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Fahrradfreundliche Stadt - Was Städte von Münster lernen können

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Autos sind in vielen deutschen Städten zum Problem geworden. Doch kaum eine Großstadt bemüht sich um Radfahrer. Die Ausnahme: Münster. Was macht die Stadt anders?

Archiv: Fahrradfahren in Münster, aufgenommen am 30.04.2007
Fahrradfahren - zumindest in Münster kein Problem.
Quelle: ap

Mit dem Fahrrad durch die Stadt? Im Autoland Deutschland ist das nur selten ein Vergnügen. Schmale, fehlende oder zugeparkte Radwege, dazu unübersichtliche Kreuzungen: Die meisten Großstädte sind für Radfahrer eine Herausforderung. Und die zuständigen Verkehrsplaner unternehmen nur wenig, um an diesem Zustand etwas zu ändern. Das zeigt eine neue Greenpeace-Untersuchung.

Dass es auch anders geht, beweisen Städte wie Kopenhagen und Amsterdam - aber auch Münster, Westfalen, 310.000 Einwohner und so etwas wie die Fahrradhauptstadt Deutschlands. Dort gibt es eine fast autofreie Innenstadt, Schnellstraßen für Fahrräder und das größte Fahrradparkhaus Deutschlands. Unter anderem deshalb legen die Münsteraner fast 40 Prozent ihrer Strecken mit ihren "Fietsen" zurück - ein Spitzenwert in Deutschland.

Was können Städte von Münster lernen?

Was also macht Münster anders - und: besser - als der Rest von Deutschland? Christopher Festersen, seit einigen Monaten für die Stadt- und Verkehrsplanung in Münster verantwortlich, hat heute.de die wichtigsten Fragen beantwortet.

heute.de: Was unternimmt Münster, damit die Menschen dort gerne Radfahren?

Festersen: Wir verfolgen eine sehr vielfältige Strategie. Zunächst einmal geht es um ein Umdenken im Kopf. Das ist wichtig, denn wir wollen den Anteil des Fahrrads am Gesamtverkehr noch deutlich erhöhen, auf etwa 50 Prozent. Und weil die meisten Verkehrsentscheidungen im Kopf stattfinden, braucht es Werbung und ein gutes Marketing.

Darüber hinaus unternehmen wir natürlich aber auch viel, um das Radfahren tatsächlich angenehmer und sicherer zu gestalten. Dazu bedarf es einer starken Hierarchisierung. Das heißt: Wir stellen Schnellrouten für den Radverkehr zur Verfügung. Diese ermöglichen ein schnelles und sicheres Einpendeln und anschließend staufreies Fahren in Münster.

heute.de: Gibt es dafür ein Beispiel?

Festersen: Der Promenadenring ist da ein gutes Beispiel, auf dem Fahrradfahrer ungestört die Innenstadt umrunden können. In Planung sind auch mehrere Velorouten, die sternförmig von den angrenzenden Gemeinden in die Stadt hineinführen sollen. Da wollen wir ein ganzes Streckennetz aufbauen, das schnell und sicher nach Münster führt.

heute.de: Sicherheit ist ein gutes Stichwort: Fahrräder können in Münster einerseits gut abgestellt werden - unter anderem im größten Fahrradparkhaus Deutschlands, direkt am Hauptbahnhof. Andererseits werden in kaum einer anderen Stadt so viele Fahrräder gestohlen, wie in Münster …

Festersen: Attraktive Abstellmöglichkeiten an den Verkehrsknotenpunkten gehören definitiv zu einer fahrradfreundlichen Stadt dazu. Das sind in Zukunft nicht mehr die klassischen Fahrradkäfige. Wir führen gerade Leezen-Boxen ein (Leeze ist ein Münsteraner Wort für Fahrrad, Anm. d. Red.), in denen Fahrräder sicher vor Wetter, Vandalismus und Diebstahl sind. Unterscheidungskriterien gegenüber bisherigen herkömmlichen Fahrradabstellagern sind unter anderem sicherere Anlehnbügel statt Vorderradhalter, zeitgemäße Zugangssysteme statt ständig verlorengehende Schlüssel und Videoüberwachung. Wenn Sie ein hochwertiges Fahrrad oder ein Pedelec fahren, gibt Ihnen das Sicherheit. Denn da sind inzwischen ja Werte unterwegs, die man nicht irgendwo stehen lassen möchte.

heute.de: Und wie sieht es mit der Sicherheit im Straßenverkehr aus? Wie gewährleistet Münster die?

Fahrradfahren in Münster - Leezenbox in Roxel
Fahrradfahren in Münster - Leezenbox in Roxel
Quelle: Stadt Münster

Festersen: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es gibt einfach zu viele Aspekte, die das beeinflussen. Was ist das für eine Straße? Wie hoch ist das gefahrene Tempo? Fahren dort Lastwagen? Wie viele Einmündungen gibt es? Genau danach muss ich entscheiden: Sollte es einen baulich getrennten Radweg geben? Oder ist es wichtig, den Radverkehr in den Sichtbereich der Autofahrer zu holen, also auf die Straße? Das muss ich auch aus der Sicht des Autofahrers denken: Rechne ich beim Abbiegen mit Radfahrern? Kann ich sie rechtzeitig sehen?

heute.de: Hilft es denn, wenn der Radverkehr priorisiert wird?

Festersen: Ja und Nein. Ja, denn wir wollen den Radverkehrsanteil am Gesamtverkehrsgeschehen erhöhen. Nein, denn Priorität muss immer der Gesamtverkehr haben. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass der Fahrradfahrer privilegiert wird zu Lasten Schwächerer - etwa bei Schulwegen.

heute.de: Mit den bestehenden Fahrradschnellwegen und der fast autofreien Innenstadt bringt Münster bereits eine gute Fahrrad-Infrastruktur mit. Außerdem gibt es kaum Steigungen. Könnte das Modell Münster auch in anderen Städten Erfolg haben, die derzeit noch deutlich hinterherhinken?

Festersen: Ich würde es als arrogant empfinden, wenn ich anderen Städten Empfehlungen aussprechen würde. Da geht es um viele Faktoren, die entscheiden, ob eine Stadt fahrradfreundlich sein kann oder nicht. Die Topografie ist da zum Beispiel ein maßgebliches Element. Zwar wird es auch im bergigen Gelände immer Sportler geben, die radfahren. Aber es ist entscheidend, ob Radfahren in Städten mit vielen Anstiegen etwas für den Alltag und die Gesamtbevölkerung ist.

Aber natürlich können wir sagen: Je besser die Verkehrsinfrastruktur ist und umso geringer die Distanz ist, umso eher fällt eine Verkehrsmittelentscheidung für das Fahrrad aus. Deshalb sind Velo-Routen immer eine gute Idee. Auch vor dem Hintergrund, dass das Investitionsklima gerade gut ist. Der Bund als Geber von Fördermitteln ist vor dem Hintergrund der Diesel-Thematik derzeit durchaus geneigt, Förderprogramme für das Radfahren finanziell zu unterstützen.

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