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Hauptstädte vor der Bundestagswahl - Athen: Das Feindbild hat ausgedient

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Finanz- und Flüchtlingskrise, eine uneinige EU - bei der Bundestagswahl wird auch über den Umgang mit diesen Themen abgestimmt. Nicht alle EU-Mitglieder sind mit Deutschland einer Meinung. Wie wird in den europäischen Hauptstädten auf die Bundestagswahl geschaut?

Der Wahlkampf ist auf der Zielgeraden - am nächsten Sonntag wird der Bundestag neu gewählt. Politiker aller Parteien werben jetzt noch einmal intensiv um Stimmen, auf der Straße und beim Häuserwahlkampf. Es gilt, die Menschen von sich zu überzeugen, doch …

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<br />Athen: Das Feindbild hat ausgedient

Es ist ein bemerkenswerter Wandel, den das Image von Kanzlerin Angela Merkel in Griechenland vollzogen hat: Verhasst wegen ihrer strikten Sparpolitik, wurde Merkel 2015 in der griechischen Tageszeitung "I Avgi" mit Hitlerbärtchen und in Uniform auf einem Panzer abgebildet. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble musste sich ähnliche Nazi-Vergleiche gefallen lassen.

Heute wird die amtierende Kanzlerin plötzlich als Menschenfreundin und engste Verbündete der Nation in der Flüchtlingskrise gefeiert. "In der Tat waren unsere Diskussionen nicht immer einfach", erklärte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras Ende 2016, "aber ich möchte sagen, dass man in schwierigen Momenten auch stabile Beziehungen aufbauen kann." Positive Worte zu endlich positiven Meldungen: Nach Jahren des Sparens und dreier Rettungspakte wächst die Wirtschaft Griechenlands wieder - langsam und vor allem wegen Rekordzahlen der Touristen in diesem Sommer.

Doch das Ende der Krise ist das noch lange nicht. Der künftige, deutsche Regierungschef soll für weitere Erleichterungen sorgen. Immer noch hoffen die Griechen auf einen Schuldenschnitt oder gar einen Schuldenerlass. Außerdem soll sich Deutschland mehr für eine faire Verteilung der Flüchtlinge innerhalb der EU einsetzen. Wie Italien fühlt sich auch Griechenland alleine gelassen. Von der nächsten Bundesregierung - wieder unter Angela Merkel - hofft man in Athen auf mehr Entgegenkommen.

von Antonia Schmid, Rom

Rom: Hohe Erwartungen an Deutschland

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien wird bald gewählt. Nur bis jetzt ist noch unklar, wer überhaupt bei der Wahl im Frühjahr 2018 antreten und welche Parteien am Ende die Regierung stellen werden. Klar ist aber, dass Italien einen Berg hausgemachter Probleme hat, was den populistischen Parteien im Land Auftrieb gibt.

Seit 2008 kämpft Italien gegen eine heftige Finanzkrise an, gegen einen Schuldenberg und drohende Bankenpleiten. Eine Bank nach der Anderen steht vor dem Bankrott oder kann nur noch durch staatliche Hilfe aufgefangen werden. Bis zu 17 Milliarden Euro hat Roms Finanzminister Pier Carlo Padoan allein zwei kleinen, norditalienischen Banken zugesagt. Die Rechnung müssen die Steuerzahler begleichen.

Zur immensen Last der Finanzkrise kommt ein nicht abreißender Strom an Flüchtlingen aus Afrika. Es sind Menschen, die täglich die Küsten Italiens erreichen. Die Stimmung im Land kippt, selbst bei den Liberalsten liegen die Nerven inzwischen blank. Wie Griechenland fühlt sich auch Italien mit dem Migrationsproblem alleingelassen. Die Erwartungen an eine neue, deutsche Bundesregierung sind offensichtlich: mehr Einsatz für eine gemeinsame, europäische Lösung.

von Antonia Schmid, Rom

Warschau: Merkel wäre das kleiner "Übel"

Die Polen schauen traditionell ganz genau hin bei Bundestagswahlen. Allerdings wird diese Wahl weniger beachtet als vorherige: Denn für die Polen ist die Sache klar: Es wird keine Überraschung geben. Denn ob bei Angela Merkel oder bei Martin Schulz - bei beiden passt der nationalkonservativen Regierung vieles nicht. Doch die Polen sehen viele in Merkel dann doch das kleinere Übel. Merkels Sieg sei das Beste für Deutschland, sagte so  auch Polens starker Mann Jaroslaw Kaczynski, Chef der nationalkonservativen Regierungspartei PiS, im Februar - ausgerechnet die Frau, die "die Migranten eingeladen hat", so die Sprachdoktrin der PiS. Mit der Politik der deutschen Kanzlerin ist man in manchem über Kreuz: Polen weigert sich hartnäckig, Flüchtlinge aufzunehmen, für die polnische Regierung ist Flüchtling gleich Moslem gleich Terrorverdächtiger.

Auch die angeblich deutsche Dominanz in Brüssel wird vom Regierungslager und nationalkonservativen Medien regelmäßig beklagt. Und zuletzt belasten die hartnäckigen Überlegungen, von Deutschland offiziell Reparationszahlungen für die deutschen Gräueltaten in Polen während des zweiten Weltkriegs zu fordern, empfindlich das Verhältnis.
Trotzdem: Die Kanzlerin wäre vielen Polen nach dem 24. September deutlich lieber als der Sozialdemokrat Martin Schulz.

So wirft Kaczynski Schulz etwa vor, zu freundlich gegenüber Russland zu sein. Die SPD gilt ohnehin als eine Truppe von Russlandfreunden. Als ehemaliger EU-Parlamentspräsident gehört Schulz zu den Eliten, die die PiS bekämpfen möchte. Zudem fand Schulz in der Vergangenheit deutlich klarere Worte als die Kanzlerin, wenn es darum ging, den rechtsstaatlichen Umbau Polens zu kritisieren. Schulz hatte der PiS eine "Unterwanderung der Demokratie" vorgeworfen.

Für die Regierung in Polen gilt: Lieber ein weiter so mit einer christdemokratischen Kanzlerin, die für Sanktionen gegenüber Russland steht, für die Ablehnung einer Spaltung Europas und für wenig laute Kritik an den Nationalkonservativen als ein Sozialdemokrat an der Spitze Deutschlands. Merkel gilt also als bequemer.

von Natalie Steger, Warschau

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