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Skandalträchtiger Bau eröffnet - Museumsgate an der Saar

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Größer und schöner sollte das Saarlandmuseum werden - es wurde zum Bausumpf. Jetzt war Eröffnung. Schwamm drüber? "Ende gut, alles gut", befindet zumindest der Kultusminister.

Es ist der skandalträchtigste Neubau im Saarland - der vierte Pavillon, ein Anbau des Saarlandmuseums.

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Noch vor wenigen Tagen hingen sie mit Kletterausrüstung an der 14 Meter hohen Wand und knoteten Wollfäden an hunderte Metallhaken. Jetzt steht die kalifornische Künstlerin Pae White mitten in einer knallbunten, begehbaren Installation, die grafische Muster in den Raum beamt. Je nach Standpunkt verändert sich die Perspektive. Rote Herzen, ein in sich verdrehter Regenbogen. "Das Material hat höchstens 500 Euro gekostet", sagt die Amerikanerin. "Das ist eigentlich Schrott. Die Arbeitszeit war teuer", lacht sie und dreht sich noch einmal um die eigene Achse - letzte Kontrolle. Pae White ist eines der Highlights bei dieser Museumseröffnung.

Eigentlich wird hier in Saarbrücken "nur" ein Erweiterungsbau eingeweiht. "Vierter Pavillon" hatte man das Projekt damals genannt - das Saarlandmuseum sollte größer und schöner werden. Aber es wurde zum saarländischen Museumsgate, das auch die heutige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer mit in den Bausumpf zog.

Aus neun Millionen wurden 39

Voller Elan schwang sie 2009 den Spaten. Kulturministerin war sie damals. Das Projekt hatte sich ihr Vorgänger ausgedacht. Da standen sie bei Musik der Bergmannskapelle draußen und feierten den neuen Kulturmagneten des Saarlandes. Nur neun Millionen sollte das kosten - günstig. Zu günstig vielleicht - aber kurz vor den Wahlen wollte man keine Probleme mehr. Annegret Kramp-Karrenbauer wurde schließlich saarländische Ministerpräsidentin.

Aus den neun Millionen wurden schließlich 39 Millionen. Es folgte ein mehr als zehn Jahre dauerndes Debakel. Zwei Untersuchungsausschüsse gab es, in denen auch sie aussagen musste. Wer hat falsch gerechnet? Wurden Mitarbeiter unter Druck gesetzt? Wurden die Kosten bewusst manipuliert? AKK, wie die Saarländer sie nennen, hat Fehler zugegeben. "Die Politik hat versagt, das war die Ursache für die Vertrauenskrise." Zurücktreten, wie viele es gefordert hatten, wollte sie nicht.

Den Fehler haben andere gemacht

Wenn man über den Museumsvorplatz läuft, ist der Boden voller Buchstaben und Textbänder, die sich bis hoch auf die Museumswand klappen. Da stehen sperrige Worte wie "Regierungsverantwortung", "Rechnungshof", "Akzeptanz der Kostensteigerung". Das Ganze ist ein Kunstwerk des angesagten Frankfurter Künstlers Michael Riedel. Er arbeitet mit Buchstaben, die bereits verwertet wurden. In diesem Fall ist es das Protokoll einer Landtagsdebatte, in der über das Museum gestritten, aber auch sein Bau beschlossen wurde.

Wenn Ulrich Commerçon über diese Sätze läuft, dann ist alles wieder da. Er war damals mit seiner SPD in der Opposition, hat mit dafür gesorgt, dass es Untersuchungsausschüsse gab. Heute ist er Kultusminister in der Großen Koalition. Der fünfte Kultusminister, der sich mit der Affäre befasst. Jetzt ist alles fertig und er will nicht mehr über den Skandal, sondern endlich über Kunst reden. Und der hohe Preis? "39 Millionen sind für ein Museum dieser Größenordnung und in dieser Exzellenz nicht zu viel. Den Fehler haben die gemacht, die damals gesagt haben, dass man so was für neun oder für zwölf Millionen bekommen kann."

Rechteckig, grauer Beton, alles gerade

Am nächsten Morgen steht er mit einer Schere hinter dem roten Band vor dem neuen Museumstrakt - "Gebäude B". Dort warten Pae Whites Wollfäden auf den Ansturm der Saarländer. Kaum hat er das Band durchtrennt, drängen sich hunderte Menschen in den Teil des Museums, den es früher nicht gab, und der mit seinem Skandal die ganze Stadt genervt hat. Annegret Kramp-Karrenbauer war nicht bei der Museumseröffnung. Sie musste kurzfristig absagen, weil sie in Berlin gebraucht wurde. Jamaika.

Der historische Bau der späten 60er Jahre sieht aus wie früher. Rechteckig, grauer Beton, alles gerade . Das mag einem nun gefallen oder nicht, es bleibt - das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Der Eingang ist im alten Gebäude geblieben und liegt zwischen dem historischen Teil und dem Anbau, das haben die Architekten bewusst so gemacht, damit das Neue dem Alten nicht die Show stiehlt. Das Foyer strahlt den verstaubten Charme der  frühen 70er aus, aber in allen drei Ausstellungsbereichen wartet die Moderne Galerie mit großen Namen auf.

"Ende gut, alles gut"

Oskar Schlemmer, Picasso, das blaue Pferdchen von Franz Marc, die Messingstadt von Max Beckmann, eine beachtliche Grafiksammlung. "Das Saarlandmuseum braucht keine internationalen Vergleiche zu scheuen", hatte Staatsministerin Monika Grütters gesagt. "Saarbrücken gehört jetzt zu den Nummer-eins-Adressen der Kunstszene."

Es war ein langer Weg für ein sperriges Projekt. "Ende gut, alles gut", sagte der Kultusminister bei der Eröffnung, und auch die Saarbrücker atmen auf. "Es wird Zeit, dass wir hier endlich wieder über Kunst reden. Dass die Jugendlichen auf dem Vorplatz Skateboard fahren, dass es hier wieder Leben gibt", sagt ein Besucher. "Ich hätte gerne gehabt, dass der Vorplatz grüner ist. Die Fassade ist ein bisschen unfreundlich." Aber genau diese Fassade ist jetzt zum Markenzeichen geworden. Die komplizierte Geschichte ist auf die Museumshaut tätowiert, das macht die Moderne Galerie genau zu dem, was sie heute ist. Und als wolle man die Saarländer für den ewigen Ärger ein bisschen entschädigen, ist der Eintritt bis zum Ende des Jahres frei.

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