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Der Fall Chaschukdschi - Ein verschwundener Journalist und die Folgen

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Das mysteriöse Verschwinden des Journalisten Dschamal Chaschukdschi wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Was passierte? Und welche Konsequenzen hat der Fall international?

Der saudische Regimekritiker Chaschukdschi sei im saudischen Konsulat in Istanbul verschwunden. Türkische Ermittler wollen nun Beweise für einen Mord besitzen, sagt Jörg Brase.

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Wie stand Chaschukdschi zum Königshaus?

Lange Zeit war Dschamal Chaschukdschi Vertrauter des saudi-arabischen Königshauses Saud gewesen. Zweimal, 2003 und 2007 wurde er Chefredakteur des regierungsnahen Blattes "al-Watan". Beim ersten Mal nur zwei Monate lang, später verließ er den Posten nach drei Jahren. Jedes Mal waren zu der Zeit salafismuskritische Artikel in der Zeitung erschienen. Doch dies belastete wohl seine Beziehung zur Königsfamilie zunächst nicht, denn in der Zwischenzeit war er politischer Berater des damaligen saudischen Botschafters in London und Washington, der auch Mitglied der Saud-Familie war.

Warum ging er ins Exil?

Der saudische König Salman hatte 2017 seinen Sohn Mohammed zum Thronfolger ernannt. Schon vorher waren Regimekritiker entführt worden. Doch unter dem Kronprinzen nahm der Druck auf konservative Geistliche und liberale Menschenrechtsaktivisten zu und Bin Salman streckte seine Arme sogar ins westliche Ausland aus, um seine Gegner zum Schweigen zu bringen.

Aus Angst vor politischer Verfolgung ging Chaschukdschi 2017 ins Exil in die USA. Unter dem Namen Jamal Khashoggi veröffentlichte er in westlichen Medien und schrieb regelmäßig eine Kolumne für die "Washington Post". Hier wollte er für diejenigen sprechen, die in seiner Heimat im Gefängnis saßen, die selbst keine Stimme hatten. Er kritisierte wiederholt die diktatorische Politik von Kronprinz bin Salman, die Blockade Katars sowie die Verfolgung der Muslimbruderschaft.

Doch sicher fühlte er sich nicht. Seine Kollegen sagen heute, er hatte Angst. Und die war wohl begründet:

Was geschah am 2. Oktober?

Am Dienstag, 2. Oktober fuhr Chaschukdschi mit seiner Verlobten Hatice Cengiz im Taxi zum saudi-arabischen Konsulat, um eine Bescheinigung über die Scheidung von seiner Ex-Frau zu beantragen. Doch Cengiz wartete vergebens. Chaschukdschi kam nicht zurück. Bis heute ist unklar, was wirklich passierte.

Saudische Beamte betreten das Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul, aufgenommen am 12.10.2018
Hier wurde er zuletzt gesehen: Das saudi-arabische Konsulat in Istanbul
Quelle: dpa

Zur gleichen Zeit war eine Gruppe von 15 saudischer Männern in Privatjets in die Türkei eingereist. Sie betraten das Konsulat, fuhren später in einem Van mit getönten Scheiben davon, um noch am gleichen Tag auszureisen. Sie sollen in Istanbul Koffer gekauft haben, die sie nicht ausführten.

Wie kam es zum Verdacht der Ermordung?

Die Ermittlungen der türkischen Staatsanwaltschaft konzentrierten sich recht schnell auf das "Anschlagsteam" aus Saudi-Arabien. Sie vermuten, dass die 15 Männer den 59-jährigen Chaschukdschi im Konsulat seines Landes ermordet und die Leiche beseitigt haben.

Riad weist die Vorwürfe zurück. Einen Beweis, dass Chaschukdschi das Konsulat lebend verlassen hat, ist man allerdings bisher schuldig geblieben. Die Überwachungskameras seien an diesem Tag ausgefallen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan fordert Aufklärung aus Riad. Direkte Vorwürfe Richtung Riad hat die türkische Regierung vermieden, doch veröffentlichten türkische Medien zahlreiche Details der Polizeiermittlungen.

Wie reagiert der Westen?

Die türkische Verlobte Chaschukdschis hat zwischenzeitlich US-Präsident Donald Trump um Hilfe gebeten. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sowie sein Sicherheitsberater John Bolten hätten mit dem saudischen Kronprinzen gesprochen. Trump will allerdings trotz Allem nicht auf die Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien verzichten. Man müsse hart bleiben, doch "falls sich herausstellt, dass es so schlimm ist, wie es sein könnte, gibt es sicher andere Wege mit der Situation umzugehen", als Waffenverträge zu kündigen.

In der Türkei und im Westen werden Forderungen laut, die Beziehungen zu Saudi-Arabien zu überdenken. Der britische Außenminister Jeremy Hunt drohte mit "ernsten Konsequenzen", sollte der Regierungskritiker tot sein.

Die Bundesregierung hat Saudi-Arabien ebenfalls aufgefordert, sich an der Aufklärung zu beteiligen. Ein Sprecher des Außenministeriums erklärte, Außenminister Heiko Maas (SPD) habe dies Anfang der Woche vom saudischen Botschafter erbeten.

Auch internationale Unternehmen haben zwischenzeitlich mit einem Rückzug oder Ausstieg aus Vereinbarungen mit Saudi-Arabien gedroht.

Gibt es Beweise?

Die "Washington Post", für die der Dissident zuletzt als Kolumnist tätig war, berichtete, US-Geheimdienste hätten Hinweise auf Pläne zur Festnahme des Journalisten gehabt.

Außerdem beruft sie sich auf Informationen türkischer und amerikanischer Offizieller und behauptet, es gebe Ton- und Videoaufnahmen, die belegten, dass Chaschukdschi im saudi-arabischen Konsulat verhört, gefoltert und ermordet worden sein solle.

Eine Veröffentlichung scheue die türkische Seite, um nicht preiszugeben, wie ausländische Einrichtungen überwacht würden, so die "Washington Post". Sollte dies tatsächlich der Fall sein, bekäme der Fall zusätzliche Brisanz.

Welchen Einfluss hat dieser Fall auf die Machtverhältnisse in der Region?

ZDF-Korrespondent Jörg Brase
ZDF-Korrespondent Jörg Brase
Quelle: ZDF/Rico Rossival

"Die Türkei und Saudi-Arabien pflegen zwar durchaus enge wirtschaftliche Kontakte, sind jedoch erbitterte politische Konkurrenten in der Region", erklärt Jörg Brase, ZDF-Korrespondent in Istanbul. Kaum eine Gelegenheit werde ausgelassen, um den jeweils anderen zu brüskieren. "So bietet die Türkei muslimischen Dissidenten Unterschlupf und unterstützt die Muslimbruderschaft, die von Saudi-Arabien als Terrororganisation betrachtet wird."

Wegen der Unterstützung Katars für die Muslimbrüder, so Brase weiter, habe Riad die diplomatischen Beziehungen zum Emirat abgebrochen, zu dem die Türkei weiter enge Kontakte pflegt. "Katar wiederum versprach der Regierung Erdogan Finanzhilfen zur Bekämpfung der Wirtschafts- und Währungskrise. Darüber hinaus arbeitet die türkische Regierung im Syrien-Konflikt eng mit dem Iran zusammen, dem Erzfeind Saudi-Arabiens." Was sich zurzeit rund um den Fall Chaschukdschi abspielt, sei eine Fortsetzung des Konfliktes zwischen Ankara und Riad auf diplomatischer Ebene. "Die Türkei wird alles tun, um die weltweite Empörung über den Fall für die Stärkung der eigenen Position zu nutzen", so die Einschätzung unseres Korrespondenten.

Unterdessen ist eine Delegation aus Saudi-Arabien in der Türkei eingetroffen. Sie solle über das Wochenende türkische Behördenvertreter treffen. Am Donnerstagabend hatte der türkische Präsidentensprecher Ibrahim Kalin angekündigt, dass auf Bitten Saudi-Arabiens Türkei und Saudi-Arabien gemeinsam ermitteln würden.

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