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Vergabe von Therapieplätzen - Das fragwürdige Argument des Ministers Spahn

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"Mehr Psychotherapeuten schaffen mehr Nachfrage" - es ist eines von Spahns Kernargumenten für sein neues Gesetz. Doch die von ihm genannten Kronzeugen widersprechen entschieden.

Jens Spahn am 13.12.2018 in Berlin
Jens Spahn
Quelle: dpa

Es ist ein Satz, den Jens Spahn schon mehrfach gebracht hat: "Da wo die meisten Psychotherapeuten zugelassen sind, in den Städten und Regionen, sind die Wartezeiten mit am längsten." Gesagt hat es der Gesundheitsminister unter anderem im ARD-Morgenmagazin am 12. Dezember 2018 - und sehr ähnlich auch schon im Bundestag, am 26. September. "Die Stadt mit dem höchsten Versorgungsgrad in der psychotherapeutischen Versorgung ist Freiburg; die Stadt mit den längsten Wartezeiten ist - Freiburg", hatte Spahn gesagt.

Da wo die meisten Psychotherapeuten zugelassen sind, in den Städten und Regionen, sind die Wartezeiten mit am längsten.
Behauptung von Gesundheitsminister Jens Spahn

Es ist ein bemerkenswertes Argument, das Spahn da vorbringt. Es richtet sich gegen die These, dass dem Land Psychotherapeuten fehlen - und dass es deshalb zu lange Wartezeiten gibt. Folgt man Spahn, dann schaffen mehr Psychotherapeuten also auch mehr Nachfrage. Wo ein Angebot ist, da kommen schon Patienten. Etwa Menschen, die sonst vielleicht gar keine psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen würden?

Wie gesagt: bemerkenswert. Die Frage ist nur, ob diese These wirklich stimmt - und ob Jens Spahn sie belegen kann. Ein Faktencheck.

Erste Zweifel von Psychotherapeutenkammer

Erste Station: die Bundespsychotherapeutenkammer. Sie hat die durchschnittlichen Wartezeiten untersucht und widerspricht dem Gesundheitsminister entschieden: "Dort, wo es mehr Psychotherapeuten gibt, sind die Wartezeiten auch kürzer." In Großstädten, in denen mehr Psychotherapeuten arbeiten als auf dem Land, warten psychisch kranke Menschen deutlich kürzer als im Bundesdurchschnitt. "In Berlin warten sie beispielsweise 13,4 Wochen, im Saarland dagegen 23,6 Wochen."

Und auch das Beispiel Freiburg stimme nicht, so die Kammer: Hier betrage die Wartezeit auf einen ersten Termin in der Sprechstunde 3,4 Wochen (Bundesdurchschnitt: 5,7 Wochen) und auf einen Behandlungstermin 12,5 Wochen (Bundesdurchschnitt: 19,9 Wochen).

Eine Auswertung der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung ergibt ein ähnliches - eindeutiges - Bild: Wartezeiten sind da am höchsten, wo es die wenigsten Psychotherapeuten gibt.

Ein Rätsel: Woher stammt die "Studie"?

Nachfrage also im Ministerium: Auf welche Daten stützt sich Jens Spahn bei seiner Aussage?

Dass sich die Nachfrage nach Psychotherapie durch ein höheres Angebot erhöht, bestreiten wir.
Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg

Das Ministerium verweist auf eine "Studie" der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und verschickt mehrere Dokumente, darunter Auswertungen der Zahl der Psychotherapeuten und Sprechstunden in den baden-württembergischen Städten und Landkreisen. In einem separaten Dokument, dessen Urheber nicht zu erkennen ist, wird die vermeintliche Untersuchung so zusammengefasst: "Je mehr Psychotherapeuten pro Einwohner, je höher die Nachfrage nach Psychotherapie-Leistungen." Klingt erstmal ebenfalls eindeutig.

Aber: Die Kassenärztliche Vereinigung weiß von nichts.

Und hier wird die Geschichte kurios. Denn eine Nachfrage bei dem angeblichen Urheber der Studie, der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, ergibt Erstaunliches. Denn erstens kennt man dort eine solche Studie nicht. Die präsentierten Daten seien zwar von der Kassenärztlichen Vereinigung - mit der vom Ministerium verschickten Auswertung aber habe man nichts zu tun. Und zweitens, viel wichtiger: Die Vereinigung wehrt sich gegen die Schlussfolgerung und die These von Jens Spahn. "Dass sich die Nachfrage nach Psychotherapie durch ein höheres Angebot erhöht, bestreiten wir. Das lässt sich aus unseren Abrechnungsdaten auch nicht herleiten“, sagt Kai Sonntag, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, gegenüber dem ZDF.

Der Gemeinsame Bundesausschuss? Weiß auch nichts

Woher also stammt die "Untersuchung"? Zweiter Versuch, zweiter Anruf beim Ministerium. Diesmal wird neu verwiesen - auf den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA), das oberste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen. Doch auch dort - Überraschung - hat man diese Studie nicht erstellt, sondern bezieht sich genau wie das Ministerium auf die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg. Über Wartezeiten bei Psychotherapeuten könne man beim GBA ebenfalls nichts sagen, so die Pressestelle. Woher die Auswertung stammt? Weiter offen.

Psychotherapeuten auf dem Land arbeiten mehr

Diese Rechnung ergibt überhaupt keinen Sinn.
Gesundheitsökonom Robert Nuscheler

Unabhängig davon bleibt die Frage: Was können die Daten der Kassenärztlichen Vereinigung denn aussagen? In der vom Ministerium präsentierten Auswertung wird die Zahl der in einer Region erbrachten Psychotherapie-Sprechstunden ins Verhältnis gesetzt - und zwar wiederum durch einen Quotienten aus der Zahl der Einwohner und der Zahl der Psychotherapeuten. Eine komplizierte Bruchrechnung - aber, so sagt Gesundheitsökonom Robert Nuscheler von der Universität Augsburg, der sich die Daten für das ZDF angeschaut hat: "Diese Rechnung ergibt überhaupt keinen Sinn."

Dass zudem noch die Einwohnerzahlen mehrerer Städte in der Studie völlig falsch angegeben werden - geschenkt.

Was also lässt sich mit den Daten berechnen? Sinnvoll wäre etwa, die Zahl der Sprechstunden durch die Zahl der Psychotherapeuten zu teilen. Ergebnis: Psychotherapeuten in ländlichen Regionen arbeiten mehr. So bietet ein Psychotherapeut etwa im ländlichen Enzkreis im Schnitt fast doppelt so viele Sprechstunden an wie sein Kollege in der Großstadt Freiburg. Wo die Versorgung niedriger ist, müssen Psychotherapeuten also mehr arbeiten.

Was diese Daten allerdings nicht belegen: die These von Jens Spahn. "Diese Daten sagen nichts aus über eine womöglich zusätzlich geschaffene Nachfrage", sagt Gesundheitsökonom Nuscheler. Selbst wenn es höheren Bedarf in Städten mit mehr Psychotherapeuten gebe - "eine Korrelation sagt nichts aus über die Kausalität", so Nuscheler. Der Grund kann ein ganz anderer sein. Zum Beispiel, dass in Großstädten psychische Probleme weiter verbreitet sind als auf dem Land.

Verwirrung - und große Zweifel

Unser Fazit: Am Ende bleiben Verwirrung - und große Zweifel.

Eine Kernthese, die Minister Spahn für seine Neuregelung der Psychotherapie präsentiert, kann sein Ministerium nicht belegen. Im Gegenteil: Es präsentiert Kronzeugen, die von vermeintlichen Studien nichts wissen wollen - und auch noch entschieden widersprechen.

Dem Autor auf Twitter folgen: @fneuhann.

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