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European Balcony Project - Künstler rufen "Europäische Republik" aus

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Mit einem Kunstprojekt soll heute von Helsinki bis Porto symbolisch die "Europäische Republik" ausgerufen werden. Tobias Schuster vom Schauspielhaus Wien erklärt, warum.

Sterne der EU
Quelle: colourbox.de

heute.de: Was war für Sie am Schauspielhaus Wien ausschlaggebend, sich am "European Balcony Project" zu beteiligen?

Tobias Schuster: Mit der Idee der "Europäischen Republik", die heute überall in Europa von Kulturschaffenden ausgerufen werden soll, beschäftigen wir uns am Schauspielhaus bereits seit 2015. Entscheidend war damals für uns, zur Eröffnung der neuen Intendanz darüber nachzudenken, wie man heute politisches Theater gestalten kann. Dabei sind wir auf die zu diesem Zeitpunkt noch junge und weitgehend unbekannte Idee der "Europäischen Republik" von Ulrike Guérot und Robert Menasse gestoßen.



Deren Ideal, für gleiche Rechte für alle europäischen Bürger, für den Wegfall der nationalstaatlichen Ebene und für eine Demokratie einzustehen, die die Übertragung der Souveränität von den Nationalstaaten auf die Bürger vorsieht, hat uns fasziniert. Seither haben wir uns immer wieder in unseren Stücken mit den Problemen der politischen Situation in Europa beschäftigt. Die aktuelle Spielzeit haben wir beispielsweise ganz bewusst mit der Inszenierung von Robert Menasses Brüssel-Roman "Hauptstadt" eröffnet. Für uns war es deshalb keine Frage, die Idee der "Europäischen Republik" einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ulrike Guerot und  Robert Menasse, aufgenommen am  30.10.2018
Sie hatten die Idee der "Europäischen Republik": Die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Guérot (l.) und der Schriftsteller Robert Menasse.
Quelle: dpa

heute.de: Auf welche Weise beteiligen Sie sich?

Schuster: Wir werden mit unserem Ensemble und verschiedenen befreundeten Künstlern das Manifest öffentlich verlesen und danach zu einer großen Diskussionsrunde einladen. Wir haben dazu den Staatsrechtler Alexander Somek und Marie Rosenkranz eingeladen, die beim European Democracy Lab in Berlin tätig ist, einem von Ulrike Guérot gegründeten Thinktank zur Zukunft Europas. Mit ihnen wollen wir uns über die konkreten Umsetzungsmöglichkeiten des Konzepts der "Europäischen Republik" austauschen. Im Anschluss wird es noch eine Party geben. Wir haben das Ziel, auf diese Weise unser Haus für ein möglichst breites Publikum zu öffnen und der aus unserer Sicht sehr faszinierenden Idee, die Ulrike Guérot und Robert Menasse entwickelt haben, ein Podium zu geben.

heute.de: Weshalb ist in Ihren Augen die Ausrufung einer "Europäische Republik" nötig?

Schuster: Ich denke, dass es nötig ist, neue Wege zur Gestaltung der europäischen Demokratie zu gehen und uns Bürgern mehr Teilhabe zu ermöglichen. Ein Manko ist bislang sicherlich, dass die über den Ministerrat getroffenen Entscheidungen in der Europäischen Union letztendlich nur eine sehr indirekte Legitimation haben. In meinen Augen wäre es deshalb erstrebenswert, das von den Bürgern gewählte Europaparlament strukturell dahingehend zu stärken, dass dieses eine europäische Regierung aus seiner Mitte wählt. Dadurch würde sicherlich die Identifikation mit der europäischen Idee viel stärker werden. Auch das gegenseitige Ausspielen vermeintlich nationaler Interessen könnte auf diese Weise reduziert werden.


Ich bin davon überzeugt, dass es an vielen Punkten noch mehr Europa geben muss. Natürlich sind die Kapitalmärkte und wirtschaftlichen Strukturen bereits in einem europäischen System in vielerlei Hinsicht vereinheitlicht. Aber wenn man beispielsweise als Arbeitnehmer von einem Land in ein anderes wechseln möchte, ist das immer noch äußerst kompliziert. An den Stellen, wo es für den einzelnen Bürger relevant wird, gibt es noch zu wenig Europa. Das würde sich in einer "Europäischen Republik" ändern.

heute.de: Was erhoffen Sie sich in dieser Hinsicht vom heutigen Samstag?

Schuster: Nachdem heute an weit mehr als 150 Orten in ganz Europa die "Europäische Republik" ausgerufen wird, glaube ich schon, dass dieser Tag das Potenzial hat, in einer breiteren Gesellschaft darüber nachzudenken, ob nicht auch ein anderes, solidarischeres Europa vorstellbar ist, in dem Nationalstaaten keine Rolle mehr spielen. Wir versprechen uns nicht davon, dass wir ab Sonntag in einem Europa ohne Nationalstaaten leben. Aber zumindest das Gedankenexperiment zu wagen und zu versuchen, dieses breiter zur Diskussion zu stellen, das kann schon gelingen.

Archiv: Philipp Scheidemann aufgenommen am  09.11.1918   in Berlin
Eines der Vorbilder für das European Balcony Project: Am 9. November 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die erste deutsche Republik aus.
Quelle: dpa

heute.de: Welche Funktion und Aufgabe kann das Theater dabei übernehmen?

Schuster: Gerade in für die Demokratie und die europäische Idee krisenhaften Zeiten, wie wir sie derzeit erleben, müssen wir uns als Theater klar gegen Nationalismus positionieren und versuchen, Öffentlichkeit für neue politische Utopien oder Initiativen herzustellen und Ideen Raum geben. Sei es, indem sie in Stücken auf der Bühne thematisiert werden, aber auch durch Diskussionsveranstaltungen. Das Theater muss zu einem Begegnungsort werden, wo sich Menschen auch jenseits des Bildungsbürgertums treffen und über die Kunst in einen Austausch kommen können. Wir haben aus meiner Sicht als Kulturinstitution den gesellschaftlichen Auftrag, politische Probleme zu thematisieren, Stimmungen und Befindlichkeiten vor Ort aufzugreifen und aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen zu behandeln.

Das Interview führte Michael Kniess.

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