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Estland macht es vor - Tallinn punktet mit ÖPNV zum Nulltarif

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Gratis mit Bus und Bahn - in der estnischen Hauptstadt Tallinn ist das seit 2013 so. Das Modell sei ein Erfolg, sagt der Chef der Verkehrsbetriebe: Weniger Autos, bessere Luft.

Archiv: Öffentlicher Nahverkehr in Tallinn
Archiv: Öffentlicher Nahverkehr in Tallinn Quelle: dpa

heute.de: Warum fährt man in Tallinn kostenlos mit Bus und Bahn?

Enno Tamm: Vor sieben Jahren, als der kostenlose Nahverkehr eingeführt worden ist, befanden wir uns gerade in der Wirtschaftskrise. Wir haben festgestellt, dass Transportkosten für die Bürger eine erhebliche Belastung darstellten. Durch Subventionen des ÖPNV wurden bereits damals 70 Prozent der Fahrpreiskosten durch die Stadt getragen. Wir haben also beschlossen, die restlichen Kosten für die Bürger zu übernehmen. Das durchschnittliche Monatseinkommen betrug damals rund 500 Euro im Monat. Durch den kostenlosen Personennahverkehr spart eine vierköpfige Familie jährlich ein Monatseinkommen ein. Außerdem wollten wir auch dem zunehmenden Individualverkehr etwas entgegensetzen.

In vielen anderen Städten ist die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in den letzten Jahren zurückgegangen, bei uns in Tallinn nicht. Im Gegenteil: Wir haben jetzt sieben bis acht Prozent Kunden mehr als vorher, und das Wachstumsniveau ist sehr stabil.

heute.de: Acht Prozent mehr Fahrgäste: Ist das wirklich ein Erfolg?

Tamm: Das ist ein Erfolg. Die Pkw-Neuzulassungen stagnieren seit Jahren. In anderen Städten werden immer mehr Fahrzeuge neu zugelassen - hier nicht. Dadurch wächst die Lebensqualität der Menschen. Es profitieren vor allem die Bürger, die in der Innenstadt arbeiten und wohnen. Ein Auto brauchen sie nicht mehr und auch keine Parkplätze. Man kommt überall schnell und kostenlos mit Bus und Bahn hin.

heute.de: Wie viel kostet der kostenlose ÖPNV die Stadt?

Tamm: 18 Millionen Euro kostet die Stadt der kostenlose Nahverkehr. Darin sind aber nicht die Ersparnisse berücksichtigt, die wir erreichen, weil keine Fahrkarten gedruckt, verkauft und kontrolliert werden müssen. Wir sparen jetzt auch an Verwaltungskosten. Früher haben sich viele Beamte damit beschäftigt, die ganzen Ermäßigungsanträge und anderen Dokumente zu bearbeiten. Doch die größte Gewinnerin unseres Modells ist die Stadt Tallinn: Es haben sich viele Menschen hier neu angemeldet, so dass die Stadt jetzt von deutlich höheren Steuereinnahmen profitieren kann.

heute.de: Wie wirkt sich das auf ökologische Aspekte aus?

Tamm: Tallinn gehört zu den zehn europäischen Städten mit der besten Luftqualität. Helsinki ist in unmittelbarer Nachbarschaft, und in Sachen Luftqualität erreichen wir die besseren Werte. Wir haben in den letzten Jahren den Großteil unseres Fuhrparks ausgetauscht und modernisiert. In Tallinn waren vor allem die öffentlichen Verkehrsmittel für die Luftverschmutzung verantwortlich. Wir haben den Anteil der Schadstoffbelastung durch den Busverkehr von neun auf zwei Prozent senken können.

heute.de: Was sind für Sie die größten Vorteile des kostenlosen ÖPNV?

Die Menschen ziehen den öffentlichen Personennahverkehr dem Individualverkehr vor: Es sind weniger Autos auf den Straßen unterwegs. Die Menschen haben mehr Geld in der Tasche, und das kurbelt die Wirtschaft an. Gleichzeitig unterstützen wir so vor allem auch die ärmeren Bürger in der Stadt.

Das Interview führte Maris Hellrand.

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