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Familiennachzug bei Flüchtlingen - "In Gedanken sind wir immer bei meinem Vater"

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Ahmad und sein Bruder sind gut integriert, lernen Fachinformatiker. Ihren kranken Vater mussten sie in Aleppo zurücklassen. Ein Schicksal beispielhaft für viele Tausend mehr.

Jedes Mal, wenn in Aleppo wieder Schüsse fallen, wie kürzlich, greift Ahmad H. in Kaarst bei Düsseldorf zum Telefon. Er will sichergehen, dass seinem Vater nichts passiert ist. Ahmad H. ist mit seinem Bruder Jamal und seiner Mutter Sarah vor drei Jahren geflohen. Ihr Weg in die Sicherheit führte sie von Aleppo in die Türkei, dann übers Meer nach Griechenland, dann zu Fuß über den Balkan, bis sie eben in Kaarst landeten. Ihren Vater mussten sie zurücklassen - er hat ein Rückenleiden und hätte die beschwerliche Reise nicht überstanden, erzählt Ahmad.

Seit drei Jahren getrennt voneinander

Sein Bruder und er sind mittlerweile gut integriert, sie sprechen passabel deutsch und haben beide eine Ausbildung zum Fachinformatiker begonnen. Seine Mutter Sarah war Englischlehrerin in Aleppo, sie spricht ebenfalls mittlerweile gut deutsch - objektiv gesehen geht es den H.s gut. Doch sie leiden darunter, seit drei Jahren von ihrem Vater in Aleppo getrennt zu sein. "Wir sind Deutschland sehr dankbar", sagt Ahmad, "aber in Gedanken sind wir immer bei meinem Vater. Wir sind sehr um sein Befinden besorgt. Wenn er herkommen könnte, dann würde es uns besser gehen, wir könnten uns dann auf unser Weiterleben konzentrieren."

Familie H. genießt subsidiären Schutz. Das heißt, sie sind nicht asylberechtigt, sie müssen aber wegen der kritischen Situation in ihrer Heimat Syrien vorerst nicht zurück. Ab heute ist es wieder möglich, dass eben auch diese eingeschränkt Schutzberechtigten Familienmitglieder nachholen dürfen. Zwei Jahre war der Familiennachzug für sie komplett ausgesetzt, im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD nach zähen Verhandlungen darauf geeinigt, dass ab dem 1. August maximal 1.000 Familienmitglieder im Monat nach Deutschland nachziehen dürfen.

Prozedere in der Kritik

So funktioniert, am Beispiel der Familie H., das Prozedere: Ihr Anwalt hat von Deutschland aus einen Termin bei der deutschen Botschaft in Beirut im Libanon für Vater H. beantragt, da die Botschaft in Syrien selbst geschlossen ist. Bekommt er einen Termin, darf Vater H. die syrisch-libanesische Grenze passieren, in der Botschaft in Beirut vorsprechen und seinen Antrag auf Nachzug stellen. Dieser wird an die Ausländerbehörde in Deutschland weitergeleitet, die für die H.s zuständig ist. Ist die Familie gut integriert und nicht etwa straffällig geworden, leitet die Behörde dann die Akte weiter ans Bundesverwaltungsamt in Köln, das schlussendlich über den Antrag entscheidet.

Doch es gibt Kritik. "Da wird eine enorme Bürokratie aufgebaut, die jeden Einzelfall prüfen muss - dabei haben alle Familien einen humanitären Anspruch", sagt Maria Loheide, Vorstandsmitglied der Diakonie Deutschland. Gyde Jensen von der FDP und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Menschenrechte moniert: "Die willkürlich gewählte Zahl von maximal 1.000 Nachzüglern pro Monat ist nicht verständlich. Ich würde mir sachliche, klare Kriterien wünschen und mehr Transparenz in diesem Prozess." Und Katrin Göring-Eckardt von den Grünen fordert: "Das Grundrecht, dass Familien zusammen gehören, muss gelten." Darauf allerdings besteht eben kein Rechtsanspruch bei eingeschränkt Schutzbedürftigen, betont die Union und verteidigt die Regelung.

Zahlen sich die Integrationsbemühungen aus?

Von einer ausgewogenen Balance "zwischen der Integrationskraft unserer Gesellschaft, Humanität und Sicherheit" spricht Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am 1. August. Und: "Die Regelung ist ein wichtiger Baustein in der migrationspolitischen Gesamtstrategie der Bundesregierung." Außerdem herrsche eben doch Transparenz, da die Kriterien klar sind, nach denen entschieden wird, sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, Stephan Mayer von der CSU: "Humanitäre Aspekte spielen eine wichtige Rolle, wie: liegt bei dem Antragsteller eine schwere Erkrankung oder Behinderung vor, oder sind kleine, minderjährige Kinder von einem Elternteil getrennt. Und auf der anderen Seite sind positive Integrationsleitungen hierzulande zu berücksichtigen: Lernt die Familie deutsch, hat ein Angehöriger hier einen Arbeitsplatz, kann er eine Familie ernähren – all das wird positiv zu bewerten sein."

Genau darauf hofft Familie H. in Kaarst: Dass sich ihre Integrationsbemühungen auszahlen. Die Ausbildungsplätze etwa, die Ahmad und Jamal angetreten haben. Aber: "Die Situation ist schwierig, weil wir nicht wissen, ob es klappt, dass unser Vater nachziehen darf", sagt Ahmad H., "und man hat keine Möglichkeiten, das zu beeinflussen, man muss einfach abwarten".

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