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9. November 2019 - Anlass zum Jubeln? - Ja!

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Schauen wir hin: Was ist auf dem Tisch 30 Jahre nach den tiefgreifenden Veränderungen. Reicht es, um zu feiern? Meine Antwort ist ein klares "Ja"!

Berlin: Die Kunstinstallation 'Visions in Motion'
Berlin: Die Kunstinstallation "Visions in Motion" zum Mauerfall-Jubiläum
Quelle: DPA

Warum?

Die friedliche Revolution ist ein einzigartiges Ereignis gewesen. "Mauerfall" oder "Wende" - diese Worte treffen nicht das, was sich im Herbst '89 in der DDR ereignete. Sie sind passiv, vernachlässigen Mut, Engagement und Entschlossenheit tausender Frauen und Männer in der DDR. Menschen standen auf, um eine scheinbar festgefügte Welt aus den Angeln zu heben. Es waren Menschen wie ich, aber ich war nicht unter ihnen. Auch wenn ich das heute gern schreiben würde. Sie organisierten sich ohne WhatsApp und Co.

Was DDR-Bürgern nach dem (mehrheitlich von ihnen gewünschten) Untergang ihres Landes an Veränderung abverlangt wurde, muss nicht gefeiert, sollte aber anerkannt werden. Sie sind nicht ins Ausland gegangen, das "Ausland" ist zu ihnen gekommen. Dabei sind Arbeitsplätze, Sicherheiten, Bedeutungen abhanden gekommen. Lebenspläne lösten sich auf, neue mussten gefunden werden. Heute würde ich sagen: Millionen Menschen mussten ihre Komfortzone verlassen. Was für ein Kraftakt!

Und was zählt heute? 

Seit 1995 zahlt jede und jeder den Solidarzuschlag, um die Kosten der deutschen Einheit in Ostdeutschland zu finanzieren. Dass er im Westen, wo es auch viel Renovierungsbedarf gibt, inzwischen in Frage gestellt wird, kann ich nachvollziehen. Diese Unterstützung aber ist der Grundstock für das Angleichen der Lebensverhältnisse. Arbeitslosenzahlen, Sparvermögen, Rente - Ost und West nähern sich an. Vielleicht nicht in dem Tempo, mit dem es ersehnt wurde. Aber die Tendenz ist eindeutig.

Mehr als 80 Prozent der Bürger im Osten der Republik haben bei der letzten Bundestagswahl für demokratische Parteien gestimmt. Dabei dürfte es auch unter ihnen nicht wenige geben, deren Ersterfahrungen als Bürger eines frei gewählten, demokratischen Landes nach 40-jähriger DDR-Diktatur ernüchternd waren. Dass die AfD Zulauf hat, und das im Osten mehr als im Westen, macht mich traurig, aber es wundert mich nicht. Den speziellen ostdeutschen Erfahrungen der 90er Jahre wurde zu wenig Raum gegeben. Das ändert sich gerade. Es ist nicht zu spät ist, miteinander zu reden.  

Aufgewachsen bin ich mit emanzipierten, wirtschaftlich selbstständigen Frauen in der DDR. Sie haben mich geprägt. Vorbilder eben. Mit der Einheit hat die Erwerbstätigkeit der Frauen in Westdeutschland signifikant zugenommen. Der Betreuungsanspruch für Kinder unter drei Jahren ist bundesweit gesetzlich geregelt. Die Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in der Gegenwart angekommen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!    

Und meine persönliche Feier?

Ich habe Freunde gefunden, die ich ohne die Ereignisse von 1989 nicht kennengelernt hätte. Menschen, die mein Leben beeinflussen, verändern, bereichern. Das ist ein großes Geschenk. Ich lebe inzwischen länger in der Bundesrepublik als in der DDR und den ostdeutschen Teil meiner Biografie empfinde ich zunehmend als Bereicherung meiner Lebensgeschichte.

Kann ich es mit der Geburt eines Kindes vergleichen? Für eine Frau ist eine Geburt eine sehr eindrückliche Erfahrung, Männern fehlt sie. Aber wenn sie miteinander darüber reden, bringt ihm das Einblicke und ihr Wertschätzung.

Um im Bild zu bleiben, die deutsche Einheit ist eine schwierige Geburt. Die nächste Generation wird weiter arbeiten an der Annäherung, am gegenseitigen Verständnis. Mit der digitalen Revolution gibt es eine neue Herausforderung in Ost und West. Leben ist Veränderung. Lasst es uns feiern. Alle zusammen.

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