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Digitalisierung - EU-Gipfel: Die Zukunft soll in Tallinn beginnen

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Internet für alle. Estland macht Europa vor, wie die digitale Zukunft aussehen kann. Heute treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU in Tallinn, um sich ein Bild davon zu machen, wie man schon heute im Europa von Morgen lebt. Ein Vorbild für alle?

Beim EU-Gipfel in Tallinn beschäftigen sich die Staats- und Regierungschefs mit dem digitalen Fortschritt in Europa. Gastgeber Estland präsentiert sich in der Vorreiterrolle: Die Regierung tagt papierlos und Behördengänge können online erledigt werden.

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Im siebten Stock eines Bürogebäudes der estnischen Hauptstadt Tallinn sitzt Sten Tamkivi in einem schmucklosen Großraumbüro. Viele Computer, Ausblick auf die Landebahn des Tallinner Flughafens und eine Spielekonsole - mehr braucht man in Estland nicht, um ein Unternehmen erfolgreich am Markt platzieren zu können. Die Start-Up-Szene im Land blüht: Skype, Starship oder Transferwise sind die populärsten digitalen Erfolge des kleinen Baltenstaates hoch im Norden Europas. Auch Sten Tamkivi hat Anteil am digitalen Aufstieg Estlands: Er war einer der Gründungsväter des mittlerweile weltweit genutzten Kommunikationssystems Skype.

Die Post bringt ein Roboter

Mit seinem jüngsten Unternehmen Teleport feiert er schon wieder Erfolge: Büros in London, Hongkong und San Francisco, doch der Hauptsitz bleibt in Estland, weil alles so schön einfach und digital ist. "Wenn man erst einmal seine digitale ID-Karte hat, dann kann man Dokumente unterzeichnen, Konten eröffnen und Unternehmen gründen. Man kann das von jedem Ort der Welt machen." E-Gouvernment lautet das estnische Zauberwort: Eine Chipkarte für alle Leistungen und alle Leistungen können online erledigt werden.

Die Digitalisierung ist Estlands Steckenpferd: Die Regierung tagt papierlos, gewählt wird im Internet, Programmierkurse für Grundschüler, Steuererklärungen dauern wenige Minuten, Roboter als Paketboten, ein Grundrecht auf den Internetzugang und die besagte Chipkarte für alle staatlichen Leistungen, Bankgeschäfte oder andere Dienstleistungen. Schlange stehen auf Ämtern oder in Behörden war gestern. Um die ältere Generation nicht abzuhängen, werden flächendeckend kostenlose Onlinekurse angeboten.

"Wenn wir ein Datenleck ausmachen, dann reagieren wir sofort. Das Risiko ist zu beherrschen", sagt Sicherheitsexperte Anto Veldre von der staatlichen Datenschutzbehörde. Sorgen macht man sich in Estland zumindest keine. Auch Sten Tamkivi sieht das ganze recht locker: "Wir wollen an der Spitze der Digitalisierung sein. Manchmal entdeckt man wunderbare Dinge und manchmal verbrennt man sich auch. Es ist unmöglich Technologieführer zu sein, wenn man das Risiko vermeiden will."

Einen Durchbruch? Eher nicht

Das Grundrezept ist dabei einfach: Die Bürger geben einmal dem Staat ihre Daten und werden nie wieder danach gefragt. Alles wird in dezentralisierten Datenbanken abgelegt, weil es sicherer als ein zentraler Server ist. Begeht der Este zum Beispiel einen Verkehrsverstoß werden 13 Datensätze abgefragt. Die Bürger können in einem Onlineportal selbst überprüfen, wer wann und wozu die personenbezogenen Daten abgefragt hat.

Heute treffen sich in der estnischen Hauptstadt Tallinn die Staats-und Regierungschefs der EU. Estland hat die EU-Ratspräsidentschaft inne und will die EU teilhaben lassen an der Idee des digitalen Fortschrittes. Doch den Durchbruch wird man von diesem "Digitalgipfel" wohl nicht erwarten dürfen, denn beschlossen wird erst einmal nichts. Die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder werden eine Vision für die digitale Zukunft Europas bis 2025 skizzieren. Estland drückt dabei mächtig auf die Tube: Ein digitaler Binnenmarkt muss rasch her, um den Anschluss an China oder die USA nicht zu verlieren. Was im Handel funktioniert, soll im Netz Programm werden.

Keine Angst vor Experimenten

Anto Veldre hat für die hohen Gäste auch noch einen Tipp parat: "Das Wichtigste ist, Dinge einfach zu tun und keine Angst zu haben. Wir Esten haben Kryptografie nicht erfunden, wir haben keine eigenen Algorithmen. Wir nutzen fremde Technologie. Wir haben das bestehende einfach zusammengefügt und versuchen damit, für unsere Bürger einen Mehrwert zu erreichen. Kurzum: keine Angst haben, machen und experimentieren."

Doch wenn die Staats- und Regierungschefs auf ihrem Weg vom Flughafen in die Tallinner Altstadt das mobile Internet flächendeckend in LTE-Geschwindigkeit nutzen können, finden sie vielleicht doch schneller Gefallen an einem digitalen Europa der Zukunft.

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