ZDFheute

Weitere Eskalation der Gewalt im Irak

Sie sind hier:

Mehr als 30 Tote - Weitere Eskalation der Gewalt im Irak

Datum:

Nach einem der blutigsten Tage seit Ausbruch der Protestwelle im Irak vor rund zwei Monaten wächst der Druck auf die Regierung in Bagdad. Und auch der Ärger über den Nachbarn Iran.

Die Proteste im Irak halten an -sie richteten sich gegen Korruption und Misswirtschaft. Insgesamt sind seit Oktober mehr als 360 Menschen ums Leben gekommen und Tausende wurden verletzt.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Trauer und Wut im Süden des Irak: In der Stadt Nassirija erschossen die Sicherheitskräfte am Donnerstag mindestens 25 Demonstranten, die zwei Brücken blockiert hatten. Mehr als 200 weitere Demonstranten wurden verletzt, wie Rettungskräfte und Polizeivertreter mitteilten. In Nadschaf wurden vier Menschen getötet, in der Hauptstadt Bagdad starben zwei Demonstranten.

In vielen Regionen im Süden des Iraks und in der Hauptstadt Bagdad waren Anfang Oktober Proteste gegen die politische Elite des Landes und die ausufernde Korruption ausgebrochen. Die Demonstranten fordern einen Rücktritt der Regierung sowie ein neues politisches System. Bei den Protesten kamen seit Anfang Oktober zwischen 300 und 400 Menschen ums Leben.

"Sieg für den Irak" - "Iran raus"

Die Eskalation der Gewalt in Nassirija erfolgte wenige Stunden, nachdem wütende Demonstranten in der Pilgerstadt Nadschaf das iranische Konsulat gestürmt und in Brand gesetzt hatten. "Sieg für den Irak" und "Iran raus", riefen die Demonstranten bei den nächtlichen Protesten, bevor eine Ausgangssperre verhängt wurde. Die Demonstranten empört, dass der Iran die Regierung stützt, gegen die sie seit Wochen auf die Straße gehen.

Der iranische Außenamtssprecher Abbas Musawi verurteilte den Angriff auf das Konsulat und forderte die Regierung in Bagdad auf, entschieden gegen die "Aggressoren" vorzugehen. Der Iran habe dem irakischen Botschafter in Teheran seine "Empörung" über den Angriff mitgeteilt, sagte Musawi. Schon in der Vergangenheit hatte sich die Wut der Iraker auf den mächtigen Nachbarn wiederholt in Angriffen auf seine Vertretungen entladen.

General ein- und wieder abgesetzt

Nach der Eskalation in Nassirija setzte der irakische Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi den örtlichen Militärkommandeur Dschamil al-Schummari ab. Der General war erst kurz zuvor beauftragt worden, in Nassirija "die Ordnung wiederherzustellen". Wie die Militärführung am Morgen mitteilte, entsandte der Regierungschef mehrere Militärkommandeure in die südlichen Provinzen, um dort den Gouverneuren zur Seite zu stehen und die Sicherheitskräfte zu "kontrollieren". In Nassirija eskalierte aber kurz nach der Entsendung von Schummari die Gewalt.

Am frühen Morgen gingen die Sicherheitskräfte unter Einsatz von scharfer Munition gegen die Blockade von zwei Brücken vor. Mindestens 25 Menschen wurden erschossen und über 200 verletzt. Die Demonstranten setzten daraufhin eine Polizeiwache in Brand. Wegen der Gewalt wurde in der Stadt am Euphrat, die schon oft Schauplatz von Protesten gegen die Regierung war, eine Ausgangssperre verhängt.

Trauerzug trotz Ausgangssperre

Angesichts der Gewalt forderte Provinzgouverneur Adel al-Dachili die Regierung auf, Schummari umgehend abzuziehen, und drohte andernfalls mit Rücktritt. Der General habe "versagt, die Sicherheit in der Provinz zu garantieren", erklärte der Gouverneur, bevor der General tatsächlich abberufen wurde. Er war der Militärkommandeur der südlichen Hafenstadt Basra, als dort 2018 Proteste gewaltsam niederschlagen wurden.

Trotz der Ausgangssperre in Nassirija nahmen am Nachmittag tausende Menschen an einem Trauerzug für die getöteten Demonstranten teil. "Wir bleiben, bis das Regime fällt und unsere Forderungen erfüllt werden", skandierte die Menge. Kämpfer einer Stammesmiliz blockierten derweil eine Autobahn nach Bagdad, um zu verhindern, dass die Sicherheitskräfte Verstärkung schicken.

Tote auch in Nadschaf und Bagdad

Am Donnerstag wurden in Nadschaf unweit des Konsulats nach Angaben der irakischen Menschenrechtskommission vier Demonstranten getötet. Zwei weitere Menschen wurden demnach in der Hauptstadt Bagdad getötet.

Die seit Anfang Oktober andauernden Demonstrationen in Bagdad und dem Süden des Landes sind die größten Proteste seit dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein durch die USA 2003. Die Zahl der getöteten Demonstranten kann nur geschätzt werden; die Behörden veröffentlichen schon seit Wochen keine aktuellen Opferzahlen mehr. Rund 15.000 Menschen sollen verletzt worden sein.

Keine Reformen

Die Demonstranten fordern eine komplett neue Regierung unter Ausschluss der etablierten Parteien, die sie pauschal für Korruption, Klientelismus und staatliche Misswirtschaft verantwortlich machen. Auch zwei Monate nach Beginn der Proteste haben Parlament und Regierung noch keine politischen Reformen auf den Weg gebracht. Ungeachtet des Unmuts der Iraker unterstützt der Iran weiterhin die Regierung von Abdel Mahdi.

Eine Frau vor einer Gruppe Protestanten mit Libanon Landesflaggen

Proteste in Irak und Libanon -
"Der gleiche Schmerz, die gleichen Rechte"
 

Die Wut auf korrupte Eliten eint sie: Demonstranten im Libanon und im Irak haben sich verbrüdert. Hier und da wehen beide Flaggen über den Protesten, Slogans greifen einander auf.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.