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Europäische Studie - Antisemitismus nimmt für Juden immer mehr zu

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Immer mehr Juden haben Angst vor Angriffen. Das bestätigt nun auch eine europäische Studie. 44 Prozent der befragten deutschen Juden dachten deswegen sogar schon ans Auswandern.

Rabbiner vor Synagoge in Halle (Saale)
Quelle: dpa

Für neun von zehn Juden in Europa hat der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage der Europäischen Agentur für Grundrechte in zwölf EU-Staaten, die am Montag veröffentlicht wurde. Wie im europäischen Schnitt sagten in Deutschland 85 Prozent der Befragten demnach, dass Antisemitismus für sie "das größte soziale oder politische Problem" sei. Fast die Hälfte der deutschen Juden überlegte bereits auszuwandern.

Vize-Kommissionspräsident Frans Timmermans zeigte sich "zutiefst besorgt" über die Ergebnisse. "Es ist nötig, dass wir dieses Übel nachdrücklich und gemeinsam bekämpfen." Wenn Europa es nicht schaffe, dass sich Juden dort sicher fühlten, "hört es auf Europa zu sein". 28 Prozent gaben in der Umfrage an, sie seien im vergangenen Jahr mindestens einmal belästigt worden, etwa über Hass- oder Drohmails oder durch beleidigende Kommentare in der Öffentlichkeit. In Deutschland gaben dies 41 Prozent der Befragten an und damit so viele wie nirgendwo anders.

Antisemitismus nicht nur am rechten Rand verbreitet

Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums sagte zu der Studie: "Die Nachricht ist erschütternd." Das Innenministerium habe mit der Einsetzung eines Beauftragten für jüdisches Leben in Deutschland unter Beweis gestellt, dass es eine solche Entwicklung nicht tatenlos hinnehme. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer ergänzte: "Es ist der Bundesregierung natürlich ein besonderes Anliegen, dass sich jüdisches Leben in Deutschland frei und sicher entfalten kann und weiter gestärkt wird." Die Erinnerung an den Holocaust mahne zur Verteidigung der Werte der Demokratie. "Dazu gehört, dass Jüdinnen und Juden in unserem Land sicher leben können."

Auffällig ist - wie schon andere Studien gezeigt haben - dass Antisemitismus keine Einstellung allein des rechten Rands ist. Zu den häufigen Täter-Gruppen zählten Menschen mit extremen muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus der eher linken Szene (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Menschen aus dem Bekanntenkreis (15 Prozent) und Personen mit eher rechtsextremen Ansichten (13 Prozent).

Schauplatz Internet

Aus der Erhebung geht hervor, dass Schauplätze für Antisemitismus vor allem das Internet und die Sozialen Medien sind. Zu den im Internet verbreiteten antisemitischen Vorurteilen zählen laut der FRA-Studie Aussagen wie "Israelis benehmen sich wie Nazis gegenüber den Palästinensern", "Juden haben zu viel Macht" und "Juden nutzen die Opferrolle im Holocaust für ihre eigenen Zwecke aus". "Die Ergebnisse zeigen, dass Antisemitismus in der Öffentlichkeit präsent ist, dabei werden negative Klischees wiederholt und eingeprägt", heißt es in der Studie.

44 Prozent der deutschen Juden haben schon an Auswandern gedacht

Gut ein Drittel (34 Prozent) Teilnehmer aus den zwölf EU-Ländern sagten, dass sie die Teilnahme an jüdischen Veranstaltungen vermeiden würden, weil sie sich nicht sicher fühlen. 38 Prozent spielten deshalb mit dem Gedanken auszuwandern. In Deutschland waren es sogar 44 Prozent - deutlich mehr als bei der letzten derartigen Umfrage von 2012, als dies 25 Prozent angaben.

Über die zwölf EU-Staaten hinweg übte eine Mehrheit der befragten Juden Kritik am Vorgehen ihrer Regierungen gegen Antisemitismus. 70 Prozent gaben an, dass dieses aus ihrer Sicht nicht wirksam sei. In Deutschland waren es 74 Prozent, in Polen 91 Prozent.

An der Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte nahmen 16.500 Menschen über 16 Jahren teil, die sich als jüdisch bezeichnen. In Deutschland wurden 1.233 Menschen befragt. Laut EU-Kommission leben in den einbezogenen zwölf EU-Staaten 96 Prozent aller europäischen Juden.

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