Wenn Mobbing das ganze Leben beeinflusst

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Langzeitfolgen von Schikanen - Wenn Mobbing das ganze Leben beeinflusst

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Menschen, die als Kinder gemobbt wurden, haben als Erwachsene häufiger Depressionen und Angststörungen, sagt Experte Peter Henningsen. Auch Autoimmunkrankheiten würden begünstigt.

Archiv: Eine Gruppe junger Mädchen, aufgenommen am 08.04.2012
Mobbing ist nicht nur in der Schulzeit schlimm für die Betroffenen, auch Erwachsene können darunter leiden, sagt Experte Henningsen.
Quelle: colourbox.de

heute.de: Behandeln Sie auch Patienten, die während ihrer Schulzeit Opfer von Mobbing geworden sind?

Peter Henningsen: Wir erleben sehr häufig in den Vorgeschichten unserer Patienten, dass sie entsprechende Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend gemacht haben. Das sind Menschen, die in aller Regel wegen psychischer und psychosomatischer Probleme zu uns kommen, die depressiv sind, Schmerzen oder andere psychosomatische Probleme haben. Bei der Suche nach Belastungsfaktoren stellen wir dann fest, dass Mobbing häufig ein Problem ist, das aber unterschiedlich stark erlebt wird.

heute.de: Haben solche Diagnosen aus Ihrer Sicht zugenommen?

Henningsen: Es wird definitiv häufiger darüber berichtet, auch weil dieser Begriff mehr oder weniger in aller Munde ist. Man sollte aber vorsichtig sein, daraus zu schließen, dass es real häufiger geworden ist. Als vor 30 Jahren das Konzept Bulimie aufkam, wurde auch sehr viel häufiger darüber gesprochen, aber wahrscheinlich gab es das Phänomen vorher auch schon. Aber durch die sozialen Medien haben die Mobbing-Möglichkeiten insbesondere im Kinder- und Jugendbereich sehr stark zugenommen. Das schafft eine neue Dimension. Das Phänomen Mobbing hat es sicher schon immer gegeben.

heute.de: Welche typischen Langzeitfolgen beobachten Sie an Patienten, die während ihrer Schulzeit regelmäßig gemobbt wurden?

Henningsen: Da gibt es sehr klare empirische Zusammenhänge. Bei Menschen, die über einen längeren Zeitraum die Erfahrung von Mobbing gemacht haben, beobachten wir sehr viel häufiger depressive Störungen oder Angststörungen. Auch psychosomatische Störungen - also Schmerzen oder andere funktionelle Körperbeschwerden - sind bei diesen Patienten deutlich höher als bei anderen, die solche Erfahrungen nicht gemacht haben. Je nach Studie ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, depressiv zu sein, doppelt bis fünf Mal so hoch.

heute.de: Gibt es auch einen Zusammenhang zwischen Mobbing und körperlichen Erkrankungen?

Henningsen: Es gibt gut gesicherte Erkenntnisse, dass durch schwere, belastende Erfahrungen auch sogenannte Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose, Rheuma, Colitis ulcerosa und andere ganz klar organische Erkrankungen wahrscheinlicher werden. Das sind zwar allgemeine Zusammenhänge zwischen belastenden Lebensereignissen, also nicht spezifisch für Mobbing nachgewiesen. Aber es ist plausibel, dass es auch da gilt, denn ausgeprägtes Mobbing ist ganz klar ein belastendes Lebensereignis.

heute.de: Wird sozialer Schmerz ähnlich verarbeitet wie physischer Schmerz?

Henningsen: In einer Situation des sozialen Ausgeschlossenseins - und Mobbing ist aggressives Ausschließen aus einer Gruppe - kommt es im Gehirn zu einer Aktivierung der Areale, die auch bei der Verarbeitung von ganz körperlichen Schmerzen aktiviert werden. Das sind unter anderem Teile des sogenannten Limbischen Systems. Man bezeichnet das deshalb auch als "sozialen Schmerz des Ausgeschlossenseins". Evolutionär ist das auch plausibel, weil wir als soziale Wesen natürlich ein hoch entwickeltes Warnsystem haben, wenn sozial etwas schiefläuft. Genauso wie wir Schmerzen haben, wenn uns auf körperlicher Ebene etwas zustößt.

heute.de: Wer schon als Kind gemobbt wurde, dem passiert das später im Leben wieder - stimmt das?

Henningsen: Wenn man als Kind oder Jugendlicher gemobbt wurde, dann ist die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsener beispielsweise am Arbeitsplatz wieder in Mobbing-Situationen zu geraten - also wieder zum Opfer zu werden - ganz stark erhöht.

heute.de: Warum ist das so?

Henningsen:  Für Mobbing gibt es ja unterschiedlichste Ansatzpunkte: Äußerlichkeiten wie zum Beispiel rote Haare, ein im weitesten Sinne abweichendes Verhalten wie etwa bei einem Jungen, der sich nicht für Fußball interessiert, bis hin zu einem eher zurückhaltenden Charakter. Das sind alles Dinge, die eine Person eher zum Opfer machen.

Als Erwachsener bietet man sich in gewisser Weise wieder als Opfer an, weil man der gleiche Typ ist. Dazu kommt die frühere Erfahrung, die leicht zu einer negativen Einstellung führen kann: "Ich bin ja sowieso einer, der es in Gruppen schwer hat und von anderen schlecht behandelt wird." Wenn man mit dieser Haltung in eine Gruppe hineingeht, werden sich die schlimmen Erfahrungen der Kindheit mit höherer Wahrscheinlichkeit wiederholen.

Das Interview führte André Madaus.

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