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WSI-Studie - Fachkräfte: Die Botschaft hinter den Zahlen

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Die Wirtschaft ist in Fahrt - und Verbände warnen vor zunehmendem Fachkräftemangel. Ökonomen halten die Warnungen für überzogen: Schuld seien niedrige Löhne. Ist das so?

In Zukunft werden immer mehr Fachkräfte in Deutschland fehlen.
In Zukunft werden immer mehr Fachkräfte in Deutschland fehlen.
Quelle: Arne Immanuel Bänsch/dpa

Die Wirtschaft boomt. Die deutschen Unternehmer kommen kaum hinterher, qualifizierte Arbeitskräfte einzustellen. Vor allem finden sie kaum noch welche. Der Fachkräftemangel wird zum immer größer werdenden Problem. Stimmt nicht, sagen nun Ökonomen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Sie halten entgegen, vielfach würde es helfen, wenn die Arbeitgeber mehr bezahlen würden. Die zu niedrigen Löhne seien schuld an der Misere.

Ideologischer Konflikt?

Verbirgt sich hinter der Debatte um den Fachkräftemangel gar der alte ideologische Konflikt? Die eine Seite, die Arbeit besser bezahlt wissen will. Und die andere, die das Kapital schützen will und über politischen Druck hofft, dass sie künftig günstiges Personal aus dem Ausland einsetzen kann? Stichwort Zuwanderungsgesetz. 

Wie so häufig liegt die Wahrheit in der Mitte. Und um das zu erklären, hilft es, sich die Zahlen nicht irgendwelcher Wirtschaftsinstitute anzuschauen, sondern zu fragen, wie denn eigentlich die Bundesagentur für Arbeit dieses Problem einschätzt. Schaut man auf die nackten Zahlen, dann meldete das Arbeitsamt im Juli 820.000 offene Stellen. Schon der Laie stellt fest, das ist viel. Und in der Tat: Seit der Einführung dieses Stellenindexes im Jahr 2005, ist es der höchste Wert, der jemals aufgeführt wurde. Lassen wir mal beiseite, dass die Bundesagentur möglicherweise gar nicht mit der Vermittlung hinterher kommt. Oder dass Jobsuchende zu wählerisch sind - was hier und da angeführt wird, um die hohe Zahl der offenen Stellen anders zu erklären, als mit dem Fehlen qualifizierter Bewerber. Trotzdem kann man festhalten: Es gibt einen Fachkräftemangel, und der ist gar nicht mal klein.

Anforderungen steigen

Es fehlt an Lehrern, Kindergärtnern, Altenpflegern, IT-Spezialisten, Personal in Bauberufen, in der Metall- und Elektroindustrie, um nur die wichtigsten Branchen zu nennen. Und nachweislich gibt es Gründe dafür. Am Bau sind es vor allem die niedrigen Zinsen, die einen Eigenheimboom ausgelöst haben. In der Pflege schafft die Alterung der Gesellschaft den steigenden Bedarf. Aber richtig ist natürlich auch, dass die Anforderungen ans Personal gestiegen sind. Wer heute einen Bauberuf erlernt, muss sich mit neuen Materialien, mit Umweltschutz beschäftigen. Wer sich mit Heiztechnik befasst, muss sich auch für Solarsysteme interessieren.

Und wer mehr verlangt, der muss auch bereit sein, mehr zu bezahlen. Dass das längst passiert, zeigt die Praxis: Examinierte Altenpfleger oder Altenpflegerinnen verdienen beispielsweise in Baden Württemberg rund 3.000 Euro brutto, in Sachsen aber nur 2.200 Euro, schaut man in die Entgeltliste der Bundesagentur für Arbeit. Ein ähnliches Bild gibt es beim Anlagenmechaniker im Sanitär-Heizungsbau. Baden Württemberg zahlt im Schnitt 3.280 Euro, in Thüringen verdienen dieselben Fachleute knapp 2.200 Euro. Es zeichnet sich also ab, dass vor allem wirtschaftsschwächere Regionen diesen Fachkräftemangel zu spüren bekommen. Und dass höhere Löhne in der Tat ein wirksames Mittel im Kampf gegen den Mangel sind.

WSI richtet sich an Niedriglohnsektor

Was das gewerkschaftsnahe WSI in seinem jüngsten Report bezweckt, ist natürlich, dass auch im Niedriglohnsektor, also bei den Reinigungskräften, bei den Sicherheitsdiensten oder in der Gastronomie, besser verdient werden soll. Denn auch hier gibt es viele unbesetzte Stellen und eine hohe Fluktuation. Doch ganz offenbar sind das nicht die Gewerbe, die ganz oben auf der Liste stehen, wenn die Wirtschaft über fehlende Fachkräfte klagt.

Ernsthafter dürften da schon die Sorgen seien, welche Anforderungen die voranschreitende Digitalisierung stellt, insbesondere an die Arbeitskräfte. Trotz der boomenden Konjunktur hinkt Deutschland hier nämlich hinterher und wird es künftig immer schwerer haben, geeignete Experten wie beispielsweise sogenannte Scrum-Master oder Agile Coaches zu finden. Die Diskussion um den Fachkräftemangel ist also auch ohne ideologische Färbung sehr komplex. Die Ökonomen des WSI haben aber insofern Recht, als dass sich Arbeit lohnen muss - und das Problem zumindest numerisch derzeit größer gemacht wird, als es tatsächlich ist.

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