Sie sind hier:

Regierungsbeauftragter - "Kirche muss Missbrauchsopfer entschädigen"

Datum:

Die Kirche hat aus Sicht des Bundes nicht genug für die Aufarbeitung von Sexualstraftaten getan. Deshalb sei nun der Staat gefragt, sagte der Missbrauchsbeauftragte im ZDF.

Archiv: Johannes-Wilhelm Rörig am 07.06.2018 in Stuttgart
Johannes-Wilhelm Rörig
Quelle: dpa

Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hat die katholische Kirche zu Entschädigungszahlungen aufgefordert. "Das ist noch eine offene Wunde", sagte Rörig im ZDF-Morgenmagazin.

Mit der Frage, was hier angemessen sei, müsse sich die Deutsche Bischofskonferenz in Fulda beschäftigen. Dort wird heute die Studie zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche vorgestellt. Sie ersetzt keine strafrechtlichen Ermittlungen; die meisten Missbrauchsfälle aus der Vergangenheit sind sowieso schon lange verjährt.

Rörig: Recht auf Akteneinsicht für Betroffene schaffen

Rörig forderte eine stärkere Rolle des Staates in der Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle. "Gerade weil Staat und Kirche Partner sind, ist hier auch der Staat gefragt", sagte er. Er trage Verantwortung auch für die Kinder, "die sich in Obhut der Kirche befinden". Dazu forderte Rörig von der Bundesregierung entsprechende Verträge zwischen Bund, Ländern und Kirchen. Sie sollten ein Recht auf Akteneinsicht für Betroffene schaffen, Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse sowie Ansprüche auf Entschädigung regeln. Dem Staat könne "nicht an einer Kirche gelegen sein, die jede Glaubwürdigkeit verliert". Viele Kirchenvertreter spürten, dass es so nicht weitergehe.

Kriminologe kritisiert die Studie

Der Kriminologe Christian Pfeiffer wirft den deutschen Bischöfen mangelnde Transparenz bei ihrer Studie zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche vor.

Es sei nicht zu verstehen, dass den Autoren der Studie kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden sei. "Die Bischofskonferenz hat mit dieser Entscheidung ihre eigene Forschung massiv entwertet", sagte Pfeiffer.

"Eine Folge davon ist, dass die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse nicht den einzelnen Diözesen und den verantwortlichen Bischöfen zuordnen konnten", kritisierte Pfeiffer weiter.

Es sei daher zum Beispiel nicht nachzuvollziehen, wer jeweils einen auffällig gewordenen Priester einfach in eine andere Gemeinde versetzt habe, so wie dies immer wieder vorgekommen sei. Nur volle Transparenz schaffe Vertrauen, betonte Pfeiffer: "Die Bischofskonferenz hat das bisher leider nicht verstanden."

Kriminologe Pfeiffer: "Erschütterungsrhetorik" reicht nicht aus

"Die Studie ist vorbildlich und exzellent aufgearbeitet", sagte Pfeiffer. "Aber das Entscheidende fehlt: Wir wissen nicht, wer die Verantwortlichen sind." Es sei zudem von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Beispielhaft verwies der Kriminologe unter anderem auf die Untersuchungen durch staatliche Stellen in der US-amerikanischen Kirche.

Dort sei "volle Transparenz" hergestellt worden. Dies müsse auch in Deutschland geschehen. "Diese ganze verbale Erschütterungsrhetorik, die wir heute zu hören bekommen, überzeugt mich nicht, solange die Kirche nicht konsequent ist und die Dinge nicht wirklich offenlegt."

Ähnlich sieht es der Kirchenrechtler Thomas Schüller. Hätten die Autoren der Studie direkt in alle Akten Einsicht nehmen können, "wäre sicher die Zahl der aufgedeckten Fälle größer, und sie hätten präziser die männerbündischen klerikalen Machtstrukturen analysieren können", sagte er.

Hinzu komme, dass es unter den 27 Bistümern auch Diözesen gegeben habe, die nur sehr begrenzt auskunftswillig gewesen seien. "Nicht alle Bischöfe scheinen verstanden zu haben, dass das Thema Missbrauch zur Überlebensfrage der Kirche geworden ist."

Ergebnisse schon vorab bekannt geworden

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie waren bereits vorab bekannt geworden. Demnach sollen zwischen 1946 und 2014 insgesamt 1.670 katholische Kleriker 3.677 meist männliche Minderjährige sexuell missbraucht haben.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.