ZDFheute

Evangelische Kirche will eigenes Rettungsboot

Sie sind hier:

Seenotrettung im Mittelmeer - Evangelische Kirche will eigenes Rettungsboot

Datum:

Noch immer hat Europa keine Lösung für die Geflüchteten in Seenot im Mittelmeer. Die Evangelische Kirche in Deutschland will ein eigenes Boot chartern. Auch 90 Städte machen Druck.

Migranten schwimmen mit Rettungswesten im Mittelmeer am 13.08.2019
Seenotrettung im Mittelmeer
Quelle: dpa

"Wir werden uns mit den jetzigen Zuständen nicht abfinden", sagte Heinrich Bedford-Strom, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), heute vor Journalisten. Christliche Orientierung müsse zu konkretem Handeln führen. Deswegen soll nun ein Verein gegründet werden, um ein Boot für die Rettung Geflüchteter auf dem Mittelmeer zu chartern. An ihm sollen sich neben Kirchengemeinden und kirchlichen Initiativen auch Unternehmen, Vereine und Privatpersonen beteiligen können. Ziel sei ein breites gesellschaftliches Bündnis.

Bis zum ersten Rettungseinsatz kann es allerdings noch etwas dauern. Die Kosten schätzt Bedford-Strohm zwischen einem hohen sechsstelligen und niedrigen siebenstelligen Betrag. Geld, das erst gesammelt werden muss. "Ich bin sehr optimistisch, dass wir das finanziell schaffen", so Bedford-Strohm.

"Ärzte ohne Grenzen": "Internierung ist keine Lösung"

Christoph Hey (l) , Projektleiter in Libyen von Ärzte ohne Grenzen, und Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland,
Christoph Hey von Ärzte ohne Grenzen (links) und EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm
Quelle: dpa

Schon der Kirchentag im Juni in Dortmund hatte in einer Resolution gefordert, ein eigenes Schiff zu schicken. Jetzt stellten sich auch die EKD und die Landesbischöfe hinter das Vorhaben. Noch nie, sagte Bedford-Strohm, habe er so viele positive Reaktionen auf diesen Plan bekommen.

Kritiker gebe es auch, mit denen wolle man nun offen diskutieren. Dabei gehe es aber nicht nur um ein Symbol. Es gehe um den diakonischen Auftrag der Kirche: Sie habe die Pflicht, Menschen in Not "zu unterstützen und zu helfen". Derzeit werden die auf dem Mittelmeer aus Seenot Geretteten in der Regel wieder zurück in die Auffanglager nach Libyen gebracht. "Das ist absolut unverantwortlich", sagte Bedford-Strohm.

Es sind auch Berichte wie die von Christoph Hey, die die Initiative der EKD angestoßen hat. Für "Ärzte ohne Grenzen" hat er seit Juni die Hilfe für ein Lager in der libyschen Stadt Sintan koordiniert. Die Zustände dort seien "unmenschlich und entsetzlich", sagte Hey. 45 Menschen auf 17 Quadratmeter ohne Frischluftzufuhr, "erbärmliche" hygienische Zustände und schlechte Ernährung. Dazu komme, dass die Lager mitten im Bürgerkriegsgebiet liegen. Bombardierungen seien keine Seltenheit, sagte Hey. Und dies treffe Menschen, die ohnehin schon eine jahrelange Flucht hinter sich und oft Zwangsarbeit und Gewalt erlebt hätten. "Internierung ist keine Lösung", sagte Hey. Er forderte die Bundesregierung auf, die Menschen aus den Lagern zu holen.

Potsdamer: Wir wollen keine Brieffreundschaft mit Seehofer

90 deutsche Städte stehen bereit, diese und die Geretteten aus dem Mittelmeer aufzunehmen. Bislang aber nur theoretisch. Seit vorigem Jahr haben sie sich im Netzwerk "Städte sichere Häfen" zusammengeschlossen und bereits mehrfach dem Bundesinnenministerium angeboten, mehr Menschen, als sie ohnehin nach dem Verteilschlüssel auf die Bundesländer müssen, Zuflucht zu geben.

Anlass für die Initiative war vor allem die harte Haltung des bisherigen italienischen Innenministers Matteo Salvini, der die italienischen Häfen für private Rettungsboote schloss. Doch außer einem langen Brief von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Mitte August gab es bislang kein Signal an die Städte. Auch die Menschen von den Rettungsschiffen "Seawatch", "Mediteranee" oder "Alan Kurdi", um deren Verbleib wochenlang gefeilscht wurde, kamen nicht in diese Kommunen.

Wir sind keinen Bittsteller, sondern haben den Auftrag unserer Bürger.
Mike Schubert (SPD)

"So sollten staatliche Institutionen nicht miteinander umgehen", kritisierte Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD). Man wolle keine "Brieffreundschaft“ mit dem Bundesinnenminister. "Wir sind keine Bittsteller, sondern haben den Auftrag unserer Bürger." Schließlich werde der Beschluss, mehr Geflüchtete aufzunehmen, von den demokratisch gewählten Gremien getragen. "Wenn man uns ignoriert, dann ignoriert man die Bürger. Und das geht nicht", sagte Schubert.

Anfang Oktober wollen 24 der 90 Städte beschließen, wie mehr Druck auf Berlin gemacht werden könnte. Ihr Ziel: Bis die Europäische Union sich auf einen neuen Verteilschlüssel in Europa verständigt habe, wolle man die Geretteten aufnehmen. Den Vorwurf, dass dann noch mehr Menschen auf die Boote steigen werden, lässt Schubert nicht gelten. Er findet sogar: Ein solcher Vorwurf "vergiftet die Stimmung". Denn niemand in den 90 Kommunen habe versprochen, dass die normalen Asylverfahren ausgesetzt würden. Die Verfahren würden natürlich weiter gelten. "Es geht rein um einen Akt der Humanität", so Schubert.

Hoffen auf neue EU-Kommission

Ob und wann sich die EU allerdings auf einen neuen Verteilmechanismus der Geretteten einigt, ist derzeit völlig offen. Ziel ist, eine Art Koalition der Willigen unter den europäischen Staaten zu bilden, um das oft wochenlange Gezerre um die Aufnahme der Menschen zu vermeiden. 15 Staaten werden für eine solche Koalition gesucht, sieben bis acht sollen sich schon bereit erklärt haben.

Deutschland unterstützt diesen Ad-hoc-Mechanismus und hatte sich auch in allen früheren Fällen bereit erklärt, Menschen aufzunehmen. Aber eben nur einen Teil und nicht alle. Hoffnung macht auch die neue italienische Regierung, dass sie vom harten Kurs Salvinis abweicht und weniger rigoros die Häfen sperrt.

"Es gibt viel Dynamik", sagte Bedford-Strohm. Auch aus Brüssel habe er Signale, dass sich mit der neuen EU-Kommission endlich etwas ändern könnte. Das EKD-Schiff sei aber trotzdem nötig. Und auch die staatliche Seenotrettung, die es seit dem Rückzug der EU nicht mehr gibt und von Kanzlerin Angela Merkel wieder ins Gespräch gebracht worden war. "Ich fordere, dass die staatliche Seenotrettung wieder aufgenommen wird", sagte der EKD-Ratsvorsitzende.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.