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Digitalisierung der Kirche - Gott zum Wischen

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Gott hat sonntags, 10 Uhr, seinen Platz. So war es immer. Christen melden sich jetzt auch woanders zu Wort: Youtube, Instagram. Die evangelische Kirche ist digital, manchmal.

Archiv: Ein iPhone mit einem Bibeltext aus der Offenbarung des Johannes und eine Bibel in einer Kirche am 21.10.2014
Ein iPhone mit einem Bibeltext aus der Offenbarung des Johannes
Quelle: imago

Jana glaubt. Theresa liebt. Und Pastor Gunnar gibt Antworten. Bei Jana geht es derzeit darum, ob Christen Alkohol trinken dürfen. Bei Theresa um Christsein und Homosexualität und bei Gunnar um Glaube trotz Krebs. Schwere Themen. Sie werden von Jana, Theresa und Gunnar nicht sonntags um 10 Uhr auf der Kanzel im Gottesdienst besprochen, sondern auf dem Sofa, in der Küche oder auf dem Weg ins Büro auf der Straße.

Gunnar Engel ist Pastor in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, Theresa Brückner Pfarrerin für Kirche im digitalen Raum in Berlin, Jana Higholder ist Poetryslamerin und Medizinstudentin. Sie alle wollen über ihren Glauben reden und haben einen Youtube-Kanal: Jana glaubt, Theresa liebt und Pastor Gunnar Engel. Etwa 50 solcher protestantischer Känale gibt es. Die Evangelische Kirche in Deutschland wird digital, zumindest ab und zu.

Eine Million Euro für Digitales

Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um den Internetauftritt der Kirchengemeinden, den hat mittlerweile jeder. Instagram-, Facebook-, Twitter-Kanäle muss man dagegen suchen. Noch sind viele Ansätze experimentell: Was funktioniert, was funktioniert nicht? Die Rheinische Landeskirche versucht derzeit, dass ihre Gemeinden leichter bei Alexa zu finden sind. Die Landeskirche Hannover hat die App Xrs entwickelt, die jeden Tag einen "Workout für die Seele" anbietet, so eine Art klösterliche Mini-Exerzitien für zwischendurch. Wer einen Predigt-Podcast sucht, findet ihn. Fast 500 digitale Projekte hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mittlerweile. Bei mehr als der Hälfte geht es um Bildung, Medien, Öffentlichkeitsarbeit. Um digitale Seelsorge eher weniger.

Ab Sommer sollen noch mehr dazukommen. Mit einer Million Euro will die EKD neue digitale Projekte fördern. Zukunftsfonds nennt sie das. "Kirchgemeinden und Kirche insgesamt muss digital sichtbar sein", sagt ein EKD-Sprecher. "Wir sind auf Facebook, Twitter und Instagram, weil wir so Menschen für uns interessieren, die wir auf dem klassischen Weg nicht mehr erreichen."

EKD- Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm macht es vor: Er ist auf Twitter und Facebook. Dort gibt es von ihm Persönliches, Geistliches und Politisches. Sein Palermo-Appell zur Seenotrettung erreichte über Social Media innerhalb kurzer Zeit nach EKD-Angaben 190.000 Menschen. Jeden Tweet setzt er selbst ab, jeder Kommentar stammt von ihm. Auf fast 12.000 Follower kommt er dort. Im Vergleich zum Papst - 637.000 Follower auf Twitter - nicht gerade üppig. Sein katholischer Kollege aber, Kardinal Reinhard Marx, hat gar keinen.

Mehr Klicks als Besucher im Gottesdienst

Auch die Pfarrer-Influencer spielen lange nicht in der Top Ten der Youtuber mit. Aber mit mehr als 2.000, 5.000 oder manchmal 10.000 Aufrufen pro Video erreicht Pastor Gunnar Engel mehr Menschen, als sonntags zu ihm nach Wanderup, südlich von Flensburg, in den Gottesdienst kommen. Und seine Tattoos und zerrissenen Jeans stören im Netz auch niemanden.

Jana Higholder kommt mittlerweile auf mehr als 14.600 Abonnenten. Ihr Kanal wird von der EKD gefördert. "Jana erreicht Menschen, die sich von der EKD vielleicht nicht mehr angesprochen fühlen", sagt der EKD-Sprecher. Sie selbst will mit Menschen ins Gespräch zu kommen: "Das ist die Hoffnung." Theresa Brückner, die Digitalpfarrerin, sagt, sie wolle im Netz vor allem den liberalen Christen eine Stimme geben und den fundamentalistischen, evangelikalen Kanälen etwas entgegensetzen. "Es fehlt mir die liberale Stimme."

Ob das Experiment gelingt, durch das Online-Evangelium auch jüngere Menschen wieder für die Kirche zu interessieren, steht noch aus. 21,5 Millionen Deutsche sind Mitglied in den 20 evangelischen Landeskirchen. Bis 2060 wird es nur noch etwa die Hälfte sein, wenn alles so wie jetzt bleibt. Das besagt eine Studie des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg, die die beiden großen christlichen Kirchen in Auftrag gegeben hat. Ein Problem: Die Gemeinden sehen jetzt schon oft alt aus – und könnten noch älter werden.

2017 waren 16 Prozent der Mitglieder, bezogen auf beide Kirchen, unter 19 Jahre alt. 2060 könnten es noch 13 Prozent sein. Meistens kommt der Austritt, wenn der Gehaltszettel üppiger wird. Also im Alter von Anfang/Mitte 30. Entschließen sich jetzt in den 40er/50er Lebensjahren Menschen wieder dazu, in die Kirche einzutreten, nimmt diese Gruppe bis 2060 drastisch ab. Knapp 60 Prozent der Kirchenmitglieder sind derzeit zwischen 20 und 64 Jahren, 2060 werden es weniger als die Hälfte sein.

"Besucht ihn doch mal im real life"

Trotzdem, heißt es in der EKD, sei die Digitalisierung kein Mittel zum Zweck, um nur Jüngere zu erreichen. Dass Youtuber die Gottesdienste füllen, erwartet sie nicht. Die Social-Media-Formate würde vermutlich viel eher ihren Bedürfnissen entsprechen. "Aber vielleicht machen sie ja auch Lust auf mehr. Das trauen wir unserer Botschaft zu", so der EKD-Sprecher.

Oder wie Jana bei einem gemeinsamen Video mit Pastor Gunnar empfiehlt: "Besucht ihn doch mal im real life. Oder auf seinem Youtube Kanal."

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