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Undercover für das FBI - 27 Jahre in der Rolle des Kriminellen

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Ein Pferdeschwanz als Tarnung: Marc Ruskin hat jahrelang für das FBI als Undercover-Agent gearbeitet. Im heute.de-Interview erzählt er aus der Zeit, in der Undercover-Polizisten für eine neue Identität noch nach Puerto Rico fliegen mussten. Angst, darüber zu reden, hat er nicht. FBI und Mafia schützen ihn.

heute.de: Wovor hatten Sie bei Ihren Undercover-Operationen am meisten Angst?

Marc Ruskin: Das größte Desaster wäre, wenn die wahre Identität bekannt werden würde. Also ließ ich mir einen Zopf wachsen und schmierte Gel hinein. Ich trug Goldketten um Hals und Handgelenke, die das FBI vorher von Drogendealern und anderen Kriminellen beschlagnahmt hat. Zudem fuhr ich einen nagelneuen Mercedes oder manchmal einen Chrysler Imperial mit Kennzeichen aus Florida, obwohl das Auto Brooklyn nie verlassen hat. So sah ich aus als käme ich aus Miami, die Heroin-Hochburg damals.

heute.de: In Filmen bekommen Spezialagenten ein Portemonnaie mit neuer Identität. So einfach ist bei Ihnen wahrscheinlich nicht. Wie haben Sie es geschafft ihre Rollen glaubwürdig erscheinen zu lassen?

Ruskin: Früher gab es noch keine Infrastruktur, um eine andere Identität aufzubauen. Für einen Fall bin ich extra nach Puerto Rico geflogen. Dort habe ich mich mit Leuten getroffen, die mir bescheinigt haben, dass ich für sie gearbeitet habe, obwohl das nicht so war. Wohnungseigentümer haben mir bestätigt, dass ich bei ihnen gewohnt habe. Ich habe sogar einen befreundeten Bankangestellten davon überzeugen können mein Bankkonto, um zwölf Jahre zurückdatieren zu lassen, damit es nicht so aussieht, als hätte ich das Konto erst zwei Monate, wie es in Wirklichkeit war.

heute.de: Wie hat man dann trainiert sich wie ein Krimineller zu verhalten? Gab es Schauspielunterricht?

Ruskin: Nein, das Training war eher während des Jobs. Um erfolgreich zu sein, musst du dich gedanklich in die Lage eines Kriminellen versetzen und dich wie einer verhalten. Was ein Krimineller sagen würde, ist: Du willst, dass ich die Drogen probiere? Du kannst mich mal, ich kaufe den Stoff von jemand anderem. Das lässt dich authentisch wirken. Wenn dein Interesse zu groß ist, wirkst du wie ein Polizist. Weil ein Polizist alles tut, um den Fall zu klären und den Täter festzunehmen.

heute.de: Wenn man alles erst während der Undercover-Operation lernt, gab es dann nicht auch mal brenzlige Situationen?

Ruskin: Die schlimmste Sache, die mir passiert ist, war mit einem anderen Agenten, der Probleme bekam. Nach einem Smalltalk drehte sich der Fälscher Mahmut zum anderen Agenten und fragte: "Was kann ich für dich tun?" Der andere Agent stotterte und fragte mich: "Wie heißt du nochmal?" Er hatte nämlich meinen Undercover-Namen vergessen. Mahmut rastete aus und schrie mich an: "Du bringst Leute hierher, die du nicht mal kennst? Was ist dein verdammtes Problem?" Er drehte sich zu seinen Jungs hinter ihm um und keifte irgendwas auf Arabisch. Einer ging mit grimmiger Miene raus. Ich dachte, dass er wohl gesagt hat: Schließ das Tor, verriegle die Türen, hol den Wagen, nimm die Maschinengewehre und pack die Leichen in den Kofferraum. Für die nächsten vier bis fünf Minuten war ich sehr angespannt. Ich hatte keinen Plan, was passiert. Zum Glück kam der Typ mit den Papieren für gefälschte Führerscheine und Versicherungen wieder, die wir als Beweise besorgen sollten.

heute.de: Bleibt bei zwölf Identitäten und Ihren ganzen Fällen überhaupt noch Platz für Privatleben?

Ruskin: Es gibt die komplett getarnten Fälle, wie meinen ersten an der Wall Street. Da lebt man die Rolle 24 Stunden am Tag. Man hat ein Apartment, einen Beruf, ein Auto - alles ist geplant. Die Familie habe ich vielleicht einmal im Monat gesehen. Bei weniger intensiven Fällen konnte ich nachts Zuhause schlafen. Wenn ich dann mal nicht arbeiten musste, konnte ich meine Verkleidung ablegen. Was aber übrig blieb, war der Pferdeschwanz mit dem ich gut angezogen aussah wie ein Museumsmitarbeiter, nicht wie ein FBI-Agent. Wenn ich Frauen gedatet habe, war ich anfangs immer ein anderer, als der der ich in Wirklichkeit war.

heute.de: Wenn Sie in so viele Kriminalfälle verwickelt waren, warum haben Sie denn jetzt keine Angst das alles zu verraten?

Ruskin: Das größte Risiko bei so einer Operation ist eigentlich, wenn beim Täter bei der Verhaftung die Emotionen hochkochen. Nachdem die Leute aber bestraft wurden, kennen sie die Regeln. Sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie dem Agenten etwas antun.  Sie bekämen viele, viele Probleme. Es gab in den 80er Jahren einen Fall, bei dem der unbedeutende Mafiosi Gus Farace den Drogen-Sonderermittler Everett Hatcher umgebracht hat. Plötzlich war jeder FBI-Agent aus New York auf den Fall angesetzt, um den Mörder zu fassen. Dadurch konnten die Mafiageschäfte nicht weiterlaufen, sodass die Mafia selbst Farace getötet hat.

Das Interview führte Mirco Seekamp.

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