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Ex-Krankenpfleger Nils H. - Anklage wegen weiterer 97 Klinikmorde

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Die Mordserie ist beispiellos: Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen 97 weiterer Morde Anklage gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels H. erhoben.

Niels H. vor Gericht (Archivbild vom 22.01.2015)
Januar 2015: Niels H. vor Gericht Quelle: dpa

Der verurteilte Ex-Krankenpfleger Niels H. soll sich wegen weiterer 97 Morde an Patienten vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen den 41-Jährigen. Sie wirft ihm vor, aus Langeweile und Geltungsdrang 62 Patienten am Klinikum Delmenhorst und 35 am Klinikum Oldenburg umgebracht zu haben. "Er ist weitgehend geständig", sagte Oberstaatsanwalt Martin Koziolek am Montag. Wegen sechs Taten sitzt Niels H. bereits lebenslang in Haft. Auf das Landgericht Oldenburg kommt jetzt ein aufwendiger Prozess um die möglicherweise größte Mordserie in der deutschen Kriminalgeschichte zu.

H. arbeitete von 1999 bis 2005 als Krankenpfleger auf Intensivstationen in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst in Niedersachsen. Dort soll er schwer kranken Patienten eigenmächtig verschiedene Medikamente gespritzt haben, die unter anderem lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auslösten. Dann belebte er sie wieder. Viele starben dabei. "Dies tat er, um seine Fähigkeiten im Bereich der Reanimation gegenüber Kollegen und Vorgesetzten präsentieren zu können und um seine Langeweile zu bekämpfen", sagte Koziolek. Dabei habe er den Tod der Patienten billigend in Kauf genommen.

Zehn Umzugskartons Akten

Die Anklage ist das Ergebnis jahrelanger Ermittlungen. Hunderte Patientenakten hatten die Fahnder ausgewertet und mehr als 100 Leichen ausgraben lassen, um sie auf Rückstände von Medikamenten zu untersuchen. Im November gingen die Ermittler dann mit einer grauenhaften Zahl an die Öffentlichkeit: 100 weitere Menschen soll Niels H. auf dem Gewissen haben - neben denjenigen, wegen deren Tod er bereits verurteilt wurde. In drei Fällen konnten die Experten allerdings nicht mit Sicherheit sagen, ob die gefundenen Medikamente nicht von Ärzten verordnet waren, deshalb fehlen diese in der Anklage.

Das Landgericht Oldenburg prüft nun die Eröffnung eines neuen Prozesses gegen den Ex-Pfleger. Wie lange das dauert, konnte Gerichtssprecher Michael Herrmann noch nicht abschätzen. "Die Akten sind heute Morgen bei uns entgangenen." Diese umfassten zehn Umzugskartons. Angestrebt sei, die Prüfung noch in diesem Jahr zu schaffen. "Ein Zeitfenster kann ich aber noch nicht nennen", so der Herrmann.

"Es geht jetzt voran"

Angesichts der vielen Opfer könnte das Verfahren zur logistischen Herausforderung werden. Die voraussichtlich hohe Zahl von Nebenklägern und deren Vertretern würde die Kapazitäten das Landgerichts sprengen. Deshalb müsste das Gericht vermutlich auf eine Alternative in der Stadt ausweichen. Die Delmenhorster Anwältin Gaby Lübben, die nach eigenen Angaben etwa 100 Angehörige vertritt, äußerte sich zufrieden: "Es geht jetzt voran. Wir haben bisher in einer Warteschleife gehangen." Der Prozess sei wichtig für ihre Mandanten, um mit den Taten umzugehen und diese zu verarbeiten.

Der Fall H. hält Öffentlichkeit und Ermittler seit Jahren in Atem, das Ausmaß kam stückweise ans Licht. Eine Krankenschwester hatte Niels H. im Sommer 2005 auf der Delmenhorster Intensivstation auf frischer Tat ertappt. Dafür wurde er 2008 verurteilt. Schon damals gab es Hinweise, dass er möglicherweise noch mehr Patienten tötete.

Das wahre Ausmaß kommt wohl nie ans Licht

Doch erst als Angehörige nicht locker ließen, kam es zu einem zweiten Prozess, in dem er sich wegen fünf Taten verantworten musste. In diesem Verfahren zeigte sich schnell, dass die Zahl der Opfer wahrscheinlich deutlich höher ist - H. räumte von sich aus überraschend etwa 30 Morde ein. Eine eigens eingerichtete Sonderkommission "Kardio" rollte den Fall neu auf.

Das wahre Ausmaß könnte nach Einschätzung der Ermittler nie ans Licht kommen. Zahlreiche frühere Patienten wurden feuerbestattet, was den Nachweis unbefugter Arzneimittelgaben unmöglich macht. Auch Vorgesetzte gerieten in den Fokus. Einige ehemalige Verantwortliche des Delmenhorster Krankenhauses klagte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen an. Sie sollen trotz ernsthafter Verdachtsmomente nicht eingriffen haben. Dies betrifft aber nur einen Zeitraum kurz vor H.s Entlassung 2005. Entsprechende Ermittlungen gegen frühere Mitarbeiter der Oldenburger Klinik laufen noch.

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