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Wie eine Schule versucht, den Mangel zu verwalten

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Lehrermangel in Sachsen-Anhalt - Wie eine Schule versucht, den Mangel zu verwalten

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In der Gardelegener "Karl Marx"-Schule liegt die Unterrichtsversorgung bei knapp 84 Prozent. In den 7. und 8. Klassen fällt jede vierte Stunde aus. Ein Versuch, gegenzusteuern.

Stühle stehen auf Schultischen in einer Schule
Lehrermangel: Stühle stehen auf Schultischen in einer Schule
Quelle: dpa

Wenn Solveig Lamontain auf den Stundenplan schaut, kann sie nur noch mit dem Kopf schütteln. Stark ausgedünnt. Jeden Tag. In fast jeder Klasse. Seit sie die Leitung der Sekundarschule vor drei Jahren übernommen hat, ist die Situation von Jahr zu Jahr schwieriger geworden: Ältere Kollegen gehen in den Ruhestand, neue kommen nicht nach. Von der ursprünglich vom Land angestrebten Unterrichtsversorgung von 103 Prozent ist ihre Schule weit entfernt. Sie schafft nur knapp 84 Prozent.

"Pro Woche müssten wir unseren 17 Klassen 671 Stunden geben", zählt Solveig Lamontain auf. "Tatsächlich können wir nur 563 bedienen. Also haben wir ein Minus von 108 Stunden. Und das Woche für Woche!"

Seit die "Karl Marx" 2013 in das neue Schulgebäude gezogen ist, hat sie eigentlich beste Bedingungen: freundliche Klassenzimmer, Computer, Technikkabinett. "Vor allem haben wir ein tolles Team", so die Schulleiterin. Allein es fehlt an Lehrern. Genau genommen vier. Zudem ist eine Kollegin langzeiterkrankt. Besonders betroffen sind Kunst, Sport und Technik - und bei den Naturwissenschaften wird es auch langsam eng.

Also haben wir ein Minus von 108 Stunden. Und das Woche für Woche.
Solveig Lamontain, Schulleiterin
Sekundarschule "Karl Marx" in Gardelegen
Sekundarschule "Karl Marx" in Gardelegen
Quelle: ZDF

Stundentafel drastisch gekürzt

Also musste die Schulleitung die sogenannte Stundentafel kürzen - wenngleich nicht in allen Klassenstufen gleichmäßig: Eingedampft wurde zum Beispiel die zweite Fremdsprache von 3 auf 2 Stunden. Geschichte und Geografie von 2 auf 1,5. Chemie von 2 auf 1. Den größten Kahlschlag gab es in Hauswirtschaft und Technik: statt 2 Stunden werden nur noch 0,5 Stunden unterrichtet. Und zwar epochal. Das heißt im ersten Halbjahr eine Stunde, im zweiten Halbjahr gar keine Stunde.

Besonders betroffen sind davon die 7. und 8. Klassen. Hier fällt im Schnitt jede vierte Stunde aus. "Ich bin gespannt, wie die Eltern reagieren, wenn sie erfahren, dass die 7. und 8. Klassen an drei Tagen – Montag, Mittwoch, Freitag – um 11.05 Uhr Schulschluss haben", sagt Solveig Lamontain. "Das ist schon gravierend."

Kein Kunst-Unterricht mehr

Besonders schlimm steht‘s um den Kunstunterricht. Weil die einzige Lehrerin in den Ruhestand gegangen ist, fällt hier der Unterricht nun komplett aus. Das Problem: Auf dem Abschlusszeugnis der 10. Klasse muss in jedem Fach eine Note stehen, sonst wäre es ungültig. Was also tun?

Anke Mücke
Lehrerin Anke Mücke
Quelle: ZDF

Hier springt nun Anke Mücke in die Bresche. Die 52-Jährige gibt von Hause aus Geschichte, Geografie und Sozialkunde.

"Die Schulleitung hat uns Geschichtslehrer gefragt, wer sich vorstellen könnte in der 10. Klasse Kunstgeschichte zu unterrichten. Und das mache ich jetzt. Malen und Zeichnen kann ich leider nicht – aber Kunstgeschichte, das geht." Und so können die Schüler wenigstens ihren Abschluss machen.

Der Lehrer-Nachwuchs fehlt

Solveig Lamontain
Schulleiterin Solveig Lamontain bemüht sich, die Ausfallstunden gering zu halten. Das klappt nicht immer.
Quelle: ZDF

Fehlende Lehrer, verkürzte Stundentafel, Unterrichtsausfall. Mit diesem Problem steht die Gardelegener Schule nicht allein da. Im gesamten Landkreis hätten die Sekundarschulen eine ähnlich schlechte Unterrichtsversorgung, eine läge sogar bei unter 70 Prozent, so Solveig Lamontain.

Zwar sieht es in größeren Städten oder in Gymnasien besser aus. Doch kämpft Sachsen-Anhalt insgesamt mit zu geringen Bewerber-Zahlen. So waren im Februar rund 900 Posten ausgeschrieben – nur 500 wurden besetzt.

"Die Situation ist angespannt", bewertet das Bildungsministerium die Misere von Gardelegen. Und verweist auf die aktuell laufende Einstellungsrunde. Auf jede der drei dort ausgeschriebenen Stellen gebe es Interessenten. Die Bewerbungen würden nun mit Hochdruck ausgewertet, heißt es. 

Quereinsteiger – eine große Hilfe

So hofft Solveig Lamontain, in den kommenden Monaten wenigstens einen neuen Lehrer in Gardelegen begrüßen zu können. Vielleicht wird das wieder ein Quereinsteiger. Mit diesen Kollegen hat ihre Schule bislang gute Erfahrungen gemacht: "Die sind für uns ungemein wichtig. Denn sie decken richtig den Fachunterricht mit ab. Ohne unsere beiden Herren, hätten wir neben Kunst-, auch keinen Musik- oder Techniklehrer."

Hans-Peter Rose
Quereinsteiger Hans-Peter Rose hilft in Mathe und Technik aus.
Quelle: ZDF

Einer von ihnen ist Hans-Peter Rose. Mit seinen 62 Jahren sattelt der gelernte Chemiefacharbeiter und studierte Anlagenbauer noch einmal um. Statt Projektleitung bei einem Automobilzulieferer gibt er nun Unterricht in Technik und Mathematik. "Quereinsteiger bieten die Chance, berufliches Wissen in die Schule zu bringen", ist Hans-Peter Rose überzeugt. "Was ich allerdings lernen musste: Der Unterricht ist nur die Spitze des Eisbergs - das Entscheidende ist die Vorbereitung. Und da kommen bei mir nochmal 25 bis 50 Stunden oben drauf. Außerdem muss ich lernen, das Wissen in die Sprache der Kinder zu übersetzen."

Dabei könne er immer auf den Zusammenhalt des Kollegiums bauen, sagt Rose. Anders hätte er so manche Durststrecke bei seinem Neuanfang vielleicht nicht überstanden.

Lehrplan ist nicht mehr zu schaffen

Trotz Engagement und gegenseitiger Unterstützung aller an der Gardelegener Sekundarschule, sei der ganze Lehrplan aber nicht mehr zu schaffen, fasst Solveig Lamontain die Situation zusammen.  "Wir versuchen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Aber guten Gewissens kann man nicht mehr sagen, am Ende der 10. Klasse sind die Schüler bestens für die Berufsausbildung vorbereitet - das ist das Prekäre. Unsere Schüler sind doch die, die einmal unseren Mittelstand voranbringen sollen".  Doch resignieren will sie nicht, dass ist sie sich und ihrem Berufsethos schuldig: "Es sind doch unsere Kinder."

Akuter Lehrermangel

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