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Großbritannien vor der Wahl - Fake News als Wahlkampfstrategie

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Am Donnerstag wählen die Briten ihr neues Parlament. Eine Besonderheit in diesem Wahlkampf: Fake News werden zur Wahlkampfstrategie. Von Fake Fakten-Checks und Fake Webseiten.

Boris Johnson in London.
Gegen Boris Johnson und die Tories gibt es Vorwürfe wegen Fake News im Wahlkampf.
Quelle: Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

Der Begriff "Fake News" ist spätestens seit der US-Wahl 2016 ein fester Bestandteil der politischen Debatte. US-Präsident Donald Trump nutzt den Begriff seit den frühen Tagen seines Wahlkampfes, meist um negative Nachrichten von sich zu weisen. Aber auch falsche Informationen, die verbreitet werden, fallen unter den Begriff der Fake News. Auf der anderen Seite des Atlantiks spielt das nun wieder eine Rolle: Im Wahlkampf in Großbritannien tauchten in den vergangenen Wochen gleich mehrere Fake News auf. Das könnte auch Auswirkungen auf den Wahlausgang haben.

Falsche Fakten im "Fakten-Check"

In Zeiten der Fake News verlassen sich Wähler immer mehr auf Fakten-Checks in Zeitungen, im Fernsehen oder im Internet. Die Tories sahen darin offensichtlich eine Chance, ihren Wahlkampf voranzutreiben. Während der TV-Debatte im November benannten sie kurzerhand ihren offiziellen Twitter-Account um. Aus "CCHQ Press" (Pressestelle der Konservativen Partei) wurde "factcheckUK" (Fakten-Check Großbritannien). Neben dem Namen wurde auch das Logo geändert, sodass der Account für viele Menschen aussah wie ein unabhängiger Fakten-Check-Service.

Während der TV-Debatte twitterten die Tories dann gegen ihre Gegner. Besonders die Labour-Partei mit Parteichef Jeremy Corbyn stand im Fokus. Statt Fakten-Check wurden Tory-Meinungen und falsche Informationen verbreitet. Zum Ende der Debatte wurde Boris Johnson von "factcheckUK" zum Gewinner der Debatte gekürt. Kurz darauf änderten die Tories den Account-Namen dann wieder zu "CCHQ Press". Nachdem mehrere Beschwerden eingegangen waren, verwarnte Twitter die Tories. Erneute Versuche, die Menschen zu täuschen, würden Konsequenzen haben.

Fake Webseite zeigt angebliches Labour-Parteiprogramm

Jeremy Corbyn mit dem Labour-Parteiprogramm
Labour-Chef Jeremy Corbyn stellte das Parteiprogramm erst vor nachdem die Fake Webseite veröffentlicht wurde.
Quelle: AP/Kirsty Wigglesworth

Die Fake News Strategie schien für die Tories ein wichtiger Bestandteil ihres Wahlkampfes zu sein. Kritik gab es dafür auch aus der EU. Zuletzt publizierten die Tories eine Webseite, die angeblich das Wahlprogramm der Labour-Partei zeigte. Die Tories zahlten dafür, dass die Webseite als erstes Suchergebnis bei Google auftauchen würde, wenn Menschen nach "Labour" oder "Labour Manifesto" (Labour Parteiprogramm) suchen.

Unter "labourmanifesto.co.uk" finden potenzielle Wähler dann das angebliche Parteiprogramm. Neben einem Foto von Labour-Chef Corbyn steht als Titel der Seite "Labour’s 2019 Manifesto" (Labours Parteiprogramm 2019). Der Inhalt der Seite besteht jedoch nicht aus dem echten Parteiprogramm, sondern aus Tory-Meinungen, PR und falschen Informationen – also Fake News.

Tories sind Fake News Spitzenreiter

Sir Keir Starmer, Labour-Abgeordneter, im Wahlkampf in Großbritannien.
Auch der Labour-Abgeordnete Sir Keir Starmer stand im Fokus der Fake News Strategie der Tories.
Quelle: AP/Matt Dunham

Bereits zu Beginn des Wahlkampfes hatten die Tories eine Fake News Strategie verfolgt. So verbreiteten sie ein Video auf den sozialen Netzwerken, in dem der Labour-Abgeordnete Sir Keir Starmer, der für die Brexit-Politik der Labour-Partei zuständig ist, scheinbar eine Frage zum Brexit nicht beantworten kann. Er sitzt im Bild und beantwortet die Interviewfrage nicht. Doch das Video wurde manipuliert. Im Original-Interview hatte Starmer die Frage sofort beantwortet. Die Tories verteidigten das Video: Es handele sich lediglich um leichtherzigen Humor.

Bisher haben im britischen Wahlkampf nur die Tories eine so große Fake News Strategie angewendet. Doch kleinere Fake News auf der Wahlkampftour wurden von allen Parteien gleichermaßen verbreitet. So wurde Labour dafür kritisiert, die möglichen Auswirkungen eines Handelsabkommens mit den USA unter Premierminister Boris Johnson übertrieben dargestellt zu haben, und die Liberaldemokraten und die Tories veröffentlichten irreführende Wahlkampfbroschüren im Stil von Zeitungen.

Baby Boom oder Fake News Boom?

Premierminister Johnson selbst stand zuletzt wegen falscher Äußerungen im Wahlkampf in der Kritik. Er hatte gesagt, es werde keine Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland nach dem Brexit geben. Dies ist jedoch so nicht richtig, denn es müssten zumindest einige Waren durch Zollkontrollen transportiert werden.

Auch von einem "Brexit Baby Boom" sprach der Premierminister. Wie bereits nach den Olympischen Spielen in London 2012 würde es auch nach dem Brexit große Euphorie und einen damit verbundenen Baby Boom geben. Nach den Olympischen Spielen 2012 gab es in Großbritannien jedoch gar keinen Baby Boom. Im Gegenteil: Die Geburtenrate ging zurück. Ob es in Großbritannien nun einen Baby Boom oder einen Fake News Boom gibt, wird sich zeigen. Ob und wie die Fake News Strategien des Wahlkampfes aufgegangen sind, wird sich zeigen, wenn die Briten am Donnerstag zur Wahlurne gehen.

Der Autorin auf Twitter folgen: @carolineleicht.

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