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Das weibliche 1968 - "Geschlechterrollen radikal verändert"

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1968 war weiblich, sagt die Historikern Christina von Hodenberg. Im heute.de-Interview spricht sie darüber, wie stark die Revolte der Frauen die Gesellschaft verändert hat.

Die Rolle der Frauen in der 68er-Bewegung

Cornelia von Plottnitz engagierte sich damals an vorderster Front.

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heute.de: Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke oder Joschka Fischer, wer an 1968 denkt, denkt an eine Revolte junger Männer. Warum gibt es so wenige berühmte Achtundsechzigerinnen?

Christina von Hodenberg: Einerseits liegt das daran, dass die Medien damals vor allem Bilder produzierten, die Männer in den Vordergrund gerückt haben. Es passte nicht ins vorherrschende Weltbild, dass auch Frauen den Ton angeben und Rebellinnen sein können. Oft wurden Aktionen von Achtundsechzigerinnen medial nicht weiterverfolgt. Auf Fotos der 68er galten sie oft als schmückendes Beiwerk. Das heißt: Wir haben heute die Namen der Männer, die abgebildet sind, aber nicht jene der Frauen. Andererseits waren aber auch Frauen, die 1968 ganz vorne mitmischten, so sozialisiert, dass sie sich als Persönlichkeit gar nicht so in den Mittelpunkt gerückt haben. Das Scheinwerferlicht war vielen also auch unangenehm, das überließen sie den Männern, von denen einige dann zu Ikonen stilisiert worden sind.

heute.de: Trotz ihres offenen gesellschaftspolitischen Engagements ist zum Beispiel auch Gretchen Dutschke oft nur als "die Frau vom Rudi" betrachtet worden, was sie nach eigener Aussage noch heute ärgert. Warum hatten es Frauen so schwer, ernst genommen zu werden?

von Hodenberg: Gretchen Dutschke und auch andere Frauen wurden von der Polizei oft freigelassen, wenn sie bei Demonstrationen verhaftet worden waren. Teils mit dem expliziten Auftrag, wie im Fall Gretchen Dutschke, jetzt mal ein Abendessen zuzubereiten und es ihrem Mann zu bringen, der in Gewahrsam genommen worden war. Die Polizisten konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass Frauen in der Bewegung federführend beteiligt waren.

heute.de: "Achtundsechzig war weiblich", schreiben Sie dagegen in ihrem aktuellen Werk "Das andere Achtundsechzig" und meinen, der Beitrag der Frauen zur Revolte sei viel wirkmächtiger gewesen als der vieler Männer. Worin sehen Sie die größten Erfolge der Achtundsechzigerinnen, von denen die Gesellschaft noch heute profitiert?

von Hodenberg: Diese Wirkung hat mit dem Umkrempeln von Machtverhältnissen im Privatleben, in der Familie und im Geschlechterverhältnis zu tun. Das wurde lange nicht als politisch, sondern nur als kulturell begriffen. Die frühen Aktivistinnen haben erkannt, dass das Private politisch ist und dass es in der Privatsphäre Machtverhältnisse gibt, die geändert werden sollten. Das war der Kern des Feminismus der 1970er-Jahre. Sie haben es geschafft, patriarchalische Strukturen aufzubrechen, Geschlechterrollen und Erziehungsnormen radikal zu verändern.

Frauenbewegung, sexuelle Revolution, grüne Bewegung - mit den 68ern ging ein Ruck durch die Gesellschaft, der noch heute zu spüren ist.

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heute.de: Sie berichten davon, dass Frauengruppen 1968 landauf, landab auf Emanzipation drangen. Und das in einem patriarchalisch geprägten gesellschaftlichen Umfeld, in dem Sexismus Alltag gewesen sei. Wie haben sich junge Frauen gegen Unterdrückung erfolgreich wehren können?

von Hodenberg: Das ist nicht von heute auf morgen gegangen. Vielen Frauen ist erst nach und nach – und vielen davon schmerzlich – bewusst geworden, wo sie überall diskriminiert worden sind im Alltag. Sie haben erst Stück für Stück angefangen, Dinge einzufordern. Dabei bekamen viele auch aus der Generation der Mütter Rückenwind, die ihnen beistanden, wenn es darum ging, Abitur zu machen, zu studieren oder einen Beruf frei auszuwählen. In vielen Familien gab es also weibliche Allianzen der jungen und der mittleren Generation gegenüber den Vätern.

heute.de: Wie stark war der "Geschlechterkonflikt" unter jungen Frauen und Männern noch ausgeprägt?

von Hodenberg: Unter aktiven Achtundsechzigern etwa fühlten sich viele Frauen von den Männern nicht ernstgenommen. Sie hatten das Gefühl, dass sie Kaffee kochen und Flugblätter tippen durften, aber sonst schön still sein sollten und übergangen wurden. Die Männer wollten nicht, dass sie mitredeten. Und wenn sie es taten, wurden sie zum Teil ausgelacht. Frauen haben sich dagegen empört. Viele der frühen Aktivistinnen waren zudem Mütter kleiner Kinder, die deshalb ihr Studium abgebrochen hatten. Sobald ein Kind kam, war das damals noch alleinige Sache der Frau. Der Haushalt sowieso. Die Frauen begehrten dagegen auf und sagten den Männern: Ihr wollt doch eine neue Gesellschaft, Autonomie für alle, jetzt bitte wollen wir auch eure Mithilfe und unsere Selbstbestimmtheit.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Chronik 1968

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