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Faszination des royalen Pomps - "Ein bisschen Kitsch und heile Welt"

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Die Welt schaut auf Prinz Harry und Meghan Markle - und freut sich auf royalen Glanz. Auch voll Sehnsucht nach der "scheinbar so guten alten Zeiten", sagt Soziologe Hartmann.

Archiv: Prinz Charles, Königin Elizabeth, Prinz Phillip, Catherine Herzogin von Cambridge, Princess Charlotte, Prince George, Prince William, Savanah Phillips und Isla Phillips bei der Militärparade 'Trooping the Colour' zu Ehren des Geburtstags der Queen auf der Prachtstraße The Mall am 17.06.2017
Rein äußerlich ein Traum von Familie und heiler Welt: Die köngliche Familie bei der Militärparade 'Trooping the Colour' zu Ehren des Geburtstags der Queen auf der Prachtstraße 'The Mall' am 17.06.2017 Quelle: picture alliance/Geisler-Fotopress

heute.de: Die Zeitschriftenhandlungen sind voll mit Klatsch und Tratsch über Neuigkeiten aus Adelshäusern. Liveübertragungen von Königs- oder Prinzenhochzeiten erreichen Millionen Zuschauer. Was macht den Reiz von Adel und Royals aus?

Michael Hartmann: Vor allem sind da zwei Aspekte ausschlaggebend. Zum einen sind Adlige heute Bestandteil der Celebrity-Industrie, so wie Schauspieler, Popstars oder Sportler auch. Und zwar ebenfalls gestaffelt von den alteingesessenen Royals an der Spitze, bei denen noch immer der Mythos Lady Di nachwirkt, bis weit herunter, wo dann auch nur noch in regionalen Medien berichtet wird.

heute.de: Und der zweite Aspekt? Möchte man vielleicht selbst in dieser Welt leben?

Hartmann: So einen Traum haben wohl eher wenige Menschen. Dafür ist die Distanz einfach zu groß. Deshalb ist man ja auch nicht neidisch auf Adlige, da schwingt eher Staunen oder Bewunderung mit. Nein, es geht um die Rahmenbedingungen, unter denen wir leben. Gerade in Zeiten, die sich durch größere Unsicherheiten auszeichnen, wächst die Sehnsucht nach den scheinbar guten alten Zeiten, in denen alles geordnet und sicher war. Und dafür steht natürlich der Adel.

heute.de: Aber war früher denn wirklich alles besser?

Hartmann: Natürlich nicht! Gerade zu Zeiten, als der Adel noch herrschte, gab es doch eine Menge Kriege und Unsicherheiten. Vor einigen Jahren gab es ja ein schönes Experiment, bei dem Menschen unter den Bedingungen auf einem Gutshof Ende des 19. Jahrhunderts leben sollten. Abgesehen von denen, die als Adlige oder Gutsverwalter das Sagen hatten, fand der Rest dieses Leben schon nach kurzer Zeit nicht mehr so toll. Mit unseren heutigen demokratischen Rechten hatte das halt nicht viel zu tun. Aber dennoch neigen Menschen ja dazu, gute alte Zeiten zu idealisieren und sich eine Ordnung wie im Märchen herbeizuträumen. Und bei unseren sich rasant wandelnden Lebensbedingungen wünschen sich viele eine Welt, die zumindest scheinbar geordnet ist.

heute.de: Wer interessiert sich für Royals & Co. - vor allem ältere Menschen, oder geht es quer durch alle Altersgruppen?

Hartmann: Vor allem kann man sagen, dass es größtenteils Frauen sind und dort tendenziell eher die älteren Jahrgänge. Männer hingegen haben kaum Interesse an Adelsthemen.

heute.de: Inwieweit entspricht das, was wir in den Medien über Traditionen und Lebensweise des Adels erfahren, der Realität?

Hartmann: Da muss man differenzieren. Wenn wir über den Etagenadel reden, dann sind das doch meist Menschen, die einen ganz normalen Beruf ausüben und Teil der Gesellschaft sind. Einige haben - gerade in der 68er Generation - damals ja sogar die alten Namen abgelegt. Da ist die Prägung heute natürlich nicht mehr so stark. Beim klassischen Hochadel mit Jahrhunderten Tradition ist das Bewusstsein hingegen noch sehr stark ausgeprägt. Da denkt man in Generationen, reicht den Grundbesitz weiter, es heiratet Hektar zu Hektar. Und Kinder werden auch heute noch in dem historischen Bewusstsein erzogen, Verantwortung zu übernehmen und Macht auszuüben.

heute.de: Wo hat der Adel denn noch Macht?

Hartmann: Dort, wo der Adel noch ökonomische Macht hat, besonders im ländlichen Raum. Auch in Regensburg wird sicherlich nur wenig ohne Einflussnahme der Thurn und Taxis' entschieden. In Großstädten wie München oder in anderen Ballungsräumen sieht das dann natürlich schon anders aus.

heute.de: Sitzt der Adel in Deutschland noch an Schaltstellen der Macht?

Hartmann: Im Privatbankenbereich hat es sich immer sehr gut gemacht, wenn die Mitarbeiter einen Titel mitgebracht haben. Aber solche Banken gibt es kaum noch. Auch beim Militär spielt eine adlige Herkunft keine Rolle mehr. Anders beim Auswärtigen Amt: Dort ist der Adel immer noch weit überproportional vertreten.

heute.de: Was hat Sie bei Ihren Forschungen zu Eliten am meisten beim Thema Adel fasziniert?

Hartmann: Wirklich beeindruckt hat mich, dass unter den heute 500 reichsten Deutschen jede zehnte Familie schon im Millionärshandbuch aus dem Jahr 1913 aufgeführt wurde. Das sind aber kaum Adlige, sondern fast durchweg Industriellenfamilien. Das zeigt, wie stabil große Vermögen, ob Adel oder nicht, trotz zweier Weltkriege und großer gesellschaftlicher Veränderungen bleiben.

heute.de: Zum Abschluss noch eine Frage zur Selbstberuhigung: Dürfen wir bekennende Fans der Royals und Fürsten sein, oder ist das vielleicht auch ein wenig peinlich?

Hartmann: Ach wo, das muss einem nicht peinlich sein. Ein wenig ist das so wie sonntags die Wahl zwischen Rosamunde Pilcher und dem Tatort. Ein bisschen Kitsch und heile Welt auf der einen Seite, mehr Realität und Spannung auf der anderen. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich selbst sehe immer den Krimi.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse

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