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Fortpflanzungsmedizin - Zeitgemäßes Gesetz lässt auf sich warten

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Eizellspende, Embryospende, Leihmutterschaft - was darf die Fortpflanzungsmedizin in Deutschland und wie sieht es in anderen Ländern aus? Fragen und Antworten.

Fortpflanzungsmedizin
Passt das bestehende Embryonenschutzgesetz noch zum medizinischen Fortschritt und dem gesellschaftlichen Wandel? Quelle: dpa

Seit 1990 gilt in Deutschland das Embryonenschutzgesetz. Es regelt, was die Fortpflanzungsmedizin darf und was nicht. Erlaubt ist die Samenspende, verboten sind Eizellspende, Embryospende und Leihmutterschaft. Es ist also ein reines Strafgesetz. Viele Wissenschaftler finden, das reiche bei Weitem nicht aus.

Die Gesellschaft hat sich verändert - und die Forschung auch

Spätestens seit der Homo-Ehe ist klar: Kinderkriegen, besser Kinder haben, können auch zwei Frauen oder zwei Männer. Doch dieser Tatsache wird das gültige Gesetz nicht gerecht. Wer ist denn nun Vater und Mutter? Auch der medizinische Fortschritt in der Reproduktionsmedizin schreitet mit Riesenschritten voran. Es gibt neue Erkenntnisse, wie sich ein Embryo entwickelt und sanftere Methoden der Hormonstimulation bei künstlicher Befruchtung.

Samenspende ja, Eizellspende nein

Samenprobe
Kontrolle einer Samenprobe, die mittels einer Kryokonservierung in flüssigem Stickstoff bei ca. -170 Grad Celsius gelagert wird. (Symbolbild) Quelle: dpa

Unkompliziert, ohne medizinisches Risiko: Gegen die Samenspende gibt es wenig einzuwenden, und schon in der Antike war sie ein "gebräuchliches Mittel" gegen Unfruchtbarkeit. Die Eizellspende dagegen - so zumindest die Sichtweise vor 30 Jahren - sei gefährlich. Sie ist in der Tat ein medizinischer Eingriff und die Spenderin muss zuvor hormonell stimuliert werden. Dabei kam es wohl auch zu einzelnen Todesfällen. Doch die Hormontherapie hat sich verändert, es werden viel weniger Eizellen gebraucht als früher. Und viele Paare empfinden es als Ungerechtigkeit, dass infertile Männer über eine Samenspende dennoch eine Familie gründen können, während Frauen, die beispielsweise aufgrund einer Krebserkrankung keine Eizellen mehr bilden können, diese Möglichkeit verwehrt ist.

Kein Wunder, dass es Jahr für Jahr Tausende Paare ins Ausland zieht, wenn sie auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können. 2014 gab es europaweit 56.000 Eizellspenden. Als Mekka der Eizellspende gilt Spanien. Die Ukraine ist besonders billig. Wie seriös eine Eizellspende dort ist, sehen interessierte Paare jedoch nicht auf den entsprechenden Webseiten. Was bekommen die Spenderinnen an Bezahlung? Wie viele Eizellen werden entnommen und bei der Frau aus Deutschland wieder eingesetzt? In vielen Ländern ist die Eizellspende anonym, niemand weiß, wer die genetische "Mutter" ist. Dem Kind wird dadurch die Möglichkeit versagt, seine Abstammung zu erfahren. Dazu hat es aber ein Recht in Deutschland. So fällt sich das Embryonenschutzgesetz gewissermaßen selbst in den Rücken.

Selektion von Embryonen - in Deutschland tabu

Künstliche Befruchtung
Viele künstliche Befruchtungen gehen schief: In Deutschland liegt die sogenannte Baby-Take-Home-Rate bei 17,5 Prozent. (Symbolbild) Quelle: imago

Die deutsche Geschichte lässt nicht zu, dass ausgewählt wird, dass das Starke den Vorrang vor dem Schwachen erhält. Das gilt auch für im Reagenzglas befruchtete Embryonen. Es ist in bestimmten Fällen erlaubt, wenn auch umstritten, befruchtete Embryonen auf schwere Erbkrankheiten zu untersuchen (Präimplantationsdiagnostik), doch die Reproduktionsmediziner dürfen nicht abwarten und beobachten, wie sich die Embryonen entwickeln und dann nur die "Besten" wählen. Das führt dazu, dass die allermeisten künstlichen Befruchtungen schief gehen. Zwar werden viele Frauen oft mit Zwillingen oder Drillingen schwanger, doch das Kind oder die Kinder kommen nicht zur Welt, gehen vorher ab. In Deutschland liegt die sogenannte Baby-Take-Home-Rate bei 17,5 Prozent.

Viele Ärzte würden lieber nur einen Embryo transferieren (Single Embryo Transfer). Dazu müssten sie aber mehrere Eizellen befruchten, kultivieren, ihre morphologische Entwicklung verfolgen und dann selektieren. In vielen europäischen Ländern ist das erlaubt.

Leihmutterschaft

Schwangere Frau
Die Leihmutterschaft wirft viele ethische und rechtliche Fragen auf. (Symbolbild) Quelle: dpa

Homosexuelle Männer, die sich ein Kind wünschen, würden dieses manchmal gern von einer Leihmutter austragen lassen, genauso wie Paare, bei denen die Frau keinen Uterus hat. In Kalifornien könnten sie das organisieren, für zigtausend Euro. Ob das Kind in Deutschland dann ins Geburtsregister eingetragen wird, ob es hier als deren Kind anerkannt wird, ist allerdings nicht sicher. Die Leihmutterschaft wirft viele ethische und rechtliche Fragen auf und wird wohl in den nächsten Jahren in Deutschland nicht zugelassen werden. Staatsangehörigkeit, Unterhaltsansprüche - alles ungeklärt. Aber auch: Was passiert, wenn die Leihmutter das Kind dann doch behalten will oder die Wunscheltern es nicht wollen, weil es behindert ist, wie 2014, als ein australisches Paar der thailändischen Zwillings-Leihmutter das Down-Syndrom-Kind überließ und nur das gesunde mitnahm.

Das Embryonenschutzgesetz - mehr Fragen als Antworten

Archiv: Der Plenarsaal des Deutschen Bundestags im Reichstag in Berlin., aufgenommen am 12.01.2018
Bisher gibt es keine Einigung auf ein zeitgemäßes Fortpflanzungsmedizingesetz. (Symbolbild) Quelle: reuters

Der medizinische Fortschritt und der gesellschaftliche Wandel haben das bestehende Embryonenschutzgesetz längst überholt. Doch die Politik kann sich - anders als in Österreich oder der Schweiz - nicht dazu durchringen, ein zeitgemäßes Fortpflanzungsmedizingesetz zu verabschieden. Denn darin ginge es nicht nur darum zu erlauben oder zu verbieten, sondern vielmehr zu regeln, wer welche Verantwortungen und Rechte hat.

Wie müsste Beratung aussehen? Wo sind ethische Grenzen? Wo endet das Recht, eine Familie zu gründen? Wann dominieren Kommerz und Ausbeutung? Wo soll der Staat die Fortpflanzung regeln und was geht ihn nichts an? Antworten auf diese Fragen werden sehr kontrovers diskutiert, auch innerhalb der Wissenschaft. Doch ohne ein neues Gesetz wird es weiterhin so sein, dass Betroffene sich im Ausland behandeln lassen. Ohne Beratung, ohne Kontrolle, ohne Sicherheit auf Seriosität.

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