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Studie zum "EU-Erschöpfungstag": Das ökologische Konto für 2019 ist überzogen

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EU-Erschöpfungstag - Studie zum "EU-Erschöpfungstag": Das ökologische Konto für 2019 ist überzogen

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Würden alle Menschen leben wie in der EU, wären ab heute alle Ressourcen verbraucht, die die Erde in diesem Jahr nachhaltig bereitstellen kann, rechnen Umweltschützer vor.

Die Treibhausgas-Emissionen sollen sinken. Archivbild.
Die Treibhausgas-Emissionen machen etwa 60 Prozent des europäischen Fußabdrucks aus. Archivbild.
Quelle: Patrick Pleul/ZB/dpa

Die EU-Bürger leben über dem Limit - zumindest wenn es um Naturschätze und Rohstoffe der Erde geht, die sie verbrauchen. Diese Rechnung machen der "WWF" und das "Global Footprint Netzwerk" anlässlich des "EU-Erschöpfungstages" am heutigen 10. Mai auf. Von diesem Tag an lebt die Gesellschaft - ökologisch gesehen auf Pump: Sie verbraucht mehr Nahrung, Energie, Holz, Textilien oder Wohnraum, als die Ökosysteme der Erde nachhaltig bis zum Jahresende regenerieren können. Der EU-Erschöpfungstag fällt - wie der globale Erderschöpfungstag auch - in den letzten Jahrzehnten immer früher im Jahr. Im ersten Berechnungsjahr 1961 lag der Stichtag noch am 13. Oktober. 

EU-Staatschefs wollen Strategie 

Der alarmierende Ressourcenverbrauch beschäftigt inzwischen auch die EU-Staats- und Regierungschefs. Auf ihrer gerade zu Ende gegangenen informellen Tagung im rumänischen Sibiu haben sie das Thema auf die Tagesordnung gehoben. Die Energie- und Klimapolitik der EU verlangt in den nächsten Jahren eine strategische Ausrichtung - das bedingt auch eine effizientere Nutzung der Ressourcen. 

Europäer verbrauchen 2,8 Planeten

Wir Europäer verbrauchen so viele Ressourcen, als stünden uns 2,8 Planeten zur Verfügung.
Jörg-Andreas Krüger, Geschäftsleiter WWF Deutschland

Übermäßige Abholzung, Überfischung, Verstädterung, Weidelandverbrauch, Agrarland-Erschöpfung durch Überdüngung und Pestizidausbringung, Bodenerosion, Artenschwund und CO2-Emissionen - all dies fließt in die Gesamtrechnung ein. "Die Erde ächzt unter unserem ökologischen Fußabdruck. Wir Europäer verbrauchen so viele Ressourcen, als stünden uns 2,8 Planeten zur Verfügung", sagt Jörg-Andreas Krüger, Geschäftsleiter beim WWF Deutschland.

Leben in der Europäischen Union
Die EU-Bürger leben über ihrem Limit.

Der Stichtag wird sowohl weltweit als auch für die EU und die einzelnen Nationalstaaten ermittelt. Innerhalb der EU sind die Unterschiede groß: Spitzenreiter Luxemburg überschritt seinen nationalen Erschöpfungstag bereits im Februar, Schlusslicht Rumänien erst im Juni. Der deutsche Erderschöpfungstag fiel in diesem Jahr auf den 3. Mai. Damit verbrauchen die Deutschen  - symbolisch gesehen - 1,7 Planeten im Jahr. Der EU kommt bei der Erschöpfung der weltweiten Ökosysteme eine besondere Bedeutung zu: Obwohl EU-Bürger nur sieben Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen sie 20 Prozent aller natürlichen Ressourcen. Das europäische Defizit entspricht etwa dem, was ganz China an Ressourcen verbraucht.

Treibhausgase treiben die schlechte EU-Bilanz in die Höhe

Klima: Co2 - Luftqualität (Symbolbild)
In Deutschland wurden 2018 insgesamt 865,6 Mio. Tonnen Treibhausgase ausgestoßen. Symbolbild.
Quelle: reuters

"WWF" und "Global Footprint Netwoork" berichten, dass seit dem Negativrekordjahr 2007 alle 28 EU-Mitgliedsstaaten ihren Naturverbrauch um 19 Prozent senken können, vor allem durch umweltfreundlichere Energiegewinnung. Die Treibhausgas-Emissionen machen etwa 60 Prozent des europäischen Fußabdrucks aus.

Wir müssen den Ausbau der erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren verdoppeln.
Claudia Kemfert, DIW

Deutschland ist für fast ein Viertel (21 Prozent) davon verantwortlich, trägt bei der CO2-Bilanz also massiv zum großen ökologischen Fußabdruck der EU bei. Hierzulande wurden 2018 insgesamt 865,6 Mio. Tonnen Treibhausgase ausgestoßen. Das liegt zu einem großen Teil am schmutzigen deutschen Strom - die Energiewirtschaft trägt zu rund einem Drittel zur deutschen Treibhausgasbilanz bei. Ein Großteil der Energie kommt immer noch aus fossilen Energieträgern wie Kohle, die eine sehr schlechte CO2-Bilanz haben. Aber auch der Verkehr trägt zu rund einem Fünftel zur Treibhausgasbilanz Deutschlands bei, und bei der Gebäudedämmung geht es ebenfalls nicht so recht voran, die Energiebilanz ist nach wie vor schlecht.

Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung mahnt: "Wir müssen den Ausbau der erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren verdoppeln. Bis 2050 sollte die gesamte Energieversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt sein."

Deutschland bremst

ABholzung im Regenwald zum Anbau von Öl-Palmen
Abholzung im Regenwald zum Anbau von Ölpalmen.
Quelle: reuters

Ein weiteres Problem ist der europäische Konsum. Der neue Report warnt vor einem Export von Umweltproblemen in andere Teile der Welt durch Nahrungs- und Warenverbrauch in der EU. Futtermittelimporte in Form von Soja aus Brasilien, Palmöl für Biotreibstoffe aus Indonesien oder Kakao von der Elfenbeinküste haben in diesen Ländern zu erheblichen Umweltzerstörungen geführt. Durch Entwaldung und Monokultur-Anbau, aber auch Überfischung, Überjagung und Zersiedelung ist die weltweite Artenvielfalt binnen 40 Jahren um 60 Prozent zurückgegangen.

"Auch der Konsum sollte auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein, Verschwendung, Übermaß und Gier sollten abgeschafft und nur noch ökologisch tragfähige Produkte konsumiert werden", so Claudia Kemfert vom DIW.

Der französische Staatspräsident Macron stieß bei der EU-Tagung in Sibiu ins gleiche Horn: Er forderte, dass die EU künftig mindestens 25 Prozent ihrer Mittel für den Kampf gegen den Klimawandel einsetzen und bis 2050 netto CO2-neutral werden solle. Deutschland unterzeichnete das Papier nicht, Bundeskanzlerin Merkel stellte klar: "Weite Teile dieser Initiative teile ich" und verhinderte so einen Eklat. Wieder einmal zeigte sich jedoch, dass Deutschland in Sachen Umwelt nicht mehr führend ist und mittlerweile eher zu den Bremsern in der EU gehört.

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