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Landwirtschaft - EU will Antibiotika-Einsatz beschränken

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EU-Parlament und Mitgliedsstaaten setzen sich geschlossen für die Antibiotika-Reduzierung bei Nutztieren ein. Das Parlament hat vorgelegt, heute will der EU-Rat zustimmen.

Schwein in einem Gehege. Archivbild
Die EU geht gegen den massiven Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft vor.
Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Mit überwältigender Mehrheit hat das Europäische Parlament vor wenigen Wochen bereits Ja gesagt zu scharfen Regeln für den Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft. Nur 16 Nein-Stimmen und 20 Enthaltungen - ein derart klares Abstimmungsergebnis ist selten in der Volksvertretung der EU. Vielleicht liegt es daran, dass auch Parlamentarier nicht gerne krank werden - und auch sie Angst vor tödlichen Krankheiten haben.

EU-Kommission soll Einsatz von Reserveantibiotika verbieten können

Denn die neuen Vorschriften berühren einen urmenschlichen Instinkt: die Angst vor Infektionen, die wir nicht mehr in den Griff bekommen. Dass die Zahl der Todesopfer durch Ansteckung mit multiresistenten Keimen steigt, stellte das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) fest. Im Auftrag der EU beobachtet und bekämpft das ECDC ansteckende Krankheiten. Erst kürzlich schätzten seine Experten in einer Studie, dass allein in der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum pro Jahr mehr als 33.000 Menschen durch eine Infektion mit antibiotikaresistenten Erregern sterben. Betroffen seien vor allem Kinder unter einem Jahr und Menschen über 65 Jahre.

"Antibiotikaresistente Keime sind eine immense, ständig wachsende Bedrohung für Gesundheit und Leben", erklärt Renate Sommer, Europaabgeordnete der CDU. Auch sie hat mit Ja gestimmt, als das Parlament beschloss, den Einsatz von Antibiotika wenigstens in der Landwirtschaft zu reduzieren: kein vorbeugender Einsatz mehr, keine Behandlung von kompletten Herden oder Ställen, es sei denn ein Tierarzt ordnet dies ausdrücklich an.

Außerdem soll die EU-Kommission den Einsatz sogenannter Reserveantibiotika in der Landwirtschaft künftig generell verbieten können. "Endlich ist EU-weit festgeschrieben, dass bestimmte Antibiotika nur für Menschen verwendet werden dürfen", freut sich Susanne Melior. Sie sitzt für die SPD im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments. "Diese speziellen Antibiotika sind nötig, wenn bei Erkrankungen alle anderen Medikamente nicht mehr anschlagen. In der Tiermast haben diese Arzneimittel nichts verloren." Schlechte Haltungsbedingungen sollten nicht durch breitflächige Antibiotikagabe ausgeglichen werden.

Neue Regeln verpflichten zu exakter Dokumentation

Das sieht auch Martin Häusling von den Grünen so: "Jetzt geht es darum, dass die neuen Vorschriften auch umgesetzt werden", mahnt er. Dazu brauche es umfassendes Datenmaterial zu Verkauf und Verwendung von Antibiotika. Genau deshalb verpflichten die neuen Regeln künftig jeden Bauern in der EU, genau zu dokumentieren, wann und wofür er auf seinem Hof antimikrobielle Arzneimittel einsetzt. Die gesammelten Daten sollen bei künftigen Entscheidungen über den Umgang mit Antibiotika auf Bauernhöfen helfen.

In Deutschland ist das Sammeln solcher Daten längst Alltag, die Regeln sogar strikter als die neuen EU-Vorschriften, sagt der Deutsche Bauernverband. Moderne Qualitätsmanagementsysteme würden bei der Erfassung helfen. Der Effekt ist deutlich: "Wir konnten mit systematischem Monitoring den Einsatz von Antibiotika um die Hälfte reduzieren", erklärt Bauernverbands-Geschäftsführer Bernhard Krüsken. Ein Erfolgsrezept, das durchaus übertragbar sei.

Nur ein Schritt gegen multiresistente Keime

Dass die EU manche Antibiotika allein für Menschen reservieren will, sieht er hingegen kritisch: "Reserveantibiotika für Menschen vorzuhalten ist im Grunde genommen richtig, aber uns ist wichtig, dass für spezielle Situationen der Gebrauch unter tierärztlicher Aufsicht nicht vollständig verboten wird." Unterm Strich sind weniger Antibiotika in der Landwirtschaft ohnehin nur ein Schritt im Kampf gegen multiresistente Keime. "Bei vielen Erregern, die gegen Antibiotika resistent sind und beim Menschen Infektionen verursachen, wissen wir, dass sie nicht aus dem landwirtschaftlichen Bereich kommen", sagt Robin Köck, Chefarzt am Institut für Hygiene der DRK-Kliniken in Berlin. "Auch in der Humanmedizin muss man darauf achten, Antibiotika sachgerecht einzusetzen."

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