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Europa im Umbruch - Suche nach der europäischen Euphorie: Was wurde aus Friede, Freude, Götterfunken?

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Diese Woche wählen hunderte Millionen EU-Bürger ihre Volksvertreter bei der Europawahl. Doch die Euphorie des Anfangs scheint verflogen. Was nun?

Europa steht 30 Jahre nach dem Mauerfall wieder vor einer Zeitenwende. Von Friede, Freude, Götterfunken diesmal kaum eine Spur.

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Der Mann schaut mit strengem Blick und strengem Schlips durch den Stall, dann greift er zwischen die Schafe und hilft einem Tier aus der Klemme. Mikolaj Dmowski ist das Bild eines polnischen Konservativen, ein Hüter und Bewahrer.

Nach dem Ende des Kommunismus hatte er noch dem bereits vor den Nazis ins Londoner Exil geflohenen uralten Grafen Raczynski versprochen, sich um dessen Gut zu sorgen. Heute liegt zwischen vielen Hektar Weiden, Wald, Getreideflächen südlich von Posen der Gutshof auch glänzend das Schloss der Raczyńskis. "Renoviert mit Mitteln der EU", sagt Dmowski, "natürlich!"

Nach dem Zusammenbruch des Kommunimsus beglückt ihn der Aufstieg eines selbstbestimmten Polen, das sich in Europa aus eigener Stärke behauptet. "Aus meiner Sicht ist das ein Wunder, das ich nie im Leben erwartet hätte", sagt er. "Dass wir plötzlich in Polen anständig verdienen, dass wir keine Bettler im Westen mehr sind." Zwar profitiere Polen von EU-Subventionen, doch umgekehrt auch der Westen auch von polnischer Nachfrage und Millionen polnischen Arbeitskräften.

Abgehängt und abgedrängt von Eliten

Lkw überquert die EU-Aussengrenze von Polen in die Ukraine
Lkw überquert die EU-Aussengrenze von Polen in die Ukraine
Quelle: reuters

1989: Grenzzäune fallen, in Berlin öffnet sich die Mauer, ganz Europa feiert den Aufbruch in eine neue Zeit, in ein geeintes, freies Europa. Wirtschaftlich bricht Osteuropa nach Westen auf, politisch aber scheint es bis heute nicht ganz anzukommen. Regierungen von Polen bis Rumänien strapazieren mit Rechtsbrüchen die EU-Verträge.

Doch auch im Westen kriselt es vor der Europawahl 2019 heftig, auch hier scheint man sich selbst fremd geworden. Die Briten wollen raus aus der EU und zahlen dafür schon jetzt einen hohen Preis. In Frankreich steht der Protest der Gelbwesten für ein globaleres Phänomen: Zu viele sehen sich ausgeschlossen von wirtschaftlichen Erfolgen, fühlen sich kontrolliert, abgehängt und abgedrängt von urbanen Eliten. Bringt die Sehnsucht nach Abgrenzung und Selbstbehauptung das politische Projekt Europa in Gefahr?

"Die EU ist etwas anderes"

Dmowski, vielsprachig, weltoffen, sieht das nicht so. Er unterstützt - wie gut 37 Prozent der Polen - die nationalistische PiS-Regierung und hofft auf Zuwächse bei der Europawahl: "Das nennt man sehr oft Populismus. Aber in der Tat ist das das, was die Leute einfach erwarten und wollen", sagt er. Dass die PiS-Regierung Richter absetzt und in die Justiz eingreift, sei ihr Recht, die Kritik aus Berlin und Brüssel anmaßend.

Als Unrecht sieht Dmowski vielmehr die deutsche Flüchtlingspolitik, die ohne Rücksicht auf die Nachbarn agiere: "Wir würden als Mitbürger von Europa unseren westlichen Freunden und Nachbarn raten, dass sie  eigene Probleme zuerst lösen, bevor sie uns belehren." Gerade die Deutschen dürften nicht über die EU in Polen hinein regieren, so Dmowski. "Wir machen in unserem Land, was wir für richtig halten! Und die EU ist etwas anderes."

Nach Brexit zurück nach Polen

Auch Kasia Bylok sieht den Westen inzwischen nüchterner, allerdings aus anderen Gründen. Sie saniert ein Haus ihres Vaters in der kleinen Gemeinde Nadarzyn bei Warschau. Erst vor einigen Monaten ist sie endgültig aus England herüber gezogen. Dort, wo mehr als eine Million Polen leben, sei der Lebensstandard inzwischen eigentlich nicht mehr höher als in den meisten polnischen Städten. Und auch politisch fühlte sie sich keineswegs freier: "Mit dem Brexit hat eine sehr hässliche Kreatur ihr Haupt erhoben: Fremdenfeindlichkeit und Rassismus."

Bylok, die in England als Lehrerin, Event-Managerin und an der Uni arbeitete, fürchtete plötzlich als Polin und EU-Angehörige: "Würde ich bald eine Bürgerin zweiter Klasse werden?" Jetzt arbeitet sie als Englisch-Lehrerin im boomenden Warschau. Auch wenn sie mit der PiS-Regierung hadert, schätzt sie den Aufschwung Polens, den robusteren Arbeitsmarkt: "Einerseits gibt es hier diese sehr nationalistische Regierung mit ihrer Demontage der Demokratie, zumindest aber des Justizwesens. Andererseits haben sie die soziale Fürsorge – in sehr kleinem Maßstab zwar – aber das ist mehr, als die Leute zuvor hatten. Das ist für viele eine sehr attraktive Mischung."  Haben die PiS- Populisten mit ihrem Sozialprogramm die Trümpfe in der Hand? Jedenfalls machen ihnen andere das Spiel sehr leicht.

"Da ist es auch nicht schlechter"

In Peterborough im Osten Englands sitzt Michal S. in einem polnischen Kaffee. Gerade hat er seinen Job als Lastwagenfahrer verloren. Die Möbelfabrik habe viele englische Mitarbeiter entlassen, sagt er, sie gehe seit dem Bekanntwerden des Brexit durch schwere Zeiten. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine polnische Exil-Zeitung, der Titel fordert die Engländer auf, endlich eingewanderte Osteuropäer vor den Folgen des irrationalen Brexit zu schützen. Es ist eine weit verbreitete Stimmung.

"Viele Engländer sagen, für 15 Pfund würde ich auch in der Landwirtschaft arbeiten", lacht Michal bitter. "Aber wenn ich sage, Du kriegst höchstens 6 Pfund, wollen sie davon nichts hören. Wer soll, frage ich, die ganze schwere Arbeit machen - in der Landwirtschaft, in den Farbriken, in Krankenhäusern und Pflegediensten?" Die ersten Jahre sei es gut gewesen in England, findet er, seit der Finanzkrise 2008 aber gehe es bergab und mit dem Brexit nun noch mehr. "Ich gehe zurück nach Polen, denke ich, da ist es auch nicht schlechter und ich bin wenigstens bei meiner Familie."

Die Euphorie des Anfangs fehlt

Der Gutsverwalter Mikolaj Dmowski würde sich über junge symphatische Mitarbeiter wie Michal freuen, er braucht dringend Mitarbeiter. Doch der will lieber in einer Stadt wohnen, wo die Löhne höher sind, vielleicht sogar für die Arbeit nach Deutschland pendeln.

Vieles steht wieder auf Anfang in Europa, aber es fehlt die Euphorie des Anfangs. 1989 war ein Aufbruch, 2019 herrscht Ernüchterung – und die Gewissheit, dass ein Neuanfang not tut.

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