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"Wir brauchen mehr Online-Zivilcourage"

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Vom Troll zum Terroristen - "Wir brauchen mehr Online-Zivilcourage"

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Julia Ebner forscht über Extremismus im Internet. Dafür war sie mit verdeckten Profilen in radikalen Online-Räumen unterwegs. Sie fordert Zivilcourage - auch online.

heute.de: Für Ihre Forschung haben Sie sogar einen Rechtsextremen gedated. Warum?

Julia Ebner: Es gibt alternative Dating-Plattformen für weiße Nationalisten. Dort gibt es dann keine Schwarzen oder Muslime, sondern ausschließlich Weiße. Ich wollte wissen, wie solche Dates funktionieren.

heute.de: Wie lief Ihr Date ab?

Ebner: Ich habe mich mit einem Engländer verabredet. Er war durchaus attraktiv und sah nicht wie ein Nazi aus. Ich habe mich als traditionelle, katholisch erzogene Französin ausgegeben und mich besonders konservativ angezogen. Wir trafen uns auf ein Frühstück in Cambridge. Seine größte Sorge ist, dass sein Heimatort von Migranten überrannt wird. Mit einer weißen Christin als Ehefrau und Mutter seiner Kinder will er dagegenhalten.

heute.de: Hatten Sie Angst?

Ebner: Wir haben uns bewusst in einem Café verabredet, weil ich unbedingt im öffentlichen Raum sein wollte.

heute.de: Hat Sie Ihre Forschung psychisch belastet?

Ebner: Schockiert haben mich Memes mit gefolterten muslimischen und jüdischen Babys. Oder Memes nach dem Christchurch-Anschlag, die den Attentäter glorifizieren und Leichen in der Moschee zeigen. Richtig Angst hatte ich, als Tommy Robinson, der Gründer der English Defence League, plötzlich in meinem Büro stand, mich beschimpfte und das Ganze an seine damals 300.000 Twitter-Followers livestreamte.

heute.de: Wie kam er denn ins Büro?

Ebner: Die Adresse unseres Büros war eigentlich geheim, da wir aufgrund unserer Anti-Extremismus-Arbeit mit vielen Morddrohungen von islamistischen Gruppen wie dem IS und Al-Qaida konfrontiert waren. Ich weiß bis heute nicht, wie er an die Adresse kam und kann mich nur daran erinnern, wie überrascht ich war, als er plötzlich vor mir stand. Er verließ das Büro erst, als die Polizei nach etwa 20 Minuten eintraf.

heute.de: Rechte Trolle sind also kein Online-Phänomen, sondern sind auch offline ein Problem.

Online-Hetze hat große Auswirkungen auf die reale Welt. Sie motiviert Terroristen zu Anschlägen, etwa beim Attentat in der Moschee von Christchurch oder beim Amoklauf von El Paso.

Ebner: Die Online-Hetze hat große Auswirkungen auf die reale Welt. Sie motiviert Terroristen zu Anschlägen, etwa beim Attentat in der Moschee von Christchurch oder beim Amoklauf von El Paso in Texas. Die inzwischen geschlossene Plattform "8chan" und ähnliche Foren tragen zur Radikalisierung bei. Aber selbst Kampagnen auf Facebook oder Twitter haben Einfluss auf den politischen Diskurs. Sie setzen Themen, üben Druck auf politische Gegner aus, vergiften Diskussionen und spalten die Gesellschaft. Pegida hat als Facebook-Gruppe angefangen.

heute.de: Welche Rolle hatten rechte Trolle bei den letzten Landtagswahlen?

Ebner: Es gibt nach wie vor koordinierte Troll-Kampagnen. Bei der Bundestagswahl spielte das rechtsextreme Netzwerk "Reconquista Germanica" eine Rolle. Heute sind es eher lose Netzwerke. Sie mischen Halbwahrheiten mit Falschmeldungen und lassen diese viral gehen. Rechte Influencer teilen solche Artikel und machen Stimmung. Das war auch bei den letzten Landtagswahlen zu beobachten. Oder an dem Abend, als Notre-Dame in Paris brannte: Viele fanden Gefallen an der Verschwörungstheorie, dass Muslime die Kathedrale in Brand gesetzt hätten.

heute.de: Identitäre Bewegung, Neonazis, islamistische Gruppen: Sie haben sich mit vielen Formen des Extremismus beschäftigt. Welche ist am gefährlichsten?

Jede extreme Ideologie verherrlicht Gewalt und kann dazu aufrufen. Rechtsextreme sind aus meiner Sicht für unsere liberale Demokratie derzeit am gefährlichsten.

Ebner: Schwer zu sagen. Jede extreme Ideologie verherrlicht Gewalt und kann dazu aufrufen. Rechtsextreme sind aus meiner Sicht für unsere liberale Demokratie derzeit am gefährlichsten. Aber auch die Wechselwirkung zwischen Extremisten kann toxisch sein: Auf islamistische Anschläge folgt rechte Hetze, die wiederum antimuslimische Ressentiments fördert und so Muslime hin zu Islamisten treibt.

heute.de: Was bereitet Ihnen mehr Kopfzerbrechen: Internetforen oder Chatgruppen?

Ebner: Verschlüsselte Apps und anonyme Foren sind am schwersten zu überwachen, hier verliert man schnell den Überblick. Die Plattform "8chan" war nachweislich mit den Attentätern von Christchurch und El Paso verbunden. Immer wieder gibt es eine Kombination aus Hetze in geschlossenen und in offenen Kanälen. Ziel von Facebook- und Twitter-Kampagnen ist es, Themen zu setzen und neue Mitglieder zu rekrutieren.

heute.de: Rechte Trolls setzen auch auf "Redpilling". Das ist eine Anlehnung an den Film "Matrix", in der eine rote Pille unsere Welt als Scheinwelt entlarvt. Warum gehen viele Rechtsextreme von einer anderen, aber wahren Welt aus?

Ebner: Das Zeitalter der neuen Medien bedeutet: Wir werden ständig mit viel zu vielen Informationen bombardiert. Das sorgt für Unverständnis und Chaos. So wird eine Alternativ-Erzählung spannend, die alles neu ordnet und Sinn verleiht.

heute.de: Eine beliebte Verschwörungstheorie geht von einem Bevölkerungsaustausch aus. Kanzlerin Merkel holte demnach Flüchtlinge, um die Deutschen auszurotten. Warum glauben manche so etwas?

Das Zeitalter der neuen Medien bedeutet: Wir werden ständig mit viel zu vielen Informationen bombardiert. Das sorgt für Unverständnis und Chaos.

Ebner: Weil diese Verschwörungstheorie jede Menge Ängste und Feindbilder bedient. Und weil sie sich vermeintlich mit Fakten belegen lässt, schließlich hat Afrika eine höhere Geburtenrate als Europa. Hinzu kommen "globale jüdische Eliten", "schwule Lobbyisten" und Befürworter von Abtreibungen. Sie werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Geburtenrate der Weißen sinkt.

heute.de: Manche Argumente der rechten Trolle sind subtiler, sodass Sie Ihnen erst plausibel erschienen.

Ebner: Das war ausgerechnet bei frauenfeindlichen Frauen. Das klingt wie ein Widerspruch, aber es gibt Frauen, die wollen Frauen zurück am Herd haben. Sie sprechen Ängste an wie: Gefahren des Online-Datings – was macht das mit mir als Frau? Wie verändert es die Geschwindigkeit von Beziehungen oder das Liebesleben? Ich habe mich ertappt, wie mich die ein oder andere Frage durchaus angesprochen hat. Das zeigt, dass die Trolle nicht nur dumpf vorgehen, sondern clever agieren. Wir brauchen unbedingt mehr Online-Zivilcourage, um den Trollen das Handwerk zu legen.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

Tipps gegen Radikalisierung im Netz

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