Sie sind hier:

Kolumbien - Wo Fahrverbote zum Alltag gehören

Datum:

In der kolumbianischen Hauptstadt führten jahrzehntelange Fehlplanungen zu Verkehrsstaus und Umweltbelastungen. Fahrverbote lindern zumindest die gröbsten Probleme.

Fahrverbote in Bogota: Schild mit Verbotszeiten
Quelle: T. Käufer

Das riesige Schild im Norden Bogotas lässt keine Zweifel: "Uhrzeiten für die eingeschränkte Nutzung von Privatfahrzeugen" steht darauf zu lesen. Auf grün lackiertem Blech stehen die gefürchteten Zeiträume: Von 6.00 Uhr bis 8.30 Uhr und von 15.00 Uhr bis 19.30 Uhr gibt es in der kolumbianischen Hauptstadt von Montag bis Freitag Fahrverbote. Unter dem Schild auf der Umgangsstraße, die sich den Andenberghang von Norden in Richtung Süden entlang schlängelt, quält sich täglich die Blechlawine hindurch. Damit in der Millionenstadt der Verkehr überhaupt noch zu organisieren ist, gibt es in Bogota diese Fahrverbote. "Ich habe Pico y Placa" sagen die Bogotanos und meinen damit, dass sie zu den bestimmten Uhrzeiten ihr Fahrzeug nicht bewegen dürfen.

Auf die Nummer kommt es an

Darüber entscheidet das Nummernschild. Unterschieden wird in ungerade und gerade Endnummern. Sie sind maßgebend dafür ob an einem geraden oder ungeraden Werktag zu den Rush-Hour-Zeiten der eigene PKW in der Tiefgarage stehen bleiben muss oder ob gefahren werden darf. Mindestens alle zwei Tage, manchmal aber eben auch an drei Tagen in der Woche trifft somit der Bannstrahl des "Pico y Placa" (frei übersetzt etwa Spitze und Schild) die Einwohner Bogotas.

Historisch haben die kolumbianischen Fahrverbote in der verfehlten Verkehrspolitik der Stadt ihre Ursache. Der bewaffnete Konflikt zwischen linken Guerillagruppen, rechten paramilitärischen Banden, den Drogenkartellen und der Armee hat in Kolumbien jahrzehntelang Millionen Binnenflüchtlinge produziert. Millionen flohen auch auf die Hochebene in das 2.600 Meter hoch gelegene Bogota, die Armenviertel wuchsen rasant. In den letzten Jahren sorgte ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum dafür, dass sich eine wachsende Mittelschicht immer mehr Autos zulegte. Mit der Bevölkerungsexplosion konnten Bogotas Verkehrsadern nicht mithalten. Die kommunale Politik versäumte es über Jahre eine U-Bahn zu bauen, bis heute läuft der komplette Verkehr über die Straße. Bis auf eine touristische Eisenbahn gibt es keinerlei alternative Verkehrsmittel. Vom Bussystem Transmilenio einmal abgesehen, das allerdings ebenfalls auf den bereits vorhandenen Straßenwegen installiert wurde und den Autos damit Platz wegnahm.

Stadtväter planen hier nur kurzfristig

Im Jahr 1998 entschied sich der damalige Bürgermeister Enrique Penalosa dem täglichen Verkehrschaos mit Fahrverboten Herr zu werden. In den Jahren danach modifizierten die Nachfolger jeweils das Prozedere. Seit ein paar Jahren wurden die Fahrverbote auch aus Umweltgründen auf einige LKW ausgeweitet, um die Feinstaubbelastung zu reduzieren. Weil Bürgermeister in Kolumbien wegen der Amtszeitbegrenzung nicht wiedergewählt werden können, ändern sich die Rahmenbedingungen von "Pico y Placa" immer wieder. Und sie verhindern auch eine nachhaltige Kommunalpolitik, denn die Stadtväter planen immer nur kurzfristig.

Inzwischen liegen die Pläne für einen U-Bahnbau zwar auf dem Tisch, die Bogotanos sind aber gebrannte Kinder. Seit Jahrzehnten versprechen die lokalen Politiker den Start der Bauarbeiten. In der Zwischenzeit haben sich die Kolumbianer mit den ungeliebten Fahrverboten arrangiert. Arbeitszeiten werden nach den Uhrzeiten der "Pico y Placa" organisiert, weshalb es unmittelbar vor und nach den Fahrverbotszeiträumen zu einem erheblichen Anstieg des Verkehrsaufkommens kommt. Wer es sich leisten kann, hat zwei Autos in der Garage stehen, andere behelfen sich mit "guten Beziehungen" zum Verkehrsamt.

Besser nicht erwischen lassen

Die Strafen gegen Zuwiderhandlung sind drakonisch: Von einer Geldstrafe in Höhe der Hälfte eines monatlichen Mindestlohns (umgerechnet etwa 111 Euro) sowie der Stilllegung des Fahrzeuges bis zum Entzug des Führerscheins reicht die Palette. Das treibt die Bogotanos dann auf die Straßen, wenn die Fahrverbote ausgesetzt sind: vor allem an Samstagen ist die Stadt dann ein einziger riesiger Stau. Aber gibt es auch Ausnahmen: Sonn- und Feiertags werden Teile der großen Verkehrsachsen für die Freizeitsportler gesperrt. Dann tummeln sich Hunderttausende Radfahrer, Jogger und Inline-Skater auf dem Asphalt. Und am autofreien Werktag, den es mindestens einmal im Jahr gibt, registrieren die Messgeräte einen spürbaren Rückgang der Schadstoffbelastung im Stadtgebiet. Zudem hat eine Errungenschaft die Lebensqualität der Stadt in den letzten Jahren verbessert: Das kontinuierlich wachsende Radwegenetz erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.