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Hass hinter Pseudonymen

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Hate Speech im Fall Lübcke - Hass hinter Pseudonymen

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Im Netz feiern Rechtsextreme den Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Medienpsychologin Schmitt über die Folgen von Hate Speech und was man dagegen tun kann.

heute.de: Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wird per Kopfschuss getötet, und im Internet feiern Rechtsextreme das als "gute Tat". Wie kommt das?

Josephine B. Schmitt: Grundsätzlich kann man von politischen Gegnern halten, was man will, und ihre Haltung kritisch hinterfragen. Dennoch gilt für den Fall des Lebens oder des Todes, dass die Persönlichkeitsrechte, die durch das Grundgesetz geschützt sind, gewahrt werden müssen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Natürlich interessiert es Rechtsextreme meist sehr wenig, wem sie schaden, um für ihre Überzeugungen und Ideale zu werben. Hier tun sie es, indem sie den Tod von Walter Lübcke als gerecht feiern und diesen sogar mit Verschwörungstheorien in Verbindung bringen. So wird unter anderem kolportiert, dass die Medien wahrscheinlich von einem Mord an Walter Lübcke berichten werden, wenn es ein Deutscher gewesen ist. Sobald es sich jedoch um einen Täter ausländischer Herkunft handelt, wird man sagen, dass es Selbstmord war.

heute.de: Walter Lübcke ist schon zu Lebzeiten bedroht worden, seine Adresse wurde sogar ins Netz gestellt. Ist das eine neue Eskalationsstufe?

Schmitt: Es werden immer wieder Daten von Politikern oder auch Journalisten im Netz mit dem Ziel der Bedrohung dieser veröffentlicht – auch abseits dieses Falls.

heute.de: Warum ist das gerade im Netz so häufig anzutreffen?

Schmitt: Im Netz haben wir die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit Informationen an ein sehr breites Publikum zu verbreiten. Gerade die Blogs oder Seiten, die dafür verwendet werden, sind allen Menschen zugänglich. So kann man seine Hetze und sein Gedankengut an viele Menschen auf einmal verbreiten. Auf diese Weise kann man aber auch Menschen zu weiterer Hetze oder sogar Gewalttaten anstacheln.

heute.de: Ist es durch die Distanz - vom Computer oder Smartphone aus - im Netz einfacher Hate Speech zu verbreiten?

Schmitt: Das Gefühl von Anonymität erzeugt Distanz. Jeder, der Hasskommentare verbreitet, kann sich zum Beispiel hinter einem Pseudonym verstecken. Aber auch dem Verbreiter von Hasskommentaren fehlen die verbalen und nonverbalen Reaktionen des Opfers beziehungsweise der Opfer. Es ist leichter, jemandem zu schreiben "Du bist ein dummes Arschloch", als jemandem das Gleiche ins Gesicht zu sagen, dessen direkte Reaktion abzubekommen und zu sehen, wie sehr ihn das verletzt. Zudem ist im Netz die Möglichkeit viel größer, ortsunabhängig Mitstreiter zu finden, die in den Hasschor mit einstimmen wollen.

heute.de: Warum ist dieser Fall so dramatisch?

Schmitt: Das ist schwer zu sagen, weil es hierzu keine empirischen Daten gibt. Dass Hass gegen Politiker und Journalisten verbreitet wird, ist bekannt.

heute.de: Befördert die mediale Aufmerksamkeit das Ganze auch?

Schmitt: Dass man mit jeglicher Form von Provokation und Überschreitung von Grenzen Aufmerksamkeit generiert sind Strategien, die von Extremisten gerne und häufig benutzt werden. Dadurch bietet sich ihnen eine Plattform. Aber was wäre die Alternative? Würden die Medien nicht darüber berichten oder keine Reaktion darauf zeigen, könnte dies dazu führen, dass der Opfer-Mythos seitens der Rechtsextremen das Zusammenhaltsgefühl in der eigenen Gruppe gestärkt wird.

heute.de: Gibt es Regeln, wie man mit Hate Speech umgehen soll?

Schmitt: Solche Dinge sollten nicht unwidersprochen stehen gelassen werden. Auch im Netz ist ein Mindestmaß an Anstand und Moral notwendig. Man soll Zivilcourage zeigen und sich für eine demokratische Diskussionskultur einsetzen. Auch im Netz soll Meinungsvielfalt herrschen, dazu gehört allerdings nicht, dass man andere Leute beleidigt und verunglimpft. Sobald Gesetze überschritten werden, Dinge strafrechtlich relevant werden, sollten solche Hasskommentare bei den Plattformen gemeldet beziehungsweise die Polizei eingeschaltet werden

heute.de: Was muss getan werden?

Schmitt: In allen sozialen Medien gibt es die Funktion, dass man Hasskommentare oder entsprechende Videos melden kann. Der Seitenbetreiber gibt das an die Behörden weiter, die das dann strafrechtlich verfolgen sollten. Man hört leider oft, dass solche Verfahren eingestellt werden, da angeblich die Täter nicht ermittelt werden können. Ich glaube, dass seitens der Behörden noch viel mehr Medienkompetenz erforderlich ist. Meist ist es gar nicht so schwierig, Informationen über Täter herauszufinden. Weil sich die meisten weder die Mühe geben, wirklich anonym zu bleiben, noch tatsächlich vorsichtig sind, welche Informationen sie von sich im Netz preisgeben. Es gibt oft Mittel und Wege, Menschen auch ohne ihre Klarnamen zu identifizieren.

heute.de: Wie sehen Sie den Umgang von Politikern mit den sozialen Netzwerken?

Schmitt: Früher wurde der Kontakt zwischen Politik und Gesellschaft massenmedial vermittelt. Ohne Zeitung, Radio oder Fernsehen wusste man eben nicht, wohin der Bundeskanzler gereist ist. Heute kann jeder Politiker seine Meinung über die sozialen Medien direkt vermitteln. Gleichzeitig kann man auch die Reaktionen der Bevölkerung direkt erfahren. Oft sicher auch viel Hass. Sobald man als Person mit Hass konfrontiert ist, kann das sehr verletzend sein. Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass Hass Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit oder auch Angst auslösen kann. Das trifft sicher auch auf Politiker zu.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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