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"Family Romance, LCC" - Werner Herzogs Film über käufliche Gefühle

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Werner Herzog ist in diesem Jahr der einzige deutsche Filmemacher in Cannes. Seinen Film über käufliche Gefühle in Japan hat er aus der Hüfte geschossen.

Neuer Vater oder Instagram-Anhänger per Klick? Die Firma "Family Romance" in Japan macht das möglich. Altmeister Werner Herzog hat seinen Film über den Gefühlsverleih in Cannes vorgestellt.

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Leihmütter gibt es viele, Leihväter eher selten. Der Japaner Yuichi Ishii hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Er bietet an, fehlende Familienmitglieder zu ersetzen. Eine allein erziehende Mutter kann ihn mieten, damit er mit der pubertierenden Tochter Ausflüge in einen Vergnügungspark macht. Eine Braut, deren Vater Alkoholiker ist, kann ihn für die Dauer der Hochzeitsfeier mieten. Und zusätzliche Hochzeitsgäste gleich mit, für etwa 80 Euro pro Person. 

Hollywood war auch daran interessiert. Spielbergs Firma wollte einen Vertrag mit meinem Hauptdarsteller machen, Ryan Gosling glaube ich auch. Und bevor die irgendetwas gemacht haben, war ich schon fertig mit Drehen.
Werner Herzog

Family Romance heißt sein Unternehmen, das seit etwa zehn Jahren mit käuflicher Zuneigung und Imagepflege handelt. Als Werner Herzog, der Altmeister des deutschen Kinos, davon hörte, hat er nicht lange gefackelt. Innerhalb von zwei Wochen hat er in Japan einen Film über Ishii gedreht - ohne Drehgenehmigung, ohne Japanisch zu sprechen und ohne Filmcrew.

"Hollywood war auch daran interessiert. Spielbergs Firma wollte einen Vertrag mit meinem Hauptdarsteller machen, Ryan Gosling glaube ich auch. Und bevor die irgendetwas gemacht haben, war ich schon fertig mit Drehen", erzählt Herzog in Cannes mit einem leichten Schmunzeln. 

Es geht um die Einsamkeit in der Gesellschaft

Eine Szene habe er an einem Bahnhof eines Hochgeschwindigkeitszugs gedreht, der einer Sicherheitszone gleiche. "Ich wusste, ich kann diese eine Szene nur einmal drehen", sagt er. Noch während er drehte, sah er die Sicherheitsleute herankommen und Verstärkung herbeitelefonieren. "Aber bis die Verstärkung da war, war es fertig gedreht, und ich bin freundlich nickend an den Sicherheitsleuten vorbei hinausmarschiert."

Für Herzog ist das Thema der mietbaren Familienmitglieder keineswegs nur ein Kuriosum am anderen Ende der Welt. Es geht ihm grundsätzlich um die Einsamkeit in der Gesellschaft, um die fieberhafte Suche nach Ersatz für fehlende Begleitung, Zuneigung, Zärtlichkeit. Ähnliche Phänomene seien auch bei uns zu beobachten, meint Herzog. "Man kann ja auch schon auf Facebook 2.800 Freunde haben, ohne die meisten davon je gesehen zu haben", sagt er. 

Ich versuche immer zu verstehen, wohin wir uns entwickeln. Da tut sich Riesiges. Und das ist nicht irgendwas Exotisches in Japan, das kommt auch auf uns zu.
Werner Herzog

Er verfolge diese Entwicklung fasziniert und neugierig. "Ich versuche immer zu verstehen, wohin wir uns entwickeln. Da tut sich Riesiges. Und das ist nicht irgendwas Exotisches in Japan, das kommt auch auf uns zu."

Übrigens war der Film für Herzog auch eine Art Familienunternehmen: Gefilmt hat er selber, um den Ton hat sich der Sohn gekümmert, der auch die Drohnenaufnahmen gemacht hat, und die Fotos hat seine Frau aufgenommen. "Im Abspann sind lauter Mitarbeiter genannt, Kostüme, Transport, Rechtsabteilung - aber das ist alles erfunden, das war alles ich", erzählt Herzog und lächelt.

Nur 300 Minuten Rohmaterial für einen Kinofilm

Am Ende hatte der Meisterregisseur von Nosferatu und Grizzly Man nur 300 Minuten Rohmaterial, das ist für einen Kinofilm lächerlich wenig - und das merkt man dem Film an manchen Stellen durchaus auch an. Das Ergebnis ist eine eigenartige, sehenswerte Mischung aus Doku und Fiktion - Yuichi Ishii spielt sich selbst in vielen Situationen, die er auf der Website seines Unternehmens mit Fotos von offensichtlich glücklichen Menschen bewirbt. Aber immer wieder gleiten die Situationen sachte in die Groteske ab, so dass nie klar wird, wo die Linie zwischen Realität und Übersteigerung verläuft.

Yuichi Ishii führt sein Familienunternehmen der besonderen Art nun schon seit zehn Jahren. Aber ihm ist bewusst, dass es ein großes Geschäftsrisiko gibt. In einem Interview mit der Zeitschrift The Atlantic sagte er lakonisch: " Das größte Problem ist, wenn echte Zuneigung entsteht. "

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