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Teure Medikamente - "Reines Profitdenken ist eine Gefahr"

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Ein fast zwei Millionen Euro teures Medikament sorgt für Diskussionen. Medizinethiker Sautermeister über soziale Gerechtigkeit und ökonomische Interessen im Gesundheitswesen.

Novartis
Novartis
Quelle: Reuters

Die US-Medikamentenbehörde FDA hat ein Gentherapie-Mittel zugelassen, das mehr als zwei Millionen Dollar kostet. Das Medikament namens Zolgensma soll zur Behandlung der Erbkrankheit Spinale Muskelatrophie (Muskelschwund) bei Säuglingen und Kleinkindern zur Anwendung kommen. Der Hersteller Novartis teilte mit, eine Einmalbehandlung solle eine teurere lebenslange Therapie der Krankheit ersetzen. Die für die Behandlung erforderliche Einzeldosis kostet nach Angaben von Novartis 2,125 Millionen Dollar (knapp 1,9 Millionen Euro). Novartis rechnet damit, dass das Medikament Mitte 2019 in der EU zugelassen wird.

heute.de: Warum ist ein einzelnes Medikament so teuer?

Jochen Sautermeister: Die Entwicklungskosten von Medikamenten sind sehr hoch. Sie dauern mehrere Jahre und bedeuten große finanzielle Investitionen, bis ein Medikament die Zulassung erhält. All das spielt für die Preiskalkulation eine Rolle. Die Pharmakonzerne wollen ja nicht nur die Kosten wieder reinholen, die sie in die Entwicklung gesteckt haben, sondern sie wollen damit auch verdienen.

heute.de: Je populärer eine Krankheit, desto höher der Gewinn.

Sautermeister: Genau. Wenn aber ein Medikament entwickelt wird, das nur für eine sehr kleine Zielgruppe und für eine seltene, schwere Erkrankung gedacht ist, explodieren die Kosten. Allerdings lässt sich nicht immer genau nachvollziehen, wie hoch die Entwicklungskosten tatsächlich sind. Novartis rechtfertigt den Preis ja auch damit, dass lebenslange Therapien noch teurer wären.

heute.de: Wer soll sich so ein teures Medikament leisten können?

Sautermeister: Ein so teures Medikament können sich natürlich nur die allerwenigsten Menschen leisten. Wer es benötigt, wäre daher auf Hilfe angewiesen. Dies müsste dann etwa solidarisch über die gesetzliche Krankenkasse geschehen oder über eine private Krankenversicherung – das setzt allerdings voraus, dass es solche Versicherungen auch gibt und sie erschwinglich sind.

heute.de: Noch ist das Medikament nicht in der EU zugelassen. Werden unsere Krankenkassen die Kosten übernehmen?

Sautermeister: Wenn ein Medikament zugelassen wird, dann heißt das noch nicht, dass es automatisch in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird und die Kosten ganz oder wenigstens zum Teil erstattet werden. Dafür braucht es eigene Regelungen und Vereinbarungen zwischen den Krankenkassen und den Arzneimittelherstellern.

heute.de: Wie geht es Eltern, die sich so ein teures Medikament nicht leisten können, aber wissen, dass sie ihrem Kind eigentlich helfen könnten?

Sautermeister: So etwas ist für die Betroffenen kaum zu ertragen. Dem eigenen Kind nicht die Hilfe geben zu können, die es benötigt, ist immer eine der größten Belastungen für Eltern. Zugleich wirft das schwerwiegende Fragen nach sozialer Gerechtigkeit auf und danach, ob das Leben und die Gesundheit eines Menschen so vom Geld abhängen dürfen.

heute.de: Stehen Pharma-Konzerne moralisch in der Pflicht, Medikamente günstiger anzubieten?

Zolgensma
Zolgensma: Mit 1,9 Millionen Euro ist die Einzeldosis extrem teuer.
Quelle: AP

Sautermeister: Ökonomische Interessen spielen im Gesundheitswesen eine wichtige Rolle. Das ist unvermeidlich und auch nicht per se zu verwerfen. Marktwirtschaftliche Mechanismen können den Wettbewerb fördern und zur Entwicklung neuer Medikamente führen. Allerdings sind die finanziellen Ressourcen begrenzt und ungleich verteilt. Reines Profitdenken ist eine Gefahr und ethisch sehr bedenklich.

heute.de: Was fordern Sie?

Sautermeister: Wir brauchen möglichst faire Bedingungen. Hier sind sowohl die Solidargemeinschaft als auch die Pharma-Unternehmen gefordert. Medikamente sollen denen zur Verfügung stehen, die sie benötigen. Das bedeutet zum einen, dass die Preiskalkulation der Konzerne angemessen und nicht überteuert sein soll. Zum anderen sollten die Staaten hier solidarische Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen. Allerdings stellt sich die Frage, wie sich der Einsatz eines so teuren Medikaments rechtfertigen lässt, wenn es in vielen Regionen auf der Welt überhaupt an einer medizinischen Mindestversorgung mangelt.

heute.de: Vor mehr als 40 Jahren forderte die Weltgesundheitsorganisation: "Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000." Von diesem Ziel ist sie selbst im Jahr 2019 noch weit entfernt. Warum?

Sautermeister: Hier spielen neben den Profitinteressen der Konzerne ganz verschiedene Faktoren eine Rolle. Die Erwartung, ökonomische Ungleichverteilung könne ausgeglichen werden, ist illusionär. Oft kommt auch viele Hilfe dort nicht an, wo sie dringend benötigt wird. Konflikte, Korruption, Krieg und Gewalt, aber auch Armut und mangelhafte Bildung spielen eine Rolle. Um das Gesundheitsniveau weltweit zu steigern, müssen in vielen Ländern auch die rechts- und sozialstaatlichen Standards verbessert werden. Es ist eine dringliche Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft, das Recht auf Gesundheit – ein Menschenrecht – noch stärker und kontextsensibel zu verwirklichen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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