösen können. "Wer will das verantworten?", fragt deswegen Axel Gehrke (AfD) und kommt zu dem Schluss: "Dieser Test muss Regelleistung werden." Es könne Frauen, sagt Sabine Dittmer (SPD) nicht zugemutet werden, "auf medizinisches Wissen zu verzichten". Katrin Helling-Plahr (FDP) sagt, ihr selbst habe der Test Ängste genommen und Sicherheit gegeben, auch um sich auf Kommendes einstellen zu können.

"Behinderung ist ein Armutsrisiko"

Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte bereits im März angedeutet, wohin in diesem Gremium die Richtung geht: Kassenleistung ja, aber nur für Risikoschwangere, also keine Reihenuntersuchung von Frauen auf Trisomie 21. Außerdem solle der Bluttest erst ab der zwölften Schwangerschaftswoche finanziell übernommen werden. Damit soll, ohne dass es explizit gesagt wurde, Abtreibungen wegen Trisomie verhindert werden. Einigen Abgeordneten geht es aber genau um diesen Punkt: Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) verweist auf Island, wo wegen des Bluttests Abtreibung von Embryonen mit Trisomie fast zum Normalfall geworden sei. "Das darf es bei uns nicht geben", sagt sie. Er sei "innerlich zerrissen", gesteht René Röspel (SPD), dass weniger Fehlgeburten durch den Test gleichzeitig mehr Abtreibungen bedeuten könnten.

Medizin-Ethiker Prof. Giovanni Maio betont: "Kinder mit Behinderung sind Ausdruck unserer Vielfalt und weder etwas, was man ausmustern sollte, noch ein vermeidbares Übel".

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Diese Befürchtung berührt wiederum eine Frage, die ebenfalls viele Abgeordnete umtreibt: Warum entscheiden sich Eltern bei der Diagnose Trisomie gegen die Geburt ihres Kindes? "Diese Gesellschaft", sagt Corinna Rüffer (Grüne), "ist außerordentlich ungeübt im Leben mit Behinderung." Die Angst, dem Kind nicht gerecht zu werden. Die Angst vor persönlicher und finanzieller Überforderung. "Behinderung ist ein Armutsrisiko", kritisiert Cornelia Möhring (Linke). Eltern mit behinderten Kindern, sagt Petra Sitte (Linke) könnten lange über das lebenslange Ringen mit Kassen, Behörden und dem Kampf gegen Vorurteile erzählen. "Darüber haben wir zu reden", findet Sitte. Entscheidend sei, sagt Katja Dörner (Grüne), von daher nicht die Frage Kassenleistung ja oder nein, sondern "ob sich Eltern darauf verlassen können, ob ihr behindertes Kind gut aufwächst".

"Eltern werden Druck empfinden"

Wenn Eltern sich also allein gelassen fühlen: "Wie frei ist eine Entscheidung wirklich?" fragt Susann Rütherich (SPD). Nach dem Motto: Muss ein behindertes Kind sein? Schließlich bezahle ja mit den gesetzlichen Krankenkassen die Allgemeinheit den Test. "Wir brauchen eine wirklich gute, ergebnisoffene Beratung", fordert Marija-Liisa Völlers (SPD). Eine Beratung, die Eltern mit dem Ergebnis des Tests "nicht allein lässt", fordert Dagmar Schmidtke (CDU). Denn selbst wenn die Gesellschaft es eigentlich nicht möchte, könnten vorgeburtliche Trisomie-Tests die Atmosphäre negativ verändern, befürchtet Volker Münz (AfD). "Eltern werden subjektiv den Druck empfinden", dass behinderte Kinder nicht willkommen sind. Und der Druck werde auf diejenigen wachsen, die den Test erst gar nicht machen wollen.

Und all das wiederum wirft ein weiteres Problem auf: Wozu sollen all diese Tests gut sein? Dagmar Schmidt (SPD) weist darauf hin, dass der Antrag auf breitere Zulassung des Trisomie-Tests nicht etwa von den Ärzten gestellt wurde. Sondern von den Herstellern. Vorgeburtliche Diagnostik sei ein "umkämpfter Markt", so Schmidt. Tatsächlich könnte es bald auch Tests auf Glasknochenkrankheit oder Mukoviszidose geben. Wo sind also die Grenzen? Gibt es ein Recht auf ein gesundes Kind? Ist es legitim, die Veranlagung von Erbkrankheiten vor der Geburt zu checken? "Das Ergebnis könnten Designerbabys sein", befürchtet Stephan Pilsinger (CSU). Alles, was bis zur zwölften Schwangerschaftswoche nicht passe, könnte abgetrieben werden.

"Wie viel Selektion verträgt der Mensch?"

Welche Grundsätze, fragt Rudolf Henke (CDU), gelten eigentlich nach einem Test? Wo sind die Grenzen? "Jeder Mensch hat den ethischen Anspruch, willkommen zu sein." Artikel eins des Grundgesetzes, also die Wahrung der Menschenwürde, dürfe über all diese Fragen nicht verloren gehen, warnt Henke. Pascal Kober (FDP) wünscht sich daher, dass der Bundestag regelmäßig über den medizinisch-biologischen Fortschritt informiert wird, um das Machbare ethisch bewerten zu können. "Noch nie", sagt er, habe eine Generation "vor so großer Verantwortung gestanden." Das bringt Michael Brand (CDU) zu der Frage: "Wer definiert das Optimum?" Und: "Wie viel Selektion verträgt der Mensch?" Karl Lauterbach (SPD) will auch deswegen für alle weiteren genetischen Tests eine neue Expertenkommission einsetzen, um solche Entscheidungen künftig nicht dem Bundesauschuss allein zu überlassen. "Wir brauchen ein neues Verfahren und ein neues Gremium."

Die Debatte im Bundestag endet nach gut zwei Stunden. Doch sie hat gerade erst begonnen.

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