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Islam-Experte zu Golf-Krise - "Trump könnte Iran an Verhandlungstisch bomben"

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Die Angriffe vor Oman haben die Spannungen in der Region verschärft. Trump könnte versuchen, "den Iran militärisch zu Verhandlungen zu zwingen", sagt der Islam-Experte Schulze.

Zwei Öltanker brennen in der Straße von Hormuz, dem Nadelöhr einer der wichtigsten Ölrouten der Welt. Die US-Regierung ist sich sicher: Es war Iran. Beweise fehlen jedoch.

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heute.de: Steht schon fest, wer hinter den Angriffen auf die zwei Schiffe im Golf von Oman steckt?

Reinhard Schulze: Die Sache ist vertrackt. Die Informationen sind eine Geisel politischer und militärischer Interessen. Natürlich wissen sowohl der Iran als auch die USA, Israel, die Saudis und die Vereinigten Arabischen Emirate, wer hinter der Sache steckt. Denkbar ist, dass die entsprechenden Informationen aus strategischen Gründen zurückgehalten und bei Bedarf aus dem Hut gezaubert werden. Dies war schon 2002/2003 so, als es um den Irak ging.

heute.de: Was erinnert Sie an den damaligen Konflikt zwischen den USA und dem Irak?

Schulze: Der damalige US-Außenminister Colin Powell hatte vor dem Sicherheitsrat im Februar 2003 angebliche Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen vorgelegt. Informationen zu den Attacken vom 13. Juni 2019 könnten später durchaus eine Rolle spielen, um Angriffspläne zu rechtfertigen.

heute.de: Es gibt aber gewichtige Unterschiede zwischen damals und heute.

Schulze: Im Februar 2003 ging es darum, eine schon gefasste Interventionsentscheidung zu rechtfertigen. Heute verlangen nur die Kriegsfalken in den USA ein militärisches Eingreifen. Der Regimewechsel, der 2003 offen als strategisches Ziel für den Irak-Krieg propagiert wurde, ist auch für die USA keine Option. Ein militärisches Eingreifen auf breiter Front ist unwahrscheinlich.

heute.de: Was halten Sie für wahrscheinlicher?

Schulze: Eher werden die USA Strafaktionen in Erwägung ziehen. Vielleicht ähnlich wie am 7. April 2017, als Trump einen Raketenangriff auf einen Luftwaffenstützpunkt in Syrien als Vergeltung für einen Chemiewaffenangriff angeordnet hatte. So könnten die USA die Informationen zu den Angriffen auf die beiden Schiffe im Golf von Oman noch als Trumpf ausspielen, um eine solche Strafaktion zu rechtfertigen.

heute.de: Warum hat Trump Gefallen gefunden am Feindbild Iran?

Schulze: Für die politische Öffentlichkeit in den USA eignet sich der Iran geradezu optimal für eine Schwarzweißmalerei: Bis 1979 war der Iran unter dem Schah der engste Verbündete in der Region, unter Khomeini wurde der Iran dann Teil einer Achse des Bösen. Zwischentöne sind nicht gefragt. Dies trifft umgekehrt auch für die iranischen Hardliner zu. Solche Feindbilder strukturieren die amerikanische und iranische Außen- und Sicherheitspolitik.

heute.de: Sind die Falken von 2003, die damals George W. Bush zum Irak-Krieg überredet haben, wieder an der Macht in Washington?

Schulze: Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton ist einer derjenigen, die 2003 den Masterplan für die Intervention im Irak entworfen haben. Auch die derzeitige Eskalation geht letztendlich auf das Konto von Bolton und Außenminister Mike Pompeo. Die neokonservativen Falken, die Antiinterventionismus und Interventionismus zusammenzudenken versuchen, haben Trump in eine Sackgasse getrieben.

heute.de: Warum Sackgasse?

Schulze: 2017 hatte Trump versucht, mit einem Militärschlag gegen Syrien sich aus dem Dilemma zu befreien. Allerdings hatte Trump Obama davon abgeraten, in Syrien zu intervenieren: Er solle sein Pulver für einen anderen, wichtigeren Tag aufheben. Trump könnte nun verleitet sein, die Iraner an den Verhandlungstisch zu bomben. Dann hätte er auch gegenüber den Falken sein Gesicht gewahrt.

heute.de: Was beunruhigt Sie dabei am meisten?

Schulze: Mich beunruhigt, dass der maximale Druck, mit dem Trump versucht, Iran an den Verhandlungstisch zu bringen, völlig unbestimmt ist. Auf die Sanktionen könnten weitere Verschärfungen der Sanktionen folgen. Die USA könnten versuchen, über weitere Strafmaßnahmen bestehende Schlupflöcher zu stopfen. Weiter eskalierend würden Luftschläge wirken. Allerdings dürften die Reaktionen der Iraner anders ausfallen als die des syrischen Regimes im April 2017.

heute.de: Was könnte deeskalierend wirken?

Schulze: Alle Informationen zu den Attacken vom 13. Juni und zu früheren Angriffen müssen offengelegt werden. Dann könnten die Verantwortlichen endlich beim Namen genannt und zur Verantwortung gezogen werden. Verlässliche Informationen würden auch Verschwörungstheorien verhindern. Das wäre der erste, notwendige Schritt zur Deeskalation. Der zweite bestünde dann aus vertrauensbildenden Maßnahmen, die darauf aufbauen, dass niemand ein Interesse an einem heißen Krieg im Golf hat.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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