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Romeo Franz im EU-Parlament - Eine Stimme für die Sinti und Roma

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Grünen-Politiker und Musiker Romeo Franz hat einen neuen Job: Der Mann aus Oggersheim sitzt als erster Sinto im EU-Parlament. Mit ihm hat die Minderheit eine Stimme in Brüssel.

Archiv: Romeo Franz am 08.04.2015 in Berlin
Romeo Franz: Musiker und Neuling im EU-Parlament
Quelle: dpa

Nach den ersten Tagen als Neuling im Europaparlament lässt Romeo Franz sich erschöpft in den Plastikstuhl in der Kaffeebar für Abgeordnete sinken. "Das ist ein riesiger Betrieb hier, total komplex, da muss man erstmal eine Lernphase durchmachen."

"Herr Salvini! Sie schüren Rassismus und Hass"

Seinen ersten großen Auftritt im Plenum hat er da gerade hinter sich: In einer von seiner Fraktion der Grünen beantragten aktuellen Stunde zur Lage der Sinti und Roma in Europa wendet er sich direkt an den italienischen Innenminister Matteo Salvini, der angekündigt hatte, er wolle die in Italien lebenden Sinti und Roma in einem Register erfassen und ihre Ausweisung prüfen lassen.

"Herr Salvini! Sie kriminalisieren eine gesamte europäische Minderheit mit ihrer Forderung und schüren bewusst Rassismus und Hass. Mit ihrer Forderung verstoßen Sie gegen nationales und internationales Recht."

"Das hat mich persönlich sehr getroffen", erzählt Franz, der selbst deutscher Sinto ist. "Die sollen ruhig wissen, da ist jetzt einer aus der Minderheit der Sinti und Roma im EU-Parlament. Die haben jetzt auch eine Stimme und sagen: Stop!"

Besondere Geschichte der Verfolgung

Romeo Franz, 51 Jahre alt, ist ein großer freundlicher Mann im Leinenanzug mit grüner Krawatte und blau gepunktetem Einsteck-Tuch. Geboren in der Pfalz, in Oggersheim, Jazz-Musiker, Geiger, Pianist auch mal in einer Bar, jetzt Nachrücker im EU-Parlament für die Grünen, konkret für Jan Philipp Albrecht, der in Schleswig-Holstein Umweltminister wird.

Was eigentlich ist ein deutscher Sinto? "Wir sind eine Minderheit wie Dänen, Friesen und Sorben. Wenn wir eine Mehrheit wären, würden Sie diese Frage nicht stellen. Wir haben eine besondere Geschichte der Verfolgung. Wir unterscheiden uns von der Kultur der Mehrheitsgesellschaft, wir haben eine eigene Musik, eigene Geschichten und eine eigene Sprache Romanes, eine spezielle Kunst, eigenes Handwerk.  Wir sind Christen, feiern Weihnachten und Ostern, wie alle anderen auch."

Als 16-Jähriger auf erster Demo

Die Ausgrenzung, die Verfolgung, die Diskriminierung von Menschen ist sein Thema, die Geschichte der Sinti sprudelt nur so aus ihm heraus. Vor über 1.000 Jahren aus dem Punjab in Indien vertrieben und in die Türkei verschleppt, von dort kamen sie nach Europa. 1995 gab es geschätzt 70.000 Sinti in Deutschland, Franz glaubt aber, dass die echte Zahl doppelt so hoch ist, dazu kommen noch einmal 140.000 zugewanderte Roma. In ganz Europa vermutet er 10 bis 13 Millionen Menschen mit Romno-Hintergrund.  Franz‘ Mutter und Großmutter haben den Holocaust überlebt, der Kampf seiner Familie um Entschädigung und gegen die Ausgrenzung hat aus dem Jazz-Musiker einen Politiker gemacht.

"1982 war ich als 16-Jähriger auf meiner ersten Demo. In Wiesbaden vor dem Bundeskriminalamt. Damals ging es darum, dass das BKA Nazi-Register benutzte, die diese zur Erfassung von Sinti und Roma erstellt und mit dem Kürzel ZN versehen hatten." ZN bedeutet Zigeuner. Ein Begriff, den Romeo Franz ablehnt. "Ich möchte mich nicht als Zigeuner bezeichnen, weil meine Angehörigen während des Holocaust mit dieser Zuschreibung ermordet wurden."

Franz' Sohn gibt sich lieber als Italiener aus

Erst betreibt Franz Aufklärung als Musiker von der Bühne aus, doch bald reicht ihm das nicht mehr. Ab Mitte der 1990er Jahre arbeitet er mit beim rheinland-pfälzischen Landesverband deutscher Sinti und Roma, 2010 tritt er den Grünen bei. 2013 verpasst er knapp den Einzug in den Bundestag, nun also das Europaparlament.

Auch heute noch werden Sinti und Roma diskriminiert, das will Franz ändern. Sein Sohn, erzählt er, gibt sich in der Schule lieber als Italiener aus - um Nachfragen zu entgehen. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen keinen Romno als Nachbarn haben möchte.

"Menschenleben werden unterschiedlich bewertet"

Die aktuelle deutsche und europäische Asyldebatte beobachtet der frischgebackene EU-Parlamentarier mit deutlichem Unbehagen. "Wenn ich den Asylkompromiss sehe, dann stelle ich fest, dass der Gedanke, für den wir ein Asylgesetz gemacht haben, gar nicht mehr vorkommt. Offenbar ist Asyl etwas, das wir gar nicht mehr gewähren wollen. Das Schlimme ist, dass Menschenleben unterschiedlich bewertet werden, je nachdem aus welchem Land man kommt, welche Ethnie und Hautfarbe man hat. Das finde ich Europas nicht würdig."

Auch in dieser Debatte geht es ja um Zurückweisung, Ablehnung und Ausgrenzung. Romeo Franz will ab jetzt versuchen gegen diese Stimmung in Europa vorzugehen.

Nach der ersten Parlamentswoche und der ersten Rede fühlt sich der Abgeordnete für seinen neuen Job ermutigt und beeindruckt zugleich:

"Manchmal kneif‘ ich mich noch und frage mich, ist das jetzt wirklich wahr?"

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