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Experiment in Schleswig-Holstein - Leben wie in der Steinzeit

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Leben wie in der Steinzeit: Diesen Traum erfüllen sich aktuell mehr als 50 Experimental-Archäologen in einem Steinzeitpark in Schleswig-Holstein. Sie sitzen im selbstgenähten Fellüberwürfen an knisternden Lagerfeuern - und tauschen sich nebenbei zu wissenschaftlichen und handwerklichen Fragen aus.

Felssandalen an, Smartphone aus: Rund 60 Menschen leben gerade in der Steinzeit. In Albersdorf in Schleswig-Holstein findet gerade das "erste große Steinzeittreffen seit der Steinzeit" statt. Eine Woche lang wollen sie leben wie vor Tausenden von Jahren.

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Das Lagerfeuer am Ufer des kleinen Teichs flackert und knistert, drumherum hocken dutzende Menschen - einige im einfach genähten Fellüberwurf, andere in reich verziertem Leder-Outfit. Ein Mann steht plötzlich auf, bläst in seine Knochenflöte, und entlockt ihr schaurig-schöne Töne, die über den Platz schweben. Solche archaischen Rituale bringen Menschen seit Ewigkeiten zusammen. In Albersdorf sind es zurzeit die Steinzeitler, die sich zu ihrer Morgenbesprechung treffen.

Der Mann mit der Knochenflöte ist Alexander Horsch aus Ungarn - ein Spezialist für Steinzeit-Musik. Auch er macht mit beim "ersten großen Steinzeittreffen seit der Steinzeit", wie der Geschäftsführer des Steinzeitparks Dithmarschen in Albersdorf das Meeting nennt. Europaweit hätten sich rund 100 Experimental-Archäologen, Archäotechniker, und Museums-Pädagogen der Steinzeit-Forschung verschrieben, sagt Rüdiger Kelm. Davon seien rund zwei Drittel aktuell in dem Steinzeitpark in Schleswig-Holstein zu Gast. Eine Woche lang wollen sie sich in wissenschaftlichen und handwerklichen Fragen austauschen.

Leben nicht streng steinzeitlich

Dabei geht es nicht um experimentelle Archäologie. "Wir machen keine Experimente, um neue Erkenntnisse zu gewinnen", erklärt Organisator Werner Pfeifer. "Wir geben unser Spezialwissen untereinander weiter" - also eine Art interne Weiterbildung, an der auch die Besucher des Steinzeitparks teilnehmen können.

Entsprechend ist das Leben auch nicht streng steinzeitlich. "Es wird nicht unbedingt mesolithisch gekocht", sagt Pfeifer. Morgens und mittags brutzeln sich die Teilnehmer selber ein steinzeitlich anmutendes Essen über dem Feuer. Das Abendessen wird von einer Art Catering-Service geliefert: "Damit wir mehr Zeit haben für die Vorträge und Workshops", erklärt Pfeifer. "Der Schwerpunkt liegt auf dem Wissensaustausch."

Neben den Erwachsenen sind auch sieben Kinder beim Albersdorfer Steinzeittreffen dabei. Die Kleinste kommt aus Dänemark und geht noch in den Kindergarten, der Älteste ist ein zwölfjähriger Junge aus Finnland. Im Alter dazwischen der sieben Jahre alte Ben aus Berlin. Was er im Steinzeitpark am liebsten mag? "Im See baden", sagt er. "Und rumrennen."

Längste Epoche der Menschheit

Dabei laufen auch die Kleinen in Steinzeit-Kleidung über das Gelände. "Bedingung für die Teilnahme war eine eigene Steinzeit-Ausrüstung und passende Kleidung", sagt Pfeifer. Wer konnte, habe seinen Überwurf eigenhändig genäht aus selbst gegerbtem Leder. "Sämisch gegerbt - eine Art Fett-Gerbung", erklärt Pfeifer. "Das Leder wird dann butterweich und gelb wie Fenster-Leder."

"Die Steinzeit ist die Epoche, in der die Menschheit am längsten auf der Erde unterwegs war", sagt Pfeifer. Sie gliedert sich in drei Teile. Die älteste - die Altsteinzeit - ist die Zeit der Eiszeitjäger. Damals machten Menschen gemeinsam Jagd auf große Tierherden - Rentiere, aber auch Mammut-Gruppen, sagt Kelm. Die Menschen der Mittelsteinzeit lebten in einer Landschaft, die unserer heutigen auch vom Klima her sehr ähnlich war. Danach folgte die Jungsteinzeit mit frühen Ackerbauern und Viehzüchtern, die erst vor 4.000 Jahren zu Ende ging.

Die Epochen unterschieden sich auch in den handwerklichen Fähigkeiten der Menschen. So habe ein Beil in der Jungsteinzeit eine geschliffene Klinge. In der Mittelsteinzeit ist die Klinge nur geschlagen, "und in der Altsteinzeit gab es noch gar keine Beile", sagte Kelm.

Austausch unter Experten

Um die "Zeitreise" von Wissenschaftlern und Besuchern möglichst authentisch zu gestalten, versucht der Steinzeitpark eine Landschaft wie vor 5.000 bis 6.000 Jahren herzustellen. "Sowohl im Waldbereich wie auch im offenen Land", sagt Kelm. Auf dem Gelände findet man eine originalgetreu nachgebaute steinzeitliche Bauernsiedlung mit Häusern, aber auch Hütten und Jurten der der mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler.

"Bei dem Treffen geht es nicht primär darum, den Gästen des Steinzeitparks zu demonstrieren, wie die Menschen vor tausenden Jahren gelebt haben, sondern um den Austausch der Experten", sagt Organisator Werner Pfeifer. Diese seien keine "normalen" Wissenschaftler im herkömmlichen Sinne, die im Anzug in einem Museum oder mit Kittel im Labor arbeiten. Ihre Arbeitskleidung sei tatsächlich zum Teil lediglich ein Fellüberwurf, erklärt Pfeifer. Der Grund: Für ihre experimentellen Versuche gehen die Wissenschaftler oft für mehrere Monate in die Wildnis, um zu sehen, wie man dort leben kann - "nicht überleben, sondern gut leben".

Tatsächlich lebten die Steinzeit-Jäger gesünder und länger als die ersten Bauern und Viehzüchter. "Noch bis vor 200 Jahren wurden die Bauern bei uns im Norden nur 30 bis 40 Jahre alt", sagt Pfeifer. Aus Gräbern wisse man, dass die Jäger und Sammler der Steinzeit fast doppelt so alt wurden: "60 bis 70 Jahre. Die hatten zwar auch Krankheiten, aber weniger als die Bauern. Sie lebten gesünder und wurden älter."

100 Prozent Steinzeit? Nein, danke

"Bei Naturvölkern können wir sehen, dass die Jagd die Domäne der Männer ist", sagte Archäo-Botaniker Jake Newport. Der britische Wissenschaftler kennt sich mit den Pflanzen der Steinzeit aus. Die Steinzeit-Männer hatten vermutlich keinen besonders anstrengenden Job: "Denn kein Mann geht täglich auf die Jagd." Während die Frauen sich laut Newport um das tägliche Überleben kümmern mussten - Kinder groß ziehen, Nüsse, Pilze, und andere Pflanzen sammeln, Feuer machen, oder Körbe flechten - ruhte der Mann meist nur am Feuer.

Wollen Experimental-Forscher bei so viel Begeisterung für immer in der Steinzeit leben? "Nein", sagt Newport. "Wenn du 100 Prozent in der Steinzeit lebst, kann schon ein kleines Problem mit den Zähnen zum größten Problem der Welt werden, schon eine kleine Schnittverletzungen kann den Tod bedeuten." Sein Traum beschränke sich darauf, in 10 oder 20 Jahren eine Hütte in der Wildnis zu besitzen, um dort ein, zwei Monate im Jahr zu leben: "Ohne Handy, ohne Stress."

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