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Physiotherapeuten-Mangel - Es bewegt sich was

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Spontan einen Termin beim Physiotherapeuten? Nahezu aussichtslos. Die Branche leidet unter extremem Fachkräftemangel. Aber es gibt zumindest etwas Hoffnung auf Besserung.

Junger Mann bei der Physiotherapie
Junger Mann bei der Physiotherapie
Quelle: imago

Wer investiert schon gerne sein Geld, wenn die Aussicht auf Rendite eher mau ist? So ähnlich hat es sich wohl in den vergangenen Jahren bei der Ausbildung zum Physiotherapeuten verhalten. 500 Euro Schulgeld monatlich über drei Jahre und schließlich dann Gehaltsaussichten, die am unteren Ende teils unter 2.000 Euro brutto monatlich liegen: Da muss man nicht lange rätseln, warum der Nachwuchs ausbleibt. Wer startet schon gerne mit fast 20.000 Euro Schulden ins Berufsleben, wenn ein zügiges Abzahlen kaum absehbar ist?

Kaum eingestellt und schon wieder abgeworben

Die Folgen lassen sich an zwei Zahlenbeispielen ablesen: Im Dezember 2006 gab es laut Bundesagentur für Arbeit 4.915 arbeitssuchende Physiotherapeuten und 914 gemeldete offene Stellen. Gut zwölf Jahre später, also im Juni 2019, waren 1.294 auf Stellensuche und 5.892 offene Stellen gemeldet. Wobei die Anzahl der tatsächlich offenen Stellen deutlich höher liegen dürfte, weil viele Arbeitgeber offensichtlich aus Frust aufgegeben haben, diese bei der Bundesagentur zu melden. So wie Michael Jonek.

Seit einem Jahr sucht der Physiotherapeut in Neuss (NRW) Verstärkung für seine Praxis. "Anfangs hatte ich über einen persönlichen Kontakt sogar Glück und habe eine Mitarbeiterin gefunden. Die wurde aber schon kurz darauf von einer Privatpraxis in Düsseldorf abgeworben", berichtet Michael Jonek. Bewerbungen seitdem: Null.

Erfolglose Mitarbeitersuche auf allen Kanälen

Der Neusser Physiotherapeut versucht es seitdem über alle Kanäle – von der Zeitungsanzeige über Facebook, Instagram und die eigene Webseite bis zum Stellenmarkt des Berufsverbands und Aushängen an seinen Praxisfenstern. Bislang erfolglos. Da helfen nicht einmal Gehaltsangebote, die deutlich über denen liegen, die der Markt sonst hergibt. Und auch keine 30-Minuten-Taktung statt der üblichen 20 Minuten, um Mitarbeitern und Patienten mehr Raum zu geben. "Die Personalsituation sieht so aus, dass alle guten Leute unter Vertrag sind. Wer eine offene Stelle hat, kann nur hoffen, dass sich jemand verändern möchte", vermutet Jonek. Aber das scheint kaum jemand zu wollen.

Zu zweit arbeiten sie aktuell in Joneks Praxis – bis zu drei weitere Stellen würde er nur allzu gerne so schnell wie möglich besetzen. Auf die nächsten zwei Monate ist die Praxis bereits ausgebucht, "aber das ist nicht patientengerecht", sagt Jonek. Ungerecht würde man das jetzt wohl als Patient nennen – oder "katastrophal", wie viele Fachleute sagen.

Großer Knick kam mit den Kostendämpfungsgesetzen

Die gute Nachricht: Hinter den Kulissen hat sich nach mehr als zehn Jahren des wirtschaftlichen Physiotherapeuten-Dramas zumindest seit 2016 einiges getan. "Der große Knick kam ja ab 2008 mit den Kostendämpfungsgesetzen", sagt Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten – IFK. "Mit Einführung der Grundlohnsummenbindung im Jahr 2003 wurden die Gebühren der Physiotherapeuten über Jahre gedeckelt und lagen durchgehend unter der Inflation. Wir konnten also nicht bei den steigenden Kosten mithalten, und der Beruf wurde über die Jahre für viele immer unattraktiver." Ergebnis: Im Bundesdurchschnitt ist eine offene Stelle heute erst nach 180 Tagen wieder besetzt.

Drei Dinge sind nun seit 2016 geschehen: "Mit dem Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung, kurz HHVG, sind die Preise für unsere Leistungspositionen bis jetzt um insgesamt 31,5 Prozent angestiegen", berichtet Ute Repschläger. "Und durch den so genannten bundesweiten Höchstpreis gibt es seit 1. Juli nun eine einheitliche Liste für alle Leistungen der Physiotherapeuten, die sich an den jeweils bis dahin höchsten Preisen orientiert. Das bringt bundesweit im Schnitt ein Plus von 6,5 Prozent."

Schulgeldfreiheit oder starke Reduzierung

Doch nicht nur die Einnahmen der Physiotherapeuten konnten zuletzt verbessert werden. Auch auf der Ausgabenseite gibt es Neuregelungen – und zwar für die Auszubildenden: In fast allen Bundesländern gibt es inzwischen deutliche Entlastungen beim Schulgeld (zum Beispiel 70 Prozent Förderung in NRW) oder gar Schulgeldfreiheit wie in Bayern, Hamburg und Niedersachsen. Weniger (oder gar kein) Schulgeld plus die Aussicht auf ein besseres Gehalt dürften früher oder später also auch dazu führen, dass wieder mehr Schulabsolventen eine Ausbildung zum Physiotherapeuten beginnen.

Auf mindestens fünf bis sechs Jahre schätzt IFK-Vorstand Ute Repschläger die Zeitspanne, bis die "hart erarbeiteten Verhandlungserfolge" der jüngeren Vergangenheit sich in Form von mehr Physiotherapeuten zeigen können. Erfolge übrigens, die zwar ein sehr guter, aber nur ein erster Schritt in die richtige Richtung seien: "Wie Praxen mit den Neuregelungen wirklich aufgestellt sind, soll nun ab Herbst eine groß angelegte Studie untersuchen", so Repschläger.

Für Michael Jonek und Tausende weitere Physiotherapeuten in Deutschland dürfte die Zeit der erfolglosen Mitarbeitersuche und der übervollen Terminbücher also noch einige Zeit andauern – ebenso wie für Patienten die Übung in Geduld bei der Terminvereinbarung. Aber die Talsohle, so scheint es, könnte beim Thema Physiotherapeuten-Mangel durchschritten sein.

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