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Daten-Skandal - "Facebook ist wie eine Blackbox"

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Facebook wird gescholten wegen des Daten-Skandals. Aber gehen nicht auch wir zu lax mit unseren Daten um? Medienpsychologe Reinecke meint auf heute.de: Es müssen strengere Regeln her.

Das Logo von Facebook
Datenmissbrauch? Facebook steht am Pranger. Quelle: ap

heute.de:  Facebook und Cambridge Analytica stehen am Pranger wegen milliardenfachen Datenmissbrauchs - ist das nicht scheinheilig? Eigentlich machen es Google, Apple, Amazon und Microsoft doch auch so, oder?

Leonard Reinecke: Ich glaube, dass das Ganze eine generelle Entwicklung beleuchtet, die besorgniserregend ist. Der Fall Facebook und Cambridge Analytica geht ja über die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre hinaus und unterstreicht das Manipulationspotenzial, dass sich durch die Sammlung und Auswertung von User-Daten ergibt. Das berührt nicht nur das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, sondern birgt auch Gefahren für demokratische Gesellschaften.

Zur Person

heute.de: Staatsgefährdend…?


Reinecke: In gewisser Weise ja. Dass Facebook und Co. die Daten, die sie über ihre Nutzer sammeln, dazu verwenden diese zu beeinflussen und zum Beispiel mit personalisierter Werbung Produkte zu verkaufen ist nicht neu und - unter gewissen Rahmenbedingungen  - durchaus legitim. Der Fall Cambridge Analytica zeigt nun aber noch mal die politische und demokratische Dimension. Die gesammelten Daten wurden - ohne dass die betroffenen Nutzer sich dessen bewusst waren - dazu verwendet, politische Botschaften an bestimmte Zielgruppen auszuspielen und so den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl zu beeinflussen. Das geht aus meiner Sicht deutlich über das Beeinflussungspotenzial normaler Wahlwerbung hinaus und stellt mit seiner Dynamik in den sozialen Medien eine Gefahr dar. In dieser Dimension hat es das vorher so noch nicht gegeben. Der Fall ist somit eine wichtige Gelegenheit, über mögliche Lösungen und den zukünftigen Umgang mit Nutzerdaten zu diskutieren. 

heute.de: Könnte die Zuckerberg-Anhörung jetzt ein Wendepunkt sein? Was muss passieren?

Reinecke: Da gibt es meiner Meinung nach zwei Ansatzpunkte. Zum einen: Für klassische Medienunternehmen, also Presse, Rundfunk und Fernsehen, gelten andere Regeln als für andere Branchen und wirtschaftliche Akteure, weil sie einen Einfluss auf die öffentlicher Meinung haben und eine wichtige Informationsfunktion in demokratischen Gesellschaften erfüllen. Facebook, Google und Co. haben sich bisher erfolgreich gegen vergleichbar strikte Regeln gewehrt. Wir werden in Zukunft nicht umhin kommen, diese IT-Giganten ähnlich wie andere Medienunterehmen zu behandeln und deren wachsende Macht in Bezug auf den öffentlichen Diskurs in eine Regulierung einfließen zu lassen. Es gibt ja erste Schritte, zum Beispiel die neu in Kraft tretende Datenschutzgrundverordnung der EU. Das ist sicherlich noch nicht der letzte Schritt, geht aber in die richtige Richtung. Weitere Maßnahmen müssen Ergebnis eines politischen Prozesses sein.

heute.de: … und das andere?

Reinecke: Zum anderen sind wir als Nutzer gefordert, unseren eigenen Beitrag zu leisten. Das ist - ehrlich gesagt - für die User recht schwierig. Zum einen, weil Datenschutzprozesse sehr intransparent sind. Es ist schwer zu überblicken, wo überhaupt datenbezogene Informationen anfallen, wo wir Spuren hinterlassen, was damit gemacht wird. Internetplattformen wie Facebook sind für den User wie eine "Blackbox", die für sie schwer durchschaubar ist. Bei vielen herrscht sicher ein allgemeines Unbehagen. Aber es ist eben auch sehr schwer, abschätzen zu können, wie groß das persönliche Risiko tatsächlich ist, durch Datenmissbrauch geschädigt zu werden.

Heute.de: Hinzu kommt der Vorteil, dass der konkrete praktische Nutzen der sozialen Medien im Alltag viel konkreter ist, als so abstrakte "Datenschutzgeschichten".

Reinecke: Ja, die Vorzüge all dieser Dienste sind uns natürlich sehr viel bewusster. Das macht es aus meiner Sicht sehr schwer bei der Abwägung: Ist Facebook-Nutzung für mich persönlich nun ein guter oder ein schlechter Deal? Natürlich ist der kurzfristige konkrete Nutzen sehr viel leichter erkennbar als nebulöse, längerfristige Risikofaktoren, die sich irgendwann einstellen könnten. Darüber hinaus fehlen für die meisten User schlicht und einfach Alternativen. Selbst wenn ich mich jetzt und heute entschließen würde, von Facebook auf andere Dienste umzusteigen, die dasselbe leisten und den Datenschutz ernst nehmen - es dürfte schwerfallen, etwas Vergleichbares zu finden. Es gibt zwar erste Anbieter, die entsprechende Angebote machen und einen besseren Schutz der Privatsphäre versprechen. Die aber sind bisher weniger attraktiv, weil ihnen schlicht die kritische Masse an Nutzerinnen und Nutzern fehlt. Was bringt mir ein Umstieg, wenn alle meine Freunde weiterhin auf Facebook sind? Grade diese Marktmacht, die Facebook, Google und Co. versammelt haben unterstreicht, wie notwendig die politische Regulierung ist.

Das Interview führte Elisabeth Jändl.

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